Mit Haut und Haar Tour 2011
Aber hallo – das war mal ein heißes Konzert in der Saarbrücker Garage. Am 14.11. luden Jennifer Rostock zum Tanz. Doch vor den Schweiß haben die Götter die Kälte gesetzt. Es hieß Anstehen bei Minusgraden. Ein gutes Omen: Die Band aus Berlin sollte die Konzertarena diesmal füllen. Die Ochsentour und eine stetige Steigerung über drei Alben haben sich ausgezahlt.
Zunächst allerdings waren "Ich kann fliegen" dran. Seltsamer Name – gute Band. Die Jungs aus Hannover machten rotzig-frechen Gitarrenrock mit deutschen Texten. Vor allem bei den in großer Zahl anwesenden Mädels kamen sie gut an. Und tatsächlich machte das Quartett eine klasse Figur mit seiner Musik irgendwo zwischen eingängigen Melodien, leichten Emo-Anleihen und einer Prise hartem Rock. Vor allem beim letzten Stück (den Titel weiß ich leider nicht) gingen Augen und Ohren auf: ein hymnischer, sich stetig steigernder Sound mit epischer Piano-Einlage. So mag man das und die knapp 40 Minuten Spielzeit vergingen wie im Flug.
Pünktlich um 21 Uhr erklang als Intro der Kultschlager "Im Wagen vor mir". Der Sinn dessen hat sich mir nicht so ganz erschlossen, aber irgendwann standen schließlich die vier Instrumentalisten und Frontfrau Jennifer Weist auf der Bühne. Ja, die Band ist im Rockolymp angekommen. Und vor allem die gut gebaute, von Hals bis Fuß tätowierte Sängerin ließ sich gebührend feiern.
2008 legten die Berliner ein beachtenswertes Debüt vor, das sich wohltuend von der Schwemme deutschsprachiger Rockbands mit weiblichen Vocals abhob. Energiegeladen und authentisch, mit ironischen Texten – auch heute noch ein Dauerbrenner in meinem Player. Das Zweitwerk "Der Film" war dann schon ein gewagtes Experiment. Den neuen Longplayer in der Art eines Filmsoundtracks aufzumachen und zu bewerben, das trauen sich normalerweise nur Bands mit einem breiten Backkatalog im Rücken. Doch Jennifer Rostock sind nun mal erfrischend anders und gehen ungewöhnliche Wege. Musikalisch blieb allerdings auch für das dritte Werk "Mit Haut und Haar" alles beim Alten. Unbeeindruckt von modischen Spielchen und dem Zwang, unbedingt etwas Neues bieten zu müssen, bleibt sich das Quintett stilistisch treu und arbeitet weiterhin mit der gleichen Mischung aus NDW-Sound, elektronischen Elementen und einer gehörigen Portion guter Rockmusik – wie dies schon bei den Vorgängern der Fall war. Die Texte sind noch ein Stück frecher geworden und bleiben gut im Ohr hängen.
Alles in allem setzen Jennifer und ihre Kollegen auf klare Ansagen und allgegenwärtige Tanzbarkeit. Hinzu kommt die Berliner Schnauze, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Jennifer Weist flirtet mit Jungs wie Mädels, lässt die Frauen ihre Titten vorführen und die Männer mit nacktem Oberkörper Pogo tanzen. Stets liegt ihr ein handfester Spruch auf den Lippen und sie kokettiert damit, dass ihre gute Figur und die knappe Arbeitskleidung die versammelte Mannschaft anmachen.
Das Publikum ist fest in Jennifers Hand. Da wird mal ein starker, sich in Jubelschreien verlierender Zwei-Seiten-Chor gebildet. Zum kleinen Akustik-Set werden sechs Mädels auf die Bühnencouch eingeladen und dürfen gemütlich ein Bierchen schlürfen. Die "süße Maus" Vanessa wird kurzerhand ins Schlauchboot gesetzt und darf als Kapitänin über die Köpfe der Zuhörerschaft schweben und Lokalheldin Michelle beweist mit einer beeindruckenden Performance, dass sie den Text von "Feuer" aus dem Effeff beherrscht.
Im Verlauf des Sets gewinnt Jennifers Stimme immer stärker an Aussagekraft. Vor allem die Akustik-Einlagen zeigen, welches Potential in ihren Vocals steckt. Da gibt es keine Aussetzer und sie brilliert in jeder Stimmlage. Durch die Bank dominieren laute Töne, der Synthiesound reißt nur selten ab und selbst bei sanften Tönen wie "Ich kann nicht mehr" schwingt ein genialer Groove mit und der Song steigert sich von Zeile zu Zeile.
Die Texte sind durchweg klare Statements. "Der Kapitän" verhackstückelt autobiographisch die Erfahrungen aus dem Showgeschäft, "Lügen haben schöne Beine" wendet sich gegen Selbstgefälligkeiten aller Art, "Insekten im Eis" spielt mit der Melancholie nicht erfüllter Hoffnungen.
Vor der Zugabe gibt es endlich "Nenn mich nicht Jenny" und ich muss immer wieder aufs Neue den selbstironischen Text und den Songaufbau bewundern. Wer kennt nicht die Situation, dass man sich schlecht gelaunt über jede Kleinigkeit aufregen kann? Die hübsche Jennifer möchte nicht Jenny genannt werden (ihr gutes Recht) und macht dies in der Klimax des Songs mit immer lauter werdenden Worten deutlich – bis zum genervten Rausbrüllen der Phrase zum Songende. Ein Sich-verausgaben bis zur letzten Minute.
Nach 90 Minuten endet eines der besten deutschsprachigen Konzerte, die ich seit langem gesehen habe. Jennifer Rostock sind live eine Offenbarung und vor allem ihre Frontfrau glänzt mit einer Bühnenpräsenz, die ihres Gleichen sucht. Dabei wirkt nichts aufgesetzt. Sie bleibt immer im Kontakt zum Publikum, sagt, was sie denkt, und versprüht Esprit und Charisma. Von dieser Band werden wir hoffentlich noch viel hören.