Tour 2011
Weit über dreißig Jahre ist es her, dass der französische Komponist und Musiker Jean Michel Jarre mit seinem Synthesizer-Klassiker "Oxygene" die Welt der elektronischen Musik für immer veränderte. Neben Mike Oldfields "Tubular Bells" und den New-Age-Spielereien von Tangerine Dream hat wohl kein Instrumentalwerk solche Auswirkungen auf den internationalen Musikmarkt gehabt. Der Erfolg des Albums, von dem bis heute mehr als zwölf Millionen Exemplare verkauft wurden, hat 1976 sicher nicht nur den Komponisten sondern auch die Verantwortlichen der Plattenfirmen kalt erwischt. Wer konnte auch ahnen, dass Jarre mit "Oxygene (Part IV)" einen Ohrwurm geschaffen hat, der trotz seines sperrigen Titels heute noch die Massen zu begeistern weiß. Legendär ist auch das Cover-Artwork: ein Bild der Erde, aus dem sich wie unter einer Kruste ein menschlicher Schädelknochen herausschält.
Jean Michel Jarre hält so viele zählbare Bühnenrekorde wie kein anderer moderner Musiker: Mehr als zwei Millionen Menschen verfolgten live sein Bühnenspektakel zum 200. Jahrestag der französischen Revolution in Paris. Ein paar Jahre später erlebten geschätzte 3,5 Millionen Menschen den triumphalen Auftritt "Oxygene in Moscow" mit. Er spielte vor 1,3 Millionen Fans für die NASA in Houston, vor dem Papst und weiteren 800.000 Zuhörern in seiner Heimatstadt Lyon, im Angesicht der Pyramiden von Gizeh und als erster westlicher Musiker nach dem Tod von Mao in Peking und Shanghai. Und am 1. Juli 2011 hat Jarre anlässlich der Hochzeit von Albert II. und Charlene Wittstock ein Open-Air-Konzert in Monaco gegeben. Wenn also ein solcher Meister seines Fachs in die Arena Trier einlädt, müsste der Laden aus allen Nähten platzen. Leider ist das nicht der Fall. Gut 1000 Menschen verirren sich in dem weiten Rund, werden aber dafür mit einem prächtigen Spektakel belohnt.
Wie man an den Stimmen rundherum erkennen kann, sind viele Fans aus Frankreich und Luxemburg angereist. Der harte Kern beherrscht die vorderen Sitzreihen und sorgt schon vor Konzertbeginn für ausgelassene Stimmung. Wenige Minuten nach 20 Uhr nimmt der agile 63jährige zunächst ein Bad in der Menge bevor er die mit elektronischem Gerät aller Art vollgestopfte Bühne betritt. Überraschend jugendlich ist sein Erscheinen. Mit wuscheliger Haarpracht und faltenlosem Gesicht würde er locker als Endvierziger durchgehen. Drei Mitmusiker komplettieren die Band – alle hinter Synthesizern, Percussion und allerlei Knöpfen und Reglern versteckt.
Das Bühnenbild wird von einer riesigen LCD-Leinwand beherrscht. Hinzu kommt eine durchaus überschaubare Anzahl an Lampen und Laserprojektoren. Was die Performance angeht, werden manche Anwesende enttäuscht gewesen sein – ist Jarre doch eigentlich berühmt für seine riesigen, mit Preisen und Weltrekorden überhäuften Sound- und Lichtspektakel. Aber wo inzwischen jede drittklassige Popband schon mit Lasereffekten arbeitet, ist der innovative Charakter einer solchen Show schon lange nicht mehr gegeben. Das Publikum jubelt, wenn Jarre sich an die kleine Laser-Harfe begibt oder sich diese im großen Stil in den Bühnenvordergrund projizieren lässt. Ansonsten müssen wir uns mit futuristischen Lichtgebilden über den Köpfen der Zuschauer begnügen. Zumindest von den hinteren Plätzen aus betrachtet schaffen diese eine schöne Atmosphäre. Aber ich muss gestehen, dass auch ich mir mehr erwartet habe.
In über zwei Stunden Konzertlänge erzählte Jean Michel Jarre seine ganz eigene Musikgeschichte: Die beiden "Oxygene"-Alben finden sich in mehreren Teilen verstreut über den Set. Die Klassiker "Equinoxe", "Magnetic Fields", "Rendez-vous" und "Revolutions" zeigen die ganze Bandbreite des Künstlers. Er redet nicht viel – lässt lieber die Bilder auf der Leinwand sprechen. Zu "Statistics" werden in einer beeindruckenden Performance Digitalanzeigen eingeblendet, die das aktuelle Weltgeschehen dokumentieren. Oder kleine Männchen mit Ferngläsern (vom "Equinoxe"-Cover) vermehren sich zu einer wogenden Masse. Vor dem Zugabenblock gibt es endlich die erlösenden Klänge von "Oxygene IV" und spätestens jetzt ist der letzte Zuschauer auf den Beinen.
Als Fazit bleibt zu sagen: Jean Michel Jarre kann’s noch. Wenn er inzwischen auch tausendfach kopiert wurde und jeder blutige Amateur sich Synthesizer-Sounds am heimischen PC schaffen kann, so macht es doch Spaß, dass Original bei der Arbeit zu beobachten. Wie er virtuos seine Instrumente bedient und bisweilen selbst andächtig den Klängen lauscht, die er ihnen entlockt. Die Stimmung in der Arena ist hervorragend – mit einem Hauch von Nostalgie in der Luft. Und Jarre ist ganz Profi. Egal ob vor Millionen Zuschauern oder 1000 Eingeweihten. Er gibt alles und lässt jeden zufrieden nach Hause gehen.