Kettcar

Tour 2008 - Support: Ola Podrida

11.05.2008 Kulturzentrum Schlachthof e.V. / Wiesbaden

Von: Sascha Knapek

Kettcar Wiesbaden

Es gibt sicher viele Definitionen eines schönen und gelungenen Pfingstsonntags. Sich zuerst im an den Wiesbadener Schlachthof angeschlossenen und wunderschönen Biergarten des “60/40“ die Sonne auf den Körper scheinen zu lassen, das ein oder andere Kaltgetränk zu genießen und anschließend ganz entspannt ein paar Schritte Richtung Kettcar-Konzert zu tätigen, kommt meiner Definition des Ganzen auf jeden Fall schon einmal sehr nahe. Das Wetter meinte es wahrlich gut mit den zahlreichen Besuchern und lud umso freundlicher in den vorteilhaft gelegenen Schlachthof.

Einmal im Inneren der Örtlichkeit angekommen reifte jedoch die Erkenntnis, dass es die Wetterzuständigen eventuell sogar etwas zu gut gemeint hatten an diesem 11. Mai. Ich zolle definitiv all denjenigen Respekt, die das komplette Konzert im vorderen Viertel der Halle verbrachten, dank Petrus ging es stellenweise tropisch zu. Bereits beim Start der amerikanischen, von Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch persönlich angekündigten Band Ola Podrida herrschten hohe Temperaturen im prächtig besuchten und so gut wie vollen Schlachthof. Die der Uhrzeit (20.15) geschuldete Helligkeit ließ anfangs zwar nur mühsam eine angemessene Stimmung zum countrygewürzten Indierock von Ola Podrida aufkommen, aber die Band aus Brooklyn machte das Beste daraus. Nummern wie “Lost And Found“ wurden von den Zuschauern auf jeden Fall herzlich begrüßt und angemessen gefeiert – ich hätte mir im stellenweise relativ ruhigen Set jedoch mehr davon gewünscht, der Geräuschpegel im Zuschauerraum legte Ähnliches nahe.

Als das Licht sich gut eine Stunde nach dem Beginn von Ola Podrida verdunkelte und Erik Langer, Reimer Bustorff, Frank Tirado-Rosales, Lars Wiebusch und Sänger Marcus Wiebusch die Schlachthof-Bühne betraten, herrschte im Publikum (feucht)fröhliche Vorfreude. Das durch sieben Lichtleuchten in ein blaues Mosaik verwandelte Bühnenbild (im Lauf des Abends färbte es sich u.a. noch je nach Song in Orange oder Rot) passte perfekt zum Setauftakt und kam mit einem ähnlich subtilen Understatement rüber wie Kettcar selbst. Die Tatsache, dass es sich bei Wiesbaden um die Stadt handelte in der die Band vor einigen Jahren ihr zweites Konzert überhaupt spielten, begeisterte die Herren um Frontmann Wiebusch sichtlich. Der anfänglich schlechte Sound fing sich fortan glücklicherweise und so wurden sowohl ältere Songs wie “Balkon Gegenüber“, “Im Taxi weinen“, “Landungsbrücken raus“ – nur eins der Stücke bei dem einen ein aufs Publikum bezogenes und nicht böse gemeintes Grönemeyer-Feeling überkam – oder “48 Stunden“ ebenso frenetisch beklatscht wie die neuen – zahlreichen – Songs vom aktuellen Album “Sylt“. Das energische “Graceland“, “Kein außen mehr“, der epische Rocker “Würde“ und die ziehharmonikaverstärkte Endstation des Main-Sets “Am Tisch“ hinterließen dabei den stärksten Eindruck.

Wer dachte, dass nach dieser Hitdichte im Hauptteil bereits alle Mitsingnummern rausgehauen wurden und die feiernden Zuschauer nach Frischluft ächzten, hatte weit gefehlt. Zu drei Zugabeblöcken bat man Kettcar zurück auf die Bühne und ganz besonders “Ausgetrunken“ (inklusive Männer vs. Frauen Aktivitätscontest), “Tränengas im High-End-Leben“ und das fast schon als Evergreen zu bezeichnende “Ich danke der Academy“ verhalfen noch einmal mehreren hundert Kehlen zu Höchstleistungen. Das Beste kam mit “Balu“ auch bei Kettcar zum Schluss. Marcus Wiebuschs Ankündigung dieser Slayer Coversion war im Zugabeteil ebenso legendär wie die Huldigung der „Wiesbadener Fischerchöre“ und der ungefähre Spruch: „Was wir an euch so lieben Wiesbaden ist, dass ihr den Karneval genauso hasst wie wir!“.

The next big thing war gestern, heute ist Kettcar! Dass der deutschsprachige Indierock des Hamburger Fünfers einen breiten Nerv der Zeit trifft ist zwar mittlerweile hinlänglich bekannt – sogar in den Tagesthemen gibt es Kettcar-Beiträge –, dass er allerdings solch reife Blüten trägt hat mich ehrlich gesagt schon ein wenig überrascht. Die kuscheligen Clubtage sind nun sicherlich endgültig gezählt (außer man lebt in Hamburg), Kettcar-live ist eine Art Happening, das auch vor Arenarock-Momenten nicht zurückschreckt. Es freut, dass dieses Zusammenspiel aus unverkrampfter Ernsthaftigkeit, do-it-yourself-Attitüde, dem Mut zur großen Geste und – Pathosmodus an – Glaubwürdigkeit eine so große Öffentlichkeit erreicht und die Band zum übergroßen Teil genauso warm empfängt wie diese ihre treue Hörerschaft. Auch wenn mittlerweile ein paar Jecken den Weg zu Kettcar gefunden haben, der Karneval ist (zum Glück) noch ganz, ganz weit weg!

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