Hurricane Festival

14. Hurricane Festival 2010 - Tag 2 - mit Local Natives, We Are Scientists, Florence & The Machine, White Lies, Deftones, Skunk Anansie, Marina & The Diamonds, Two Door Cinema Club, Frittenbude, The XX und Massive Attack

19.06.2010 Eichenring / Scheeßel

Von: Jessica Franke

Hurricane Festival Scheeßel

Auch heute zeigt sich das Wetter eher wechselhaft. Neben den leichten Regenschauern zeigt sich ab und zu die Sonne von ihrer besten Seite. Es ändert leider nur nichts daran, dass ein frischer Wind weht, durch den es doch eher kühl ist. Das hindert mich jedoch so gar nicht daran, mich den ganzen Tag auf dem Festivalgelände aufzuhalten, denn es gibt einiges zu sehen heute. Also die Gummistiefel übergezogen und mit Regenjacke bewaffnet geht es los in einen weiteren fantastischen Festivaltag. Ein Streifzug über den Zeltplatz bringt Erstaunliches zu Tage: Viele Zeltplätze sehen mehr nach einem Schlachtfeld als nach Camping aus, die Müllhalden scheinen sich bereits jetzt zu türmen. Viele Pavillons werden mit Klebeband zusammengehalten und nur noch die Farbe erinnert an die Verpackungsillustration. Von Müdigkeit ist hier nichts zu spüren. Aus mehreren Ecken schallt schon seit früh morgens die Musik aus den Boxen und auch zahlreiche Flunkyball-Matches werden wieder ausgetragen. Ich lasse mich jedoch von dem bunten Treiben auf dem Zeltplatz nicht lange aufhalten, zu groß ist der Drang nach Musik und so zieht es mich schon zu früher Mittagsstunde zum Festivalgelände.

Derzeit erlebt man ja schon quasi einen Folkboom. Wirklich zahlreiche grandiose Folkbands scheinen momentan fast aus dem Boden zu sprießen, um mit Mumford & Sons oder Port O’Brien wirklich nur zwei von diesen Kandidaten zu nennen. Trotz alledem bin ich stets offen für Neues, weshalb es mich als erstes an diesem Samstag zu Local Natives (12:25-12:55, Blue Stage) verschlägt. Nach dieser kurzen, kalten Nacht ist das genau das richtige, um in Stimmung zu kommen. Immerhin haben es ein paar Zuschauer tatsächlich um diese Zeit schon aus dem Zelt geschafft, um bei zarten Sonnenstrahlen dem unwiderstehlichen Folkpop zu folgen. Mit ihren ausgelassenen, mitreißenden Harmonien, verträumt orchestrierten Melodien und pulsierenden Rhythmen findet das Quintett aus Los Angeles direkt seinen Weg in die Herzen des Publikums. Ihre Songs eignen sich fast ebenso gut zum Tanzen wie zum Zuhören, sowie um in Gedanken zu versinken. Und zu ihrer äußerst sympathischen Art sind die Jungs auch noch äußerst talentiert. Bis auf den Schlagzeuger Matt Frazier beteiligt sich jeder mal am Gesang.

Nach diesem wundervollen Auftakt an diesem Tag kann ich gleich an der Bühne bleiben und beobachten, dass sich der Platz nun doch ein wenig mehr füllt. Zu Recht! Denn es stehen schließlich We Are Scientists (13:30-14:15, Blue Stage) auf dem Plan. Die Kindsköpfe aus New York haben nicht nur ihre unglaublich tolle Musik mit im Gepäck, sondern sie lassen es sich keine Sekunde nehmen, das Publikum mit ihrer äußerst sympathischen Art zu unterhalten. Stets kommunizieren sie mit ihren Fans und sind immer wieder für ein Späßchen zu haben. Sie haben eine fantastische Setlist mitgebracht. Neben den vorwärtstreibenden Songs der alten Platten wie "Nobody Move, Nobody Get Hurt" oder "The Great Escape" spielen sie auch Titel ihrer neuen Scheibe, die diese Woche erst erschienen ist. Aber auch diese Songs werden von den Fans sehr gut angenommen. Enthusiastisch wird mitgetanzt und auch einige textsichere Fans kann ich beobachten. Ich bin äußerst amüsiert von den Jungs und zugleich begeistert von der Musik. Besser kann ein Auftritt eigentlich gar nicht sein.

Bezaubernd geht es dann auch gleich weiter. Das Gesangswunder aus England, Florence + The Machine (14:45-15:30, Blue Stage) stattet dem Hurricane einen Besuch ab und begeistert die mittlerweile zahlreich erschienenen Fans. Der erste Wellenbrecher ist dann jetzt auch schon gut gefüllt. Florence ist unglaublich sympathisch und eine Frohnatur durch und durch. In ihrem luftigen Kleidchen tänzelt sie barfuss durchgehend über die Bühne und kommuniziert permanent mit ihren Fans. Und diese folgen ihr stets. Auf Kommando hin wird geklatscht und gesprungen und auch hier kann ich einige textsichere Fans beobachten. Florence bietet eine derartige Präsenz auf der Bühne, dass leider ihre Bandkollegen ein wenig in den Hintergrund geraten. Dabei sind doch auch bei diesen kleine wunderschöne Details zu bemerken, sei es das Schlagzeug, das mit Blumen geschmückt ist oder die wunderhübsche große Harfe, die von einem etwas bulligen Typen gespielt wird, der mit einem Bier auf die Bühne kommt. Insgesamt ist dies ein sehr gelungener Auftritt, mit ihrem Strahlen erreicht sie die Menge und zaubert jedem einzelnen ein Lächeln ins Gesicht.

Und immer noch hält es mich an der Blue Stage, denn nun sind die White Lies (16:00-17:00, Blue Stage) angekündigt. Auf die freue ich mich schon seit Wochen. Es ist mittlerweile proppevoll vor der Bühne, alle warten gespannt auf die sympathischen Engländer. Und mit voller Begeisterung werden sie schließlich empfangen, als sie die Bühne betreten. Immer wieder mit einem Lächeln im Gesicht sieht man es Sänger und Gitarrist Harry McVeigh an, dass er es genießt, auf der Bühne zu stehen. Leider war es das dann auch schon. Die Kommunikation zum Publikum fehlt komplett. Die Fans scheinen es den Sympathieträgern aber nicht übel zu nehmen. Sie folgen ihren Idolen auch so, singen und tanzen eifrig mit und umhüllen sie stets mit euphorischem Jubel. Mir persönlich fehlt gerade nach dem fantastischen Auftritt von Florence etwas das Besondere. Einfach nur die Setlist runter zu spielen empfinde ich an dieser Stelle als ein bisschen zu wenig. Es ändert allerdings nichts daran, dass die White Lies einfach tolle Musik machen, die einen von Grund auf schon zum Mitmachen animiert.

Nun wird dann aber doch mal Zeit, die Blue Stage zu verlassen. Auf meinem Weg kreuze ich die Green Stage, auf der sich noch Deftones (16:30-17:30, Green Stage) ordentlich ins Zeug legen. Der Platz ist wirklich äußerst gut gefüllt. Kein Wunder. Auch diese Jungs sind nicht erst seit gestern im Geschäft und haben sich in den letzten Jahren eine eiserne Fangemeinde aufbauen können. Im Pressezelt ereilt mich dann sofort die Nachricht: Deftones mussten ihr Konzert kurzzeitig unterbrechen, ein Fan hat sich bei dem wilden Tumult in der Menge das Schienbein gebrochen. Ups.

Viel Zeit habe ich nicht, ich muss mich schon auf den Weg zur nächsten Bühne begeben. Beim Vorbeistreifen an der Green Stage kann ich den Auftritt von Skunk Anansie (18:00-19:00, Green Stage) kurz verfolgen. Sofort fällt mir das außergewöhnliche Outfit von Deborah Anne Dyer alias Skin auf. Nicht nur ihre eindrucksvolle Stimme sowie ihre derartige Bühnenpräsenz, die wirklich bis zur letzten Ecke des Platzes zu verspüren ist, beeindrucken mich zutiefst, auch die wirklich zahlreich erschienenen Fans lassen mich wirklich staunen. Der Platz ist brechend voll und begeistert folgt jeder Zuschauer, an dem ich vorbei komme, dem dynamischen Auftritt der vier Briten. Gern würde ich mir das Spektakel weiter ansehen, aber ich muss weiter zur Red Stage.

Schon draußen höre ich die wundervolle Stimme: Marina & The Diamonds (18:00-18:45, Red Stage) stehen auf dem Plan. Ich komme noch rechtzeitig um mir die letzten Lieder zu Gemüte führen zu können. Ziemlich schnell setzt jedoch die Enttäuschung ein. Nach einem grandiosen Auftritt von ihr im Stage Club in Hamburg, bin ich nicht davon ausgegangen, dass dieser so schnell getopt werden könnte, aber hier präsentiert sich Marina eindeutig von ihrer schlechteren Seite: Unglaublich affektiert und distanziert zum Publikum, dazu kommt dann auch noch Playback, was sie nun wirklich nicht nötig hat. Sehr schade drum.

Das Zelt leert sich, zumindest kurzzeitig. Mich hält es hier, denn Two Door Cinema Club (19:30-20:15, Red Stage) sind angekündigt. Der Hype, der in den letzten Monaten um sie gemacht wurde, war ja kaum noch auszuhalten und nach einem mittelmäßigen Gig in London, den ich von ihnen gesehen habe, will ich es mir nun nicht nehmen lassen, mich noch einmal vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Schnell ist das Zelt auch schon gefüllt, nein, überfüllt. Die Tore müssen dicht gemacht werden, keiner passt mehr rein. Die Vorfreude des Publikums ist nicht zu übersehen und erst recht nicht zu überhören. Schon während der Umbaupause ist das Zelt mit Zurufen und Jubel erfüllt. Kaum zu halten und fast schon hysterisch werden schließlich die jungen Iren empfangen, als sie die Bühne betreten. Keinen im Publikum hält es still auf seinem Platz, geht auch nicht, denn das enthusiastische Tanzen zu den äußerst melodischen Indiepopsongs erfüllt das komplette Zelt. Das Trio hat wirklich leichtes Spiel seine Fans zu begeistern. Zum Ende hin finden sie dann noch ein paar dankende Worte für ihre Fans. Was für ein dynamischer Auftritt, sowohl von der Band als auch von ihren Fans.

Was für ein ereignisreicher Tag. Doch zu Ende soll dieser noch lange nicht sein, denn es gibt noch so viel zu sehen. Die nächste Nachricht soll auch nicht lange auf sich warten lassen: Auf den Linewänden wird schließlich mitgeteilt: Die White Stage ist dicht. Frittenbude (21:00-22:15, White Stage), das angesagte Münchner Trio aus dem Hamburger Labelhaus Audiolith, muss nach nur drei Liedern ihre Show abbrechen. Zu doll war der Andrang auf das kleine Zelt, darauf war keiner vorbereitet. Aus Sicherheitsgründen hat man sich schließlich dazu entschlossen, die Türen für diesen Tag zu schließen. Manche Bühne ist eben zu klein für eine derart gehypte Band.

Unter klarem Himmel und mit einer leichten Brise, die einem zart über das Gesicht streichelt, wird es nun magisch minimalistisch: Nach einer unermüdlichen Tour durch die ganze Welt verzücken The XX (22:30-23:30, Blue Stage) zu dieser Stunde das Hurricane. Hier hat ganz eindeutig die Hypemachine wieder zugeschlagen und zahlreiche Menschen angezogen, einschließlich mir. Ihr Streben nach äußerster Reduktion beschränkt sich nicht nur auf ihre Musik. Jamie Smiths Drummachine-Pult wird lediglich von den zwei leuchtenden Doppel-X auf schwarzem Untergrund geziert. Unterstützt wird dieses dezente Bühnenbild von einem zarten Lichtarrangement und einer Nebelmaschine, was das ganze noch ein wenig mystisch erscheinen lässt. Auf unnötige Bewegungen wird verzichtet. Und so stehen sie mit ihrer britischen Schüchternheit, die kaum von Coolness zu unterscheiden ist, regungslos, ja fast schon ernst auf der Bühne. Vielleicht ist es gerade das, was die Fans so begeistert. Hingebungsvoll wird zu den ruhigen Klängen und dem herzzerreißenden hingehauchten Gesang getanzt und mitgesungen. Unwiderstehlich zupft Romy Croft ihre Gitarre, Oliver Sims Bassläufe treffen Herz und Magen der Zuschauer. Zum Teil wummert der Bass leider so sehr, dass man sich, zumindest am Rand, die Ohren zuhalten muss. Vielleicht zu meiner Schande muss ich gestehen, dass der Hype an mir irgendwie völlig vorbeigeht. Eher gelangweilt schaue ich dem Treiben auf der Bühne zu, erfreue mich jedoch sehr an der Begeisterung im Publikum.

Wenn man bedenkt, dass sich Massive Attack (00:30-2:00, Blue Stage) schon vor sage und schreibe 20 Jahre gründeten, wundert es wohl kaum, dass der Platz mehr als gut gefüllt ist. Die Luft ist mit Vorfreude erfüllt, voller Spannung wird die britische Trip-Hop-Band aus Bristol erwartet. Überall kann man das Publikum tuscheln hören: Wen werden sie wohl mit dabei haben? Werden sie auch alte Songs spielen? Sowohl als brillanter Live-Act als auch als politisch stark engagierte Band hat sich Massive Attack in den vergangenen Jahrzehnten einen klangvollen Namen machen können. Und spätestens als die Show beginnt, wird dieses sofort deutlich. Im Vergleich zu den minimalistischen The XX scheint hier alleine schon das Equipment mit zwei Schlagzeugen regelrecht gigantisch. Wie mit einem lauten Knall wird die Bühne schließlich zum Leben erweckt, das Publikum empfängt die Band mit tosendem Jubel. Neben den Musikern der Band mit Gitarre, Bass, Schlagzeugen und Keyboard, erscheint Martina Topley-Bird auf der Bühne, die das Publikum nicht alleine durch ihre fantastische Stimme verzaubert, sondern in ihrem pompösen afrikanischen Gewand auch noch ganz entzückend aussieht. Zudem haben sie noch Horace Andy mit dabei, den Reggae-Sänger mit der Samtstimme. Im Rücken der Band erwacht eine monströse LED-Wand zum Leben. Permanent und vor allem in deutscher Sprache werden fortan Datensätze, Informationen über die Tour, Wetterberichte, Statistiken über alles und nichts, Fragen zu Krieg und Frieden und andere Fakten aufgerufen, die im Takt der Songs auf den Zuschauer regelrecht einprasseln. Bizarres steht dabei gleichberechtigt neben gänzlich Sinnfreiem und politisch relevanten Fakten, wie die aktuellen Börsenkurse, Preise für diverse US-Waffen bis hin zum Flugzeugträger, Anzahl der Ziviltoten im Irak. Es stockt einem regelrecht der Atem, zum einen ist man gerührt von der herrlichen Musik, zum anderen liest man diese politischen Fakten auf der Leinwand, die einem zum Teil die Tränen in die Augen schießen lassen. Im Zusammenspiel von Leinwand, Lichtshow und Musik ergeben sich einige gute Momente. Die Fans bewegen sich kollektiv zur Musik und scheinen allesamt wie elektrisiert. Natürlich präsentieren Massive Attack neben ihrer aktuellen Platte, die doch tatsächlich sieben Jahre auf sich warten ließ, auch altbekannte Songs wie "Teardrop" und "Angle", wofür sie vom Publikum gebührend gefeiert werden. Was für ein atemberaubender Auftritt.

Auch heute lassen im Discozelt zahlreiche Feierwütige nach den Konzerten noch die Nacht zum Tag werden. Ich bin für heute raus aus der Nummer, zu anstrengend war der Tag, aber dafür auch umso schöner mit zahlreichen tollen Bands. Ich begebe mich ins Bett und freue mich auf einen wundervollen letzten Festivaltag.

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