Jan Plewka singt Rio Reiser
Zu Beginn bahnt sich nur die markante raue Stimme Jan Plewkas ihren Weg durch die Dunkelheit der Hugenottenhalle. Sie tönt aus dem Off und erst nach einigen Zeilen bemerkt man den Mann, im "Hauptberuf" am Gesang der Gruppe Selig, mit Akustikgitarre um den Hals an den Reihen vorbei zur Bühne laufen. Der Saal ist bestuhlt und die ersten Strophen von "Halt Dich An Deiner Liebe Fest" kriechen dann bereits schon eindringlich in die Nervenstränge in Richtung Herzen.
Der Blick durch die Reihen trifft auf Augen, welche erzählen könnten, von den Zeiten als "Ton Steine Scherben" zum musikalischen Sprachrohr einer Bewegung wurden, welche Anfang der 70er Jahre die Häuser besetzte und auf Augen, welche verklärt die Last der Zuspätgeborenen in sich tragen. Die Seelen hinter diesen Augen haben eines gemeinsam: Die Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach Zauberland. Gemeinsam sind ohnehin alle Anwesenden an diesem Abend. Und sie werden an diesem Abend auch noch alle gemeinsam vor ihren Stühlen stehen.
Einer wie ein Alt 68er (diese strapazierte Plattitüde sei hier erlaubt) steht von Beginn an in signalrotem Sweatshirt neben den Stuhlreihen, reckt die Faust und singt enthusiastisch jede Strophe mit. "Mein Name Ist Mensch" liefert das erste Brett an Bandsound in den kleinen Saal. Diese ist mit den Musikern Marco Schmedtje (Gitarre), Dirk Ritz (Bass), Martin Engelbach (Schlagwerk) und dem Multiinstrumentalisten Lieven Brunckhorst (Klavier, Holz, Blech) superb besetzt und nennt sich "Die Schwarz-Rote Heilsarmee". Ihr Können haben die vier Kollegen bei der Zusammenarbeit mit verschiedenen Musikgrößen, diversen Projekten und als Band am Schauspielhaus Hamburg bereits mehrfach unter Beweis gestellt.
Bei "Keine Macht Für Niemand" geht plötzlich das Saallicht an und es ist spätestens hier jedem klar, dass dies kein Konzert im herkömmlichen Sinne sein wird. Zu "Mensch Meier" und dem "Rauch – Haus – Song" sitzen die Musiker um ein imaginäres Lagerfeuer und spielen akustisch klappernd ihr Liedgut. Jan Plewka singt unverstärkt in die Dunkelheit und die Zuschauer singen mit. Dies ist heute unser Haus! Auf eine sympathische und unaufdringliche Weise ist das Publikum mittendrin in diesem Musiktheater und der Geist von Rio Reiser spukt durch jede Silbe, die Jan Plewka von der Bühne schickt. Er tritt hinter die Songs zurück, verschmilzt mit ihnen, gibt ihnen Raum und wird eins mit ihnen. Er spürt die Lieder. Ehrlich und offen. Das Gewicht der Textzeilen berührt uns zärtlich und bleibt haften. Bei "Der Turm Stürzt Ein" ziehen die Musiker wie eine Spielmanns-Truppe durch die Sitzreihen und lassen sich Münzen in den Musikantenbeutel werfen. Heute ist jeder tatsächlich mittendrin statt nur dabei. Natürlich sind einzelne Textpassagen bereits etwas angestaubt, aber das meiste hat in seiner Dringlichkeit nichts an Aktualität verloren.
Immer wieder überrascht das Programm mit Einlagen, in denen Jan Plewka wie ein Wahnsinniger aus dem Saal stürmt und dann per Leinwand das manische Treiben außerhalb der Halle filmisch nach innen übertragen wird. Überhaupt ist Plewka teilweise überall. Mal oben, rechts, links, vorne und hinten und mitten in den Herzen der Zuschauer. Die Dynamik an diesem Abend ist schier unbeschreiblich. Die Band spielt sich virtuos und druckvoll durch die Stücke und treibt mit rohem erdigem Sound den Zug voran. Dann wird es wieder ruhiger und die ergreifenden Songtexte Rio´s in seinen Liebesliedern lassen durch die Interpretation Jan Plewka´s ein Kribbeln am ganzen Körper entstehen. Schritt für Schritt ins Paradies transportiert er uns mit den geheulten Textzeilen, der Wut und Hoffnung - welche sich aus der Liebe speist. Die Stimme ist dringlich, sie greift und hält sich an seiner Liebe fest.
Die rote Couch im Bühnenbild wird oft genutzt. Um auf ihr zu hüpfen, zu liegen, zu träumen und auf dem Akkordeon Träume über das weite Meer zu schicken, während die Bandkollegen am Bühnenrand ein Bierchen trinken. Unten am Hafen rufen die Klänge sehnsuchtsvolle Weisen über die stahlblauen Wogen und verschwimmen am Horizont. Die Tränen von gestern hat diese Musik längst getrocknet und die durstigen Lippen längst getröstet. Rio wird heute von den Toten auferstehen! Plewka saugt seine Seele auf und singt sie wieder heraus.
Mitten in "Für Immer Und Dich" kommt er wiederholt von der Bühne ins Publikum, nimmt eine junge Frau bei der Hand, führt sie auf die Bühne und kniet nieder. Umschlungen sinken beide im Rausch des Gitarrensolos Marco Schmedtjes auf die Bretter und bleiben liegen bis der letzte Ton im Raum stehen bleibt. Dann Jan Plewka alleine am Klavier. Die getupften Pianoklänge, die sanften Anschläge, der schmerzliche Gesang: "…wenn ich mir was wünschen dürfte…" klingen lange nach. Das eigene Herz als Resonanzkörper. Leise wird es, ganz leise. Andächtig. Später rebelliert er wieder los. Schreit "Der Traum Ist Aus" heraus. Die tiefe Verletzlichkeit dieser Lieder wird in den Saal gesetzt und wie der unsichtbare Geist Rio´s ziehen die Töne in die Köpfe, setzen sich fest. Zärtlich und wild ruft Jan Plewka die Parolen in die Menge. Eine magische Energie hat sich schon lange ausgebreitet. Dieser ganze Abend hat eine Tiefe und Nähe, wie sie einzigartig scheint. Ein kleiner Saal. Atmosphärische Intimität.
Den Schlusspunkt setzt vorerst ein Reggae infiziertes "Junimond" und hier tanzt der ganze Saal und singt "…es ist vorbei, bye, bye…". Doch das ist es glücklicherweise heute noch nicht ganz. Sie kommen noch für ein paar Nummern noch ein paar Mal zurück, proklamieren "Alles Lüge" und entlassen uns beseelt von diesen Liedern mit einem "Nach Hause" in den kalten Abend, der jetzt plötzlich so warm erscheint. Ich trete ins Freie und weiß: Zauberland ist noch irgendwo! Dieser Abend muß ein Wunder sein – ein wunderbares Wunder sein!