Rule The World Tour 2008, Support: Forever Slave, Firewind
Internationaler Abend in der Weststadthalle in Essen – Forever Slave aus Spanien, Firewind aus Griechenland und die amerikanisch-norwegisch-deutsch-zusammengewürfelte Band Kamelot beehren die Fans im Ruhrpott. Doch schon beim Betreten der Halle befürchte ich Schlimmes, denn ich wundere mich über die Raumaufteilung... Die Bühne steht nicht am Ende des Raumes sondern ist an der Seite aufgebaut – die Fans ordnen sich also in der Breite der Halle an und nicht in der Länge. Wie kann sich auf so einer kurzen Strecke der Sound optimal ausbreiten? Wir harren also der Dinge und lauschen zuerst den Klängen der Spanier Forever Slave.
Mit ihrem zweiten Album “Tales For Bad Girls” haben sie jedoch noch einen langen Weg vor sich. Kaum zu glauben, dass die kleine Gothic-Sängerin Lady Angellyca mit ihren 15cm Plateauschuhen und ihrer piepsigen Stimme jemals im Gespräch als Tarja Ersatz bei Nightwish sein sollte... das muss wohl Selbstpublicity gewesen sein. Welch eine Qual sich das ganze Set anhören zu müssen, welches eine Mischung beider Studioalben mit u. a. “Tristeza” und “Our Story” ist. Ihr dünnes Stimmchen mit dem ausgeprägten spanischen Akzent (oft muss ich genau hinhören, ob sie noch immer auf Englisch singt) geht leider komplett unter in dem Gitarrengezocke, den soliden Drums und den Keyboard-Effekten. Von der Musik her durchaus brauchbare und auch harte parts werden von ihrer Stimme komplett zunichte gemacht. Das Rumgestackse auf den hohen Schuhen und das eingeübte Posieren nerven einfach nur und warum soll das Publikum ausgerechnet zu den langsamsten Songstellen klatschen? Leider ist die Band nicht der Rede wert... eine attraktive Frontfrau macht noch lange keine gute Sängerin und Band... Der rockige Song “Say Good-Bye” erlöst uns schließlichÂ…
Umso größer die Freude, die Griechen von Firewind auf der Bühne umjubeln zu können. Man merkt, dass sie Ahnung von ihrem Fach haben und Profis sind. Auch sie haben ein neues Album vorzustellen, welches einige Fans im Publikum bereits laut mitsingen können. “The Premonition” heißt das neue Werk und ist Power Metal vom Feinsten. Auf der Bühne beweisen die fünf Jungs ein perfektes Zusammenspiel - da stimmt jeder Ton und jede Bewegung, auch wenn hier und da etwas zu dick aufgetragen wird (am Schlagzeug zum Beispiel wird nicht jeder Schnick-Schnack gebraucht, der angebracht ist...). Stimmlich 1a beweist Sänger Apollo, dass er sowohl die hohen Tonlagen à la “Into The Fire”, einem grandiosen Metal-Opener, als auch die tieferen Parts zu “Mercenary Man” problemlos meistert. Zu “Insanity” zeigt Bob, dass es für ihn ein Leichtes ist, Keyboards und Gitarre gleichzeitig (!) zu spielen. Plektrum in den Mund genommen und Tasten und Gitarrenhals zeitgleich bearbeiten – da macht nicht nur das Zuhören, aber auch das Zusehen Spaß! Die gute Laune der Band ist unübersehbar, ständig grinst Gitarrist und Bandleader Gus G. ins Publikum und lässt dabei die Frauenherzen höher schlagen. Bassist Petros scheint eher der sportlich-coole zu sein, in Schlabberjeans und Sneakers bearbeitet er die tiefen Töne. Bereits zum vierten Song “Head Up High” tropft der Schweiß nur noch so von Apollo, der mit dem Mikroständer wirbelnd nicht nur 100%, sondern mindestens 150% geben will.
Die gute Laune gibt die Band an das Publikum weiter und prompt schließt Apollo dieses in ein Singspielchen mit ein, welches in einem Reggea-Jam der ganzen Band ausartet und in “Destination Forever”, einem Gute-Laune-Song mit Double-Bass und Nackenbrecher-Risiko, mündet, Frickelkünste der drei Saitenbearbeiter inklusive. Schön, wie sie da alle drei nebeneinander stehen und einer breiter grinst als der andere! Und wenn Bob zu “Falling To Pieces” wieder seine Position am Keyboard einnimmt, wirft er seinen Oberkörper und seine langen, schwarzen Haare perfekt inszeniert über die Tasten, fast wie Kollege Palotai von Kamelot. Kurz vor Schluss noch Zeit für ein Späßchen: während Gus konzentriert sein Gitarrensolo zu “Between Heaven And Hell” spielt, nimmt Apollo einen tiefen Schluck Wasser zu sich und “pinkelt” Gus am rechten, unteren Bein mit einer Wasserfontäne an. Dieser bemerkt jedoch gar nichts von diesem Streich und frickelt unbeirrt auf dem Gitarrenhals weiter.
Stolz übernimmt Apollo zu den letzten Klängen von “I Am The Anger” für einige Gitarrenakkorde Gus’ Gitarre, die jedoch völlig im Jubel des Publikums untergehen. Klasse Show! Würden wir nicht alle noch auf Kamelot warten, könnten wir nach diesem Höhepunkt schon nach Hause gehen...
Umbaupause für die Installation von Treppchen, Licht und Nebelmaschinen, die vor allem den Leuten in den ersten Reihen das Leben schwer machen sollen.... Die Background-Sängerin Anne-Catrin ist auch diese Tour wieder dabei und mimt in Nebel gehüllt die Geigenspielerin zum “Solitaire”-Intro, um die Bühne zu “Rule The World” Khan und Co. zu überlassen. Diese zeigen sich fast alle komplett im Schnallen-Look in langen, zugeknöpften Jacken; bei den Temperaturen, die schon alleine im Publikum herrschen, eigentlich eine Qual.... Bassist Glenn steht nicht auf der Bühne, wird jedoch von ehemaligem Tieftöner Sean ersetzt.
Bei Kamelot steht oder fällt eine Show leider immer mit dem Sound und der Stimme von Sänger Roy Khan. Nochmal am Mischpult einige Regler gedreht, werden Roys Stimme verzerrte Fetzen untergelegt, die zwar die Dramatik von den Songs noch unterstreichen, seine klare Stimme jedoch leider zweitrangig wird – schade. In der Zwischenzeit nimmt Anne-Catrin ihre feste Position als starre Background-Sängerin ein und bewegt sich nur minimal. Die mächtigen Drums von Casey thronen über allem und endlich hat wenigstens Roy die Möglichkeit den kleinen mittigen Laufsteg auszunutzen, in dem er sich immer wieder vor die Menge kniet und beim Singen tief in die Augen der Fans blickt. Kaum einer traut sich ihn dabei anzufassen, obwohl er nur Zentimeter entfernt ist. Seine theatralischen und für viele auch übertriebene Gestik und Mimik ist für mich mittlerweile gar nicht mehr wegzudenken und machen ihn als Sänger einfach aus. Ich finde es herrlich, wenn er zu “Soul Society” und anderen Songs ein fast schmerzverzerrtes Gesicht mimt, da macht das Mitsingen doppelt so viel Spaß! Als besonderes Schmankerl haben die Jungs die Halbballade “The Pendulous Fall” für die Fans auf der Setlist, Bonustrack der “Ghost Opera”-Scheibe – ein sehr experimentierfreudiger Song unterlegt mit elektronischen Highlights. Gitarrist Youngblood ist dabei souverän, aber auch konzentriert und ernst wie immer.
Mich freut es ganz besonders, dass viele Stücke von “Black Halo” zum Besten gegeben werden. Zur Ballade “Abandoned” (neben mir vergießt ein Mädel Tränen) wird das Publikum mit Kunstschnee und einem herrlichen Sternenhimmel überrascht. Zwar steht Goldkehlchen Simone Simons nicht auf der Bühne, sondern überblickt als Gast das Geschehen vom Balkon, wird jedoch von Anne-Catrin zu “The Haunting” gebührend ersetzt. Sichtlichen Spaß hat Roy während der Show, wird immer lockerer, spricht immer mehr zu den Fans und hält auch mal das Mikro einem Fan hin.
Wohl zum ersten Mal hören wir auch Keyboarder Oliver sprechen, der seine Stille Roy und dem Publikum gegenüber folgendermaßen begründet ’Ich bin Keyboarder geworden, um nichts auf der Bühne zu sagen’. Wir fühlen und lachen mit ihm und lauschen auch seinen Solominuten, die er zwischen Klassik und Moderne bunt mischt.
Tiefer in der Songkiste gewühlt darf “Forever” nicht fehlen und bevor die Band den ersten Abgang macht, fügt Roy passenderweise hinzu ‘Hopefully be back before I close my eyes’.
Die erste Zugabe ist dann endlich “Ghost Opera” und es folgt auch gleich eine beschämende Bekenntnis von Roy... beim Konzert in Ludwigsburg hat er das Publikum doch glatt als Bayern abgestempelt! Und so fragt er höflich das Publikum, wo er sich denn heute Abend befände. Klar... im RUHRPOTT, schallt es ihm entgegen! “Karma” lässt die Fans noch mal zur Hochform auflaufen, Casey wirbelt abwechselnd seine Drumsticks in seinen Händen.
Als Strahlemann macht Roy mit seinen Mannen nach “March Of Mephisto” den endgültigen Abgang und klatscht noch an der Bühnenseite Hände von Fans ab und ich blicke in nur glückliche Gesichter, die sich noch zum Merchandise-Stand aufmachen oder noch kurz mit Firewind schnacken.
Erstaunlich wenig Stücke aus den Alben vor 2005 wurden präsentiert, was das Konzert zwar weniger zu einem gute-Laune-Konzert, sondern eher zu einem Power-Metal-Konzert der härteren Klasse zwischen “Black Halo” und “Ghost Opera” gemacht hat. Eine bessere Setlist hätte ich mir nicht ausmalen können - bitte mehr davon!!
Setlist Kamelot:
Solitaire
Rule The World
When The Lights Are Down
Soul Society
The Pendulous Fall
Center Of The Universe
Abandoned
Descent Of The Archangel
The Human Stain
The Haunting
EdenEcho
Forever
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Ghost Opera
Love You To Death
Karma
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March Of Mephisto