Hurricane Festival

14. Hurricane Festival 2010 - Tag 3 - mit Good Shoes, Phoenix, Vampire Weekend, Deichkind, Ash und The Strokes

20.06.2010 Eichenring / Scheeßel

Von: Jessica Franke

Hurricane Festival Scheeßel

Unter Missachtung der Ratschläge sämtlicher Vernunftpersonen nimmt das wilde Gelage auch am letzten Tag seinen Lauf. Das Wetter: Nach wie vor wechselhaft, Sonne und leichte Regenschauer teilen sich abwechselnd den Festivalhimmel. Ein Großteil der 70.000 Besucher liegt noch im Schlafsack oder wühlt sich durch die letzten Vorräte, auf der Suche nach etwas Essbarem oder den letzten Krümeln Kaffeepulver, als ich mich schon wieder auf den Weg zum Festivalgelände begebe.

Mit äußerst tanzbarem, zackigem Indierock soll der Tag schließlich beginnen. Die Good Shoes (12:00-12:30, Green Stage) aus London sind angerückt und beweisen einmal mehr, dass sie über pulsierende Livequalitäten verfügen. Zwar haben zu dieser frühen Mittagsstunde noch nicht so viele den Weg zur Bühne gefunden, dafür handelt es bei diesen scheinbar um diejenigen Fans, die Rock und Pop nicht einfach nur konsumieren, sondern regelrecht ausleben. Ausgelassen wird zu den melodiösen Songs getanzt und mitgesungen. Zwei Alben kann das sympathische Quartett schon verzeichnen, und von denen haben sie eine schön zusammengestellte Setlist mitgebracht. Da macht es auch nichts, dass Sänger Rhys Jones den einen oder anderen Ton versäbelt, mindestens sein Strahlen im Gesicht lässt es uns ihm verzeihen.

Besonders groß ist die Vorfreude, denn mehr als einmal habe ich bisher lesen können, dass Phoenix (16:30-17:25, Blue Stage) wohl zu einer der besten Livebands zählen, die der Indiebereich derzeit zu bieten hat. Und scheinbar bin ich nicht die einzige, die über diese Information verfügt. Schon vor dem Konzert schaffen es die freundlichen Franzosen nahezu Hysterie aufkommen zu lassen. Jeder versucht noch irgendwie vor den ersten Wellenbrecher zu gelangen. Dabei haben es die Securitys sichtlich schwer, das Gedrängel unter Kontrolle zu halten. Ich halte mich bequem hinter dem ersten Wellenbrecher, lasse mir bis zu Beginn des Konzertes die Sonne ins Gesicht scheinen und beobachte, wie der Platz voller und voller wird. Als das charmante Quartett schließlich die Bühne betritt und dann auch noch mit "Lisztomania" eröffnet, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Überall wird zu dem harmonischen Indiepop getanzt und mitgesungen. Sie sind Sympathieträger durch und durch. Stets sucht Sänger Thomas Mars den Kontakt zum Publikum, springt von einer Seite der Bühne zur nächsten. Er hat leichtes Spiel mit den Fans, kann sie zum Mitspringen, Klatschen und Schreien animieren. Neben zahlreichen wundervollen Songs vom Album "Wolfgang Amadeus Phoenix" haben sie auch ältere Stücke wie "Consolation Prizes" mit dabei. Mit "1901" als letzten Song hauen sie gleich noch mal ein Highlight raus. Und weil man ja gar nicht daran denkt, die Bühne danach einfach zu verlassen, wird der Song auf ein Unermessliches ausgedehnt. Die Gelegenheit wird von Thomas noch mal genutzt, um die Nähe zu den Fans zu suchen. Mit seinem Mikro springt er über die Absperrung und läuft einmal bis zum ersten Wellenbrecher durch die Menge, stets instrumental begleitet von seinen Bandkollegen. Was für ein fantastischer Auftritt. Phoenix machen ihrem Ruf wirklich alle Ehre.

Zwischendurch präsentiert der Veranstalter ein paar Zahlen. Die offizielle Zuschauerzahl beläuft sich auf 70.000, somit ist das Hurricane 2010 ausverkauft! Die Polizei und Feuerwehr vermelden keine besonderen Vorkommnisse. Lediglich lästige Taschendiebe, 200 Ticketfälschungen und 12 Körperverletzungen sind zu verzeichnen, Festivalalltag! Nach dem Frittenbuden-Desaster wurde die Red Stage umgebaut. Für die Jungs von Bratze (20:30-21:30), ebenfalls aus dem Audiolithteam, sollte der Abend dann ja gerettet sein. Und auch das Programm auf der White Stage kann nach einer nächtlichen Umbauodyssee wieder aufgenommen werden.

So wechselhaft sich das Wetter an diesem Wochenende auch zeigt, der Regen hält sich doch eher in Grenzen. Bis jetzt. Als wolle der Himmel ein Zeichen setzen, beginnt es zum Auftritt von Vampire Weekend (18:30-19:45, Green Stage) wie aus Kübeln zu schütten. Glücklicherweise befinde ich mich zu der Zeit auf dem Zeltplatz in Sicherheit. Selbst die Polizisten suchen mit ihren Pferden Schutz unter Pavillons. Das Wetter kann den Auftritt der vierköpfigen Band aus New York City jedoch nicht aufhalten. Tapfer ziehen sie ihr Programm weiter durch, bis der Himmel schließlich aufgibt und die Sonne wieder hervor lässt. Das Festivaloutfit der unerschrockenen Fans gleicht jedoch nach diesem Wolkenbruch einem nassen Sack.

Nach dem Regen verschlägt es mich doch recht bald wieder auf das Festivalgelände. Auf meinem Weg streife ich an dem energiegeladenen Auftritt von Deichkind (19:45-21:15, Blue Stage) vorbei. Ich bin immer wieder fasziniert darüber, wie viele Menschen sie mit ihrer Musik anziehen. Oder ist es vielleicht doch einfach nur die Show? Die hat es jedenfalls ordentlich in sich. Mit Trampolinen auf der Bühne und Schlauchboot, in dem sie sich über das Publikum tragen lassen, bieten sie ihren Fans eine Show, die sich sehen lassen kann. Definitiv keine Band, von denen ich eine Platte im Regal stehen haben muss, aber zu sehen, wie sie sich von ihren Fans feiern lassen – das hat schon was.

Nachdem das Konzert im Hamburger Logo leider abgesagt werden musste, freue ich mich umso mehr darauf, die Gelegenheit zu bekommen, Ash (20:15-21:25, Red Stage) auf dem Hurricane sehen zu können. Mit ihrem unglaublich sympathischen Auftreten haben sie sich eine eiserne Fangemeinde aufbauen können, von denen sich einige auf diesem Festival versammelt haben. Das Zelt ist nicht übermäßig voll, dafür ist die Konkurrenz auf den anderen Bühnen mit Faithless (20:15-21:30, Green Stage) und Deichkind dann wohl doch zu groß, aber immerhin voll genug, um eine hervorragende Stimmung aufkommen zu lassen. Neben sowohl alten als auch neueren Songs haben die Iren auch gleich noch einen neuen Gitarristen mit im Gepäck, bei dem sich um niemand geringeren handelt als Russell Lissack, Gitarrist von Bloc Party. Sänger Tim Wheeler hat sichtlich Spaß auf der Bühne. Ständig ist er in Bewegung und strahlt über das ganze Gesicht, während er die harmonischen Indierocksongs präsentiert. Die Begeisterung wird dabei eindeutig auf das Publikum übertragen. Überall wird mindestens fröhlich mitgewippt und einige begleiten die Songs sogar äußerst textsicher. Immer wieder spricht Tim zu den Fans und animiert diese zum Klatschen und Mitsingen. Toller Auftritt, definitiv meine Überraschung des Festivals.

Sex, Drugs And Rock’N’Roll, na ja, oder so ähnlich könnte man The Strokes (22:00-23:30, Green Stage) vielleicht beschreiben. Über 10 Jahre sind die Fünf aus New York nun schon im Geschäft. Eine lange Zeit, um sich eine treue Fangemeinde aufzubauen, wie sich eindeutig an der Fülle des Platzes widerspiegelt, und vor allem wohl auch, um sich alles an Rockstarallüren anzueignen, was nur geht. Das Konzert beginnt um die 20 Minuten zu spät und die Jungs kommen definitiv alles andere als nüchtern auf die Bühne. Sänger Julian Fernando Casablancas versucht immer wieder ein paar Worte für die zahlreich erschienenen Fans zu finden, erkennt dabei aber glücklicherweise selbst, dass er wohl einer der schlechtesten Redner überhaupt ist ("We are the worst speaker ever"). Vom Publikum wird das jedoch durchaus mit Humor aufgenommen und immerhin kommuniziert er mit diesem, denn dafür ist er ja eigentlich nicht bekannt. Die Setlist gleicht einer Greatest-Hits Liste aus allen drei Alben. Ausgelassen wird zu Songs wie "Reptilia" oder "Last Nite" getanzt und mitgesungen. Aber auch die übrigen Stücke werden von den Fans gebührend abgefeiert. Fünf Songs gibt es noch zur Zugabe, dann endet das Konzert, früher als vorgesehen. Sie sind eben virtuose Rockstars, ob man mit der Art nun klar kommt oder nicht, es ändert nichts daran, dass sie einfach hervorragende Musiker sind.

Und damit ist das Hurricane Festival 2010 vorbei. Jetzt erinnert nur noch die gute alte Festivalschminke aus Schweiß, Staub und Regen an drei ereignisreiche Tage. Viele verschlägt es noch ins Discozelt, ich trete, nun doch etwas geschafft von diesem Wochenende, die Heimreise an. Es war ein tolles Wochenende mit vielen tollen sowohl musikalischen als auch zwischenmenschlichen Eindrücken. Insgesamt ist der Veranstalter mit der Organisation sehr zufrieden, und das kann er auch durchaus sein. Ich bin begeistert, wie gut alles an diesem Wochenende funktioniert hat und möchte mich an dieser Stelle noch einmal recht herzlich sowohl bei den FKP Scorpio Mitarbeitern als auch den Securitys aus dem Pressezelt bedanken, die mir diese Berichterstattung doch um einiges erleichtert haben und vor allem für die zahlreichen netten Gespräche sowie den Kamillentee!

Zum Schluss noch zwei TV-Tipps für alle Daheimgebliebenen und alle Festivalgänger: Am Samstag, den 26.06. um 23:00 Uhr zeigt MTV die HURRICANE - Highlights. Und am 05.07. zeigt der NDR um 18:15 Uhr die Sendung "Woodstock in der Nordheide: Hurricane-Festival in Scheeßel"!

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