Tour 2010 - Support: Sturge und Murmansk
Der Bandname Karnivool ist hierzulande eher unbekannt, was ein wenig verwunderlich ist, da die Australier schon seit 1997 Musik machen und in ihrem Heimatland sowohl alle möglichen Preise abgesahnt als auch die Charts gestürmt haben. Trotzdem die Jungs in Europa eher ein Geheimtipp sind, sind an diesem Abend im Kölner Luxor doch relativ viele Leute gekommen, um sie zu sehen. Das kann daran liegen, dass der neueste Streich der Jungs, nämlich das – sehr geniale – Album "Sound Awake" (hier ein Review) in der hiesigen Medienlandschaft doch mehr Anklang gefunden hat, vor allem bei Fans der progressiveren Töne…
Nun aber erstmal der Reihe nach. Der erste Act des Abends, Sturge, hat leider schon gespielt, als wir ankommen, aber wir haben noch das Glück, die finnische Band Murmansk mitzubekommen. Sie besteht aus einer unscheinbar aussehenden kurzhaarigen Sängerin und drei harmlos wirkenden Jungs – und man ahnt es, sie sind alles andere als harmlos: Von der ersten Minute an lassen Murmansk dem Publikum keinen Zweifel, dass die Apokalypse nah ist und dass wir alle bald sterben müssen. Sängerin Laura lässt ihre voluminöse Stimme sirenenartig und anklagend über den Zuschauern erklingen und verbreitet Kälte und Faszination zugleich. Die Musik – melancholischer Rock mit viel verzerrter Gitarre und einer gehörigen Portion Rückkopplungen – ist nichts für schwache Nerven, aber das Publikum honoriert die kurze, aber heftige Darbietung mit viel Applaus.
Karnivool sind an der Reihe! Nach einer viel zu langen Umbauphase und hektischem Aufwischen von Orangensaft, der über die P.A. geschüttet wurde, gibt der Drummer das Zeichen, dass es losgehen kann (er macht sich nämlich nackisch, woraufhin schnell das Licht ausgeht, damit keiner beim Anblick seiner grausigen Tattoos flüchtet…). Sänger Ian Kenny und seine Band betreten daraufhin ziemlich unprätentiös die Bühne und legen ohne lange herumzufackeln los. Vom Sound bin ich erstmal nicht so wirklich beeindruckt und brauche ein wenig Zeit, um mich auf den ein wenig schräg klingenden Sound einzustellen.
Karnivool selbst brauchen auch ein wenig Zeit, um sich warmzuspielen, auch wenn Kenny von Anfang an die Frontsau rauslässt und sich fast nur ganz vorne beim Publikum aufhält. Dieses wiederum hängt an den Lippen des hyperaktiven Sängers und kann erstaunlicherweise fast alles mitsingen. Es ist ziemlich schnell klar: Karnivool verfügt über eine kleine, aber eingeschworene Fanbase in Deutschland. Spätestens nach "All I Know", einem balladenartig anfangenden, recht rockigen Stück mit sehr hohem Gesang, bin auch ich von Karnivool ergriffen. Vor allem beeindruckt von den relativ komplizierten Songstrukturen, die sich einem nicht sofort erschließen, und von Kennys Stimme, die nicht nur alle möglichen Tonlagen beherrscht, sondern auch absolut jeden Ton sauber trifft. Hinzu kommt, dass der dünne Spargeltarzan ein besonders beeindruckendes Repertoire an seltsamen Bewegungen drauf hat, die einer gewissen Komik nicht entbehren.
Der zweite Teil des Abends wird für mich die absolute Überraschung, denn ein Hammerlied jagt das nächste. Mit dem kraftvoll-monumentalen "C.O.T.E." brettern sie mich weg, um dann mit der abgrundtief-dunklen und fast zehn Minuten langen Elegie "Deadman" noch einen draufzusetzen – so fühlt es sich an, in Ekstase getrommelt und geproggt zu werden!! Es gibt eine kleine Atempause mit der soliden Rocknummer "New Day", um dann mit dem absolut gigantischen "Themata" wieder in die Vollen zu gehen. Ein Stück mit orientalischem Einschlag, numetallischen Anleihen und progressiven Elementen, bei dem Kenny zwischen Sprechgesang und elegischem Gesang alle Facetten seiner Stimme zum Erklingen bringt. Am Ende des Abends bin ich absolut sprachlos und beschließe, dass Karnivool in diesem Sommer auf die Bühnen der großen Festivals gehört - und dass mir ein paar sehr wichtige Alben in meiner Plattensammlung fehlen…