Tour 2009
Trotz einer ziemlich fetten Erkältung mache ich mich heute abend zusammen mit der Kollegin Shirin, die für die Fotos zuständig ist, auf den Weg in die Harmonie nach Bonn-Endenich. Die Aussicht, King`s X mal wieder live zu sehen, ist diese Überwindung allemal wert. Zuletzt war das vor fast 20 Jahren der Fall, als das Trio in der altehrwürdigen Kölner Sporthalle im Vorprogramm von AC/DC auftrat. Damals wurden sie von den AC/DC-Fans regelrecht von der Bühne vertrieben, indem diese mit allerlei Gegenständen warfen. Der Legende nach sollen sogar Klobürsten darunter gewesen sein. Tatsache ist wohl, dass sich das King`s X-Stück "Lost In Germany" auf eben diesen Abend in Köln bezieht. Danach machte die Band erstmal für lange Zeit einen grossen Bogen um Europa.
Ähnliches ist diesmal natürlich nicht zu erwarten. In der Harmonie gibt es ein friedliches Stelldichein von Leuten, die zum grossen Teil mit der Band alt geworden und stolz darauf sind, wieder hier sein zu können. Denn leider sind King`s X nie so wirklich über den Status des "ewigen Geheimtipps" hinausgekommen. Seit 1988 liefern sie in übrigens unveränderter Besetzung nahezu ein grossartiges Album nach dem anderen ab (das aktuelle Beispiel heisst "XV"). Ihre Mischung aus Progressive Metal, Hardrock, ein wenig Soul und Funk war den einen stets zu sperrig, den anderen zu anspruchsvoll. King`s X haben sich davon kaum beeinflussen lassen. Ihr atemberaubend schönes Songwriting schielte nie auf irgendwelche Charts oder Trends. Sicherlich auch ein Grund dafür, dass den drei Texanern der kommerzielle Erfolg bis heute weitgehend versagt blieb, obwohl ihre Alben von den Kritikern regelmäßig hochgelobt wurden.
Der Saal der Harmonie ist bestens gefüllt, ich schätze die Menge mal auf knapp 400 Fans. Erfreulicherweise herrscht Rauchverbot, was meiner Schnupfennase sehr entgegen kommt. Pünktlich um 20 Uhr betreten Gitarrist Ty Tabor (im passenden Jimi Hendrix T-Shirt), Bassist Doug Pinnick und Drummer Jerry Gaskill die kleine Bühne und legen mit "Groove Machine" standesgemäß los. Pinnick mit aufgeknöpftem Hemd, das den Blick auf einen unglaublichen Waschbrettbauch freigibt. Hey, der Mann ist immerhin 58 Jahre alt! "Alright" ist dann das erste Stück vom neuen Album, das am Ende aber nur mit insgesamt fünf Songs vertreten sein wird (neben "Alright" noch "Move", "Pray", "Go Tell Somebody" und das herrliche "Julie" - gesungen von Jerry Gaskill). Überhaupt haben King`s X ihre Setlisten auf der aktuellen Tour ziemlich bunt durchgemischt und auch in Bonn, das den Schlusspunkt darstellt, sind einige feine Leckerbissen im Programm. Das bereits erwähnte "Lost In Germany" fehlt selbstverständlich auch nicht. Dazu gibt es etwa "Pleiades" und "Over My Head" vom für viele Fans bis heute besten King`s X-Album "Gretchen Goes To Nebraska" (1989). Das Debüt "Out Of The Silent Planet" ist mit dem wunderbaren "Goldilox" und "King" vertreten. Weitere Höhepunkte sind "We Were Born To Be Loved", mit seinem rhythmisch variierenden Schlussriff, das nie zu enden scheint oder Doug Pinnicks flammendes Plädoyer während "Over My Head", im Leben das zu tun, was man tun möchte und nicht das, was andere von einem erwarten. Minutenlange "I hear music"-Sprechchöre sind die Antwort. Zur Soundqualität kann ich diesmal nicht viel sagen, weil sich mein Kopf irgendwann anfühlt, als habe ihn jemand komplett mit Watte ausgestopft und dementsprechend alles etwas dumpf bei mir ankommt. Fans und Band feiern derweil eine gepflegte Party mit "Black Flag", "Dogman", "Summerland" oder dem zum Abschluss ausufernden "Moanjam". Am Ende der (gefühlt viel zu kurzen) 100 Minuten stehen 19 Songs zu Buche.
Es ist nach wie vor beeindruckend, wie der zum Teil doch sehr komplexe Chorgesang von nur drei Leuten live umgesetzt wird. Dass Tabor, Pinnick und Gaskill einen Heidenspass an dem haben, was sie da tun, ist offensichtlich. Und dass sie alle absolute Könner an ihren Instrumenten sind, muss nicht extra betont werden. Die souveräne Coolness, mit der King`s X auf der Bühne agieren, lässt darauf schließen, dass sie sich ihres Standings auch ohne Millionenverkäufe bewusst sind. Ich habe das Wiedersehen jedenfalls trotz Wattekopf genossen! Die Kollegin Shirin, die die Band vorher nicht kannte, bezeichnet das Konzert anschließend als "ehrliche Musik". Und genau darauf kommt es doch an, oder?!