Kiosk

Tour 2008

23.09.2008 Harmonie / Bonn

Von: Shirin K

Kiosk Bonn

Denkt man an den Iran, denkt man wahrscheinlich am wenigsten an moderne Rock-Musik. Dabei existiert im Iran seit Jahren eine sich schnell entwickelnde Musik-Szene, die fernab von Zensur und Restriktion im Underground floriert – egal ob Hip-Hop oder Black Metall. Die Bands bringen ihre Musik durch Mundpropaganda, über Internet-Foren wie youtube und gebrannte CDs in Umlauf. Auch meine erste Kiosk-CD war eine gebrannte, die ich von meiner Schwester bei meinem letzten Iran-Besuch bekam. Seitdem bin ich ein Riesenfan der Gruppe. Als ich dann hörte, dass sie ausgerechnet in meiner Wahlheimatstadt Bonn spielen werden, musste ich natürlich hin!

Kiosk haben im Iran einen Nerv getroffen, nämlich das Bedürfnis der überwiegend jungen Bevölkerung nach gut gemachter ehrlicher Musik und alltagsnahen Texten –  jenseits vom klebrigen Eurotrash-Einheitspop, der überwiegend aus Amerika importiert wird. Arash Sobhani, der Kopf der Band, bietet mit seiner Musik eine Identifikationsplattform für Iraner der heutigen Zeit. In seinen Texten werden  banale Alltagssituationen thematisiert, aber dahinter schimmern immer die bitteren Wahrheiten durch. So wird aus einer Pizza mit Ghormeh Sabzi (einem typisch persischen Gericht) das Symbol einer Vereinigung von Abend- und Morgenland. Dieser Mix ist auch ein Prinzip von Sobhanis Musik: Persische Texte treffen auf westliche Musik. Vorbild von Kiosk sind dabei unumstritten Dire Straits. Nicht zuletzt Sobhanis rauer, übercooler und genuschelter Gesang erinnert ganz stark an Knopfler und Co. Darüber hinaus bedienen sich Kiosk aber vieler verschiedener Genres wie Blues, Folk, mediterraner und lateinamerikanischer Musik. Und das funktioniert! Die Band überzeugt so sehr, dass sogar der renommierte iranische Regisseur Kiarostami das Video zu einem der Songs ("Ey dad az Eshgh" – "Ach, die Liebe") gedreht hat.

Und nun endlich zum Konzert von Kiosk in der Harmonie: Wohl aus Angst, es könnten nicht genug Leute kommen, hatte der Veranstalter den Raum vor der Bühne bestuhlt, so dass ich am Anfang ein bisschen Angst hatte, die Veranstaltung könnte in einem langweiligen Sitz-und-Mitklatsch-Fiasko enden. Meine männliche Begleitung bemerkt, dass extrem viele schöne Frauen da sind. Ich bemerke, dass das Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Besuchern sehr ausgewogen ist. Und dann kommt auch schon – sehr unauffällig – die Band auf die Bühne und beginnt ohne viel Aufhebens die Show. Ein paar Songs braucht das Publikum, dann erwacht doch in den meisten die persische Seele und viele stehen von ihren Stühlen auf. Vor der Bühne wird es immer voller und man tanzt, singt und schreit aus voller Kehle mit. Alle geben Gas, oder besser gesagt, alle geben "gher" (der persische Begriff für laszives Arschwackeln)!!!!

Sobhani, ganz unprätentiös in Jeans und T-Shirt gekleidet, schmeißt auf seine sehr coole Art die ganze Show, auch der für die beiden Deutschland-Gigs geliehene Bassist Armin Mostaed zeigt viel Bühnenpräsenz. Die restlichen Bandmitglieder gehen leider ein wenig unter, aber die Musik ist an diesem Abend auch das Wesentliche. Kiosk spielen eine gelungene Mischung der beiden ersten Alben "Eshghe sorat" (Liebe zur Geschwindigkeit) und "Adame mamooli" ("Ein ganz normaler Mensch"). Es bluest, funkt und groovt. Es ist schwer nicht mit dem Hintern zu wackeln, wenn Sobhani von plastischer Chirurgie und Body-Building singt und damit die kleinen Upper-Class-Mädchen von Nord-Tehran meint, die an Nasenoperationspsychosen leiden. Oder wenn er das alltägliche Chaos auf den Großstadt-Straßen besingt und dieses ganz elegant auf die gesamte iranische Gesellschaft bezieht. Das Glück ist ein dicker Mann, singt er in "Roozmaregi" ("Alltäglich"), Geld ist zur Lebensphilosophie geworden, wir essen schlecht schmeckende Sandwiches und sehen uns geschmacklose Fernsehserien an. Eine Realität, die mittlerweile global ist. Sobhani sieht das große Ganze im Lapidaren, und das ist seine Spezialität. Apropos global: Das dritte Album der Band heißt "Baghewahshe Jahani", also globaler Zoo.

Gutmensch-Modus an: Sobhani ist mein ganz persönlicher Held, ich nehme es ihm sogar ab, wenn er sagt, dass er sich für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzen möchte. Ich nehme es ihm ab, wenn er den Materialismus und die Doppelmoral der iranischen Gesellschaft anprangert. Gutmensch-Modus aus. Ja, Es ist schade, dass eine Band von diesem Kaliber sich erst im Ausland wirklich entfalten darf. Denn so ist es mit dem Brain-Drain in vielen Unterdrücker-Regimes: auch die Musiker von Kiosk sahen irgendwann keinen Sinn mehr darin, in einem Land Musik zu machen, in denen die sichtbaren Haare einer Frau wichtiger sind als die am Straßenrand krepierenden Kinder und Arbeitslosen. Sie leben nun in Amerika und Kanada. So vergrault der Iran seine Künstler. Afsoos Â…

P.S.: Das Wort "Kiosk" kommt übrigens ursprünglich aus dem Persischen und bedeutet natürlich dasselbe, was es im Deutschen bedeutet: Ein kleiner Laden, in dem man alles bekommt, was das Herz begehrt. Das passt!

Setliste:
Afsoos (Schade)
Roozmaregi (Alltäglich)
Miniboose Sabz (Der grüne Minibus)
Ey Dad Az Eshgh (Ach, die Liebe Â…)
Kafsh (der Schuh)
Bitarbiat (der Ungezogene)
Taraneh (Lied)
Zoorbaye Malayeri (der Zorba von Malayer)
Ay Yarom Biya (Ach, komm mein Freund)
Amoo Asdollah (Onkel Asdollah)
Eshghe Sorat (Die Liebe zur Geschwindigkeit)
Ay Ay
Ghanoone Kham Shode Blues (Der Blues der umgangenen Regeln)

Zugabe:
Jaddeh Khoshbakhti (Die Straße des Glücks)

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