John Garcia

Garcia plays Kyuss

11.06.2010 Batschkapp / Frankfurt/Main

Von: Pascal Kraus

John Garcia Frankfurt/Main

In alten Schuhkartons bewahren manche Menschen die unterschiedlichsten Dinge auf: Fotos, Briefe, persönliche Andenken und anderen diversen Krimskrams. Oder auch Konzertkarten. So wie ich. Anlässlich des heutigen Konzerts, welches in gewisser Weise dazu dienen soll in der Vergangenheit zu schwelgen und das unter dem Motto "Garcia Plays Kyuss" steht, habe ich meinen Schuhkarton wieder hervorgeholt und mir eine bestimmte Eintrittskarte angesehen: Kyuss, Sky Valley-Tour, Batschkapp Frankfurt , 12. Februar 1995, Preis: 20,- DM (zuvor waren Kyuss plus Guests bereits im September 94 in Frankfurt zu sehen).

Als die Neunziger in Richtung Halbzeit gingen und die Musikindustrie damit begonnen hatte die ergiebige Quelle "Grunge" langsam aber sicher trocken zu legen, da sprudelte bereits seit Anfang des Jahrzehnts in der kalifornischen Wüste bei Palm Desert langsam eine neue Quelle empor, inmitten einer musikalisch offensichtlich sehr fruchtbaren Oase. Die Formation, die ihre "Fickmusik", wie es die Kollegen von "Visions" damals in einem Artikel mal bezeichneten, durch die (Bass)-Verstärker drückte, hörte auf den klangvollen Namen Kyuss, eine Adaption aus einem Fantasy Rollenspiel. Der Sound der Gruppe begründete quasi das Genre Stoner- oder auch Desert Rock. Die Besetzung der Band bestand damals aus den Herren John Garcia am Gesang, Josh Homme an der Gitarre, Nick Oliveri am Bass und Brant Bjork am Schlagzeug. Die Rhythmussektion wurde später dann durch Scott Reeder und Alfredo Hernandez ersetzt. 1996 war dann (viel zu früh) Schluss und die letzte Platte nannte man bezeichnend "…And The Circus Leaves Town", ein letztes gewaltiges Monument des einzigartigen fetten Sounds aus der Wüste. Die einzelnen Bandmitglieder traten in den folgenden Jahren mehr oder weniger erfolgreich mit anderen Projekten in Erscheinung: Garcia bei den Bands "Slo Burn", "Unida" und teilweise "Danko Jones", Brant Bjork trommelte eine Weile bei den Hütern des Stoner-Grals "Fu Manchu" und hat kürzlich eine weitere gute Solo-Platte veröffentlicht. Die Kollegen am Viersaiter waren da teilweise etwas unauffälliger und was der kreative Kopf von Kyuss, Joshua Homme, bis heute so alles getrieben hat, das dürfte dem musikinteressierten Konsumenten ja hinlänglich bekannt sein. An dessen Outputs kam mindestens die alternative Rockgemeinde in den letzten Jahren definitiv nicht vorbei.

Frontmann John Garcia hat jetzt offenbar die Sehnsucht nach dem staubigen heißen Wüstenrock der eigenen Vergangenheit gepackt und trägt den zahlreichen Anfragen an seine Person nach einer Reunion Rechnung. Da die ehemaligen Kollegen nicht verfügbar sind hat sich Garcia für sein Projekt "Garcia Plays Kyuss" die Musiker Bruno Fevery (Gitarre), Jaques de Haars (Bass) und Rob Snijder (Drums) an Bord geholt und während das potentielle Publikum dieser Tour per Voting auf Garcias MySpace-Seite die finale Setlist festgelegt hat, probte das Quartett sehr erfolgreich im heimischen Wüstenkaff, wie diverse Gazetten bereits zu berichten wussten. "…zum einen mache ich es für die, die Kyuss damals live gesehen haben, und zum anderen für die, die nie die Chance hatten, eine Kyuss-Show live zu erleben…", sagt der Sänger über die Hintergründe dieser Tour. Die Nachricht kam jedenfalls mehr als gut an, denn einige Termine mussten bereits aufgrund der großen Nachfrage in größere Hallen verlegt werden. Der heutige Tag in der Frankfurter Batschkapp findet allerdings wie geplant statt und diese platzt aber auch aus allen Nähten. Für mich persönlich ist es in der engen Schwüle der Frankfurter Musik-Institution jetzt tatsächlich die versprochene Zeitreise.

Es haben mutmaßlich exakt die Menschen den Weg hierher gefunden, welche bereits 94/95 da waren. Und natürlich die, die damals aus irgendeinem Grund nicht konnten. Alle diese Menschen machen heute abend auch exakt dasselbe, was sie bereits vor 15 Jahren taten: Stagediving, Crowdsurfing und fliegende Haare in der ersten Reihe vor der Bühne. Zufällig ist heute keiner hier! Schon während der einstündigen Wartezeit vom Einlass bis zum Beginn, fühle ich mich wie die berühmte Sardine, der die unerbittliche Sonne von Palm Desert seit mehreren Stunden aufs Blech brennt. Es ist heute verdammt warm hier drin. Die Sicht zur Bühne ist erstaunlich klar. Keine Rauchschwaden, weder vor noch auf der Bühne. Ich erinnere mich da an einige schemenhafte Gestalten, die sich damals im Verlauf nur langsam aus dem Nebel herausschälten. Zu den Klängen von "Jumbo Blimp Jumbo" geht es dann endlich los. Der Anfang wirkt ein wenig verhalten. Die gespielte Musik passt in diesem Moment zu der Tatsache, daß hier nicht Kyuss auf der Bühne stehen. Im Verlauf des Abends wird sich dies glücklicherweise noch ändern.

John Garcia stützt sich immer noch ungelenk auf seinen Mikroständer und dieser droht sich manchmal unter den mittlerweile zugelegten Kilos des Sängers zu verbiegen. Der macht wiederholt Gesten, als wolle er einen imaginären Motor starten und einen Gang höher schalten, was ihm dann nach etwas der Hälfte des Sets auch gelingt. Etwa dann, als er den Ständer beiseite stellt und nur mit Mikro in der Hand mittlerweile auch schweißnass Songs wie "Whitewater" oder "100°" von oben ins aufgewühlte Publikum drückt. Mit jedem Song scheint sich die Stimmung nochmal zu steigern. Sowohl auf als auch vor der Bühne. Die Maschinerie ist in Fahrt und der Kessel läuft unter Volldampf. Zuvor sorgten bereits "Freedom Run", "Hurricane" oder das fantastische "Supa Scoopa & Mighty Scoop" für eine johlende Menge in dem rappelvollen ausverkauften Laden. Die tonnenschweren Riffs und die wummernden Bassläufe walzen sich durch den kleinen Raum.

"Allen´s Wrench" fegt mit einem Tempo und Druck aus den Amps, daß die schwarzen Wände ringsum zu zerbersten drohen. Garcia klatscht in die Hände und stachelt die tobende Meute unter ihm immer wieder wie ein Skorpion auf. Die Stimmung treibt buchstäblich dem Siedepunkt entgegen. Nach einem auffordernden "What about Green Machine?" seitens des ehemaligen Kyuss-Sängers bricht in der Batschkapp die Hölle los. Die gesamte Crowd bebt und aus allen Kehlen fliegen Garcia während dieses Band-Klassikers vom Album "Blues For The Red Sun" die Textzeilen dieses wahrlich großen Songs entgegen. "El Rodeo" wird der verschwitzte Ritt unter der heißen Wüstensonne und die müden Beine wiegen sich groovend im lässigen Takt. Die erste Zugabe "Pilot The Dune" , ein Slo Burn-Cover von John Garcia´s erster Band der "Nach-Kyuss-Ära" schiesst das Dach der Frankfurter Location nun endgültig in den Orbit.

Nach etwa 80 Minuten ist dann auch Schluss. Kurz, aber intensiv und als ich in die 27°C kühle Abendluft hinaus trete bin ich, wie vermutlich die meisten Anwesenden, befriedigt. Es standen heute abend nicht Kyuss auf der Bühne, dennoch ist der Trip in die Vergangenheit gelungen. Getragen durch Garcia´s charismatische Stimme. Vermutlich lege ich in den kommenden Tagen wieder öfter mal die silbernen Scheibchen in den Player. Kopfhörer auf und "Spaceship Landing" !

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