Incubus

Tour 2007

15.03.2007 Palladium / Köln

Von: Thomas Welsch

Incubus Köln

In der Regel betritt eine Band die Bühne und verlässt sie nach einer Stunde oder auch mal zwei, um sich zu verabschieden oder in die Zugabenpause zu entschwinden. Incubus schaffen es bei ihrem Konzert im Kölner Palladium noch nicht mal bis zum Ende ihres Openers „Quicksand“, ehe sie schlagartig die Flucht in den sicheren Backstage-Bereich ergreifen.

„Was ist denn da los?“ geistert es durch die Köpfe der ca. 4.000 anwesenden Fans. Ratsuchend wendet man sich an die Stehnachbarn, um gemeinsam herauszufinden, was geschehen ist. Die Blicke wenden sich nach oben, wo Menschen, die sonst möglichst unsichtbar die Protagonisten beleuchten, hilflos taumeln. Um an dieser Stelle keine künstliche Spannung aufkommen zu lassen: Es ist niemandem etwas passiert. Eine über der Bühne angebrachte Traverse hat sich nach vorne geneigt, so dass die Beleuchter den Halt verloren hatten. Dank der Sicherung konnten alle unversehrt aus der Gefahrenzone gebracht werden. Nach einer Ankündigung, es dauere 5 bis 10 Minuten, dann ginge es weiter, wird die Traverse herabgelassen und alle Scheinwerfer demontiert. Schließlich dauert es über eine halbe Stunde ehe sich die Mannen um Sänger Brandon Boyd gegen 21:45 Uhr bei heller Saalbeleuchtung zurück in den Gefahrenbereich wagen. Das geniale Songduo „Quicksand“ und „A Kiss To Send Us Off“ eröffnen wie auch auf dem aktuellen Album „Light Grenades“ den eigentlichen Abend. Der Vorfall bleibt von der Band mehr oder weniger unerwähnt. Angesichts des glimpflichen Ausgangs hätte das Missgeschick aber durchaus kreativ aufgearbeitet werden können.

Die Qualität des Sounds lässt zu Beginn noch etwas zu wünschen übrig, weshalb das eigentlich imposante „Wish You Were Here“ noch nicht den erwarteten Kracher darstellt. Schon bei „Anna Molly“ wird´s deutlich besser und auch die Band kommt in Fahrt. Als erwähnenswerte Erkenntnis stellt sich dann auch bei „Paper Shoes“ heraus, dass die neuen Songs schon nach den ersten Takten sehr euphorisch aufgenommen werden, wie es sonst nur bei altbekannten Hits der Fall ist. „Here In My Room“ fungiert als stimmiger Übergang zum Akustik-Teil, der mit „Redefine“ beginnt. Die Fans nutzen die (ruhige) Gunst des Moments und überraschen Bassist Ben Kenney mit einem Geburtstagsständchen. Möglicherweise auch deshalb überraschend, weil er doch erst am Tag drauf seinen 30. Geburtstag feiert. Aber das soll keinen stören und so stimmen Ben, Brandon und vor allem Mike Einziger an der Akustik-Gitarre das geniale „Drive“ an. Das sich im Takt wiegende Publikum singt was das Zeug hält und man wünscht sich, dieser einmalige Refrain möge niemals enden.

Auch der Übergang von den Akustik-Songs zum wuchtigen Ende des Mainsets könnte kein Lied besser als „Earth To Bella Part 1“ gestalten. Ganz unschuldig reiht es sich zunächst in die Riege der vorangegangenen Lieder ein, bevor einen die wummernde Gitarre aus allen Träumen holt.

„Love Hurts“ hat in den letzten Monaten wohl so manches Herz berührt, so dass für viele ein Incubus-Abend ohne diesen Song nur schwer vorstellbar wäre. Sie werden nicht enttäuscht. Anders als diejenigen, die sich seit der Veröffentlichung des großartigen „Morning View“ nicht vorstellen konnten, dass die Band jemals darauf verzichten wird, „Nice To Know You“ zu spielen. Heute ist es leider der Fall. Dafür gibt es eine ausgiebige Version von „Sick, Sad Little World“ zu erleben, die neben „Drive“ den Höhepunkt des Abends darstellt. Mark durchdringende Bässe, Drum- und Percussioneinlagen und diverse Soli tragen dazu bei. Die leuchtenden Handschuhe, die sich der Leadsänger angelegt hat, sind eher nettes Gimmick. In die Zugabenpause entlässt uns Incubus mit dem wunderbaren „Dig“: „Sing this song remind me that we’ll always have each other when everything else is gone.” Ist das nicht schön? Apropos schön: Brandon Boyd lässt sich bis zur Zugabe Zeit, um seinen Oberkörper zu entblößen. Vielleicht ist der Erregungslevel bei „Rogues“ nicht zuletzt deshalb so hoch. „Pistola“ und „Megalomaniac“ beschließen ebenso kraftvoll wie standesgemäß den Abend.

In Anbetracht der vielen Highlights und der fehlenden Durchhänger fällt mir die Antwort auf die Frage, warum dieses Konzert nicht mehr als nur gut war, schwer. Ein 90-minütiges Set ist heute Standard, aber warum nicht noch eine Zugabe drauflegen? Ihr Songmaterial gäbe da einiges her. Eine bis auf wenige Ausnahmen gleichbleibende und somit vorhersehbare Setlist ist leider Merkmal der meisten Bands. Aber warum nicht mal experimentieren? Ja, ich weiß, das ist Meckern auf hohem Niveau.

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