Krach am Bach 2011 - 05. + 06.08.2011 - mit Amplifier, Who Knew, Blackmail, Long Distance Calling u.v.a.
Am Freitagmorgen um halb fünf klingelt mein Wecker. Noch weiß ich nicht genau, was mich am Abend erwarten wird und so taumele ich im Halbschlaf durch die Dusche in Richtung Stansted Airport, um an diesem Wochenende das beschauliche London gegen die Weltmetropole Beelen einzutauschen. Irgendwo zwischen Stoppelfeldern und guter Landluft findet hier bereits seit 18 Jahren das Krach am Bach Benefizfestival statt. Ich kenne lediglich zwei der mehr als 20 teilnehmenden Bands, es ist also genug Potenzial für Überraschungen und musikalische Neuentdeckungen vorhanden.
Als wir am Festivalgelände eintreffen spielen Miss Thomson aus dem Nachbarort Harsewinkel bereits das letzte Stück ihres Sets aus klassischem Alternative Rock. Das Festivalgelände füllt sich langsam aber sicher und die nächste Band scheint ein wirklicher Publikumsmagnet zu sein. Freiburg, ebenfalls Lokalmatadoren, treten so richtig aufs Gas, die Stimmung ist super und die Menge voll dabei. Meinen Geschmack trifft die Performance auf der Bühne allerdings nicht. Zu viel Geschrei über ansonsten relativ belanglosem Gitarren- und Schlagzeug-Einheitsbrei. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.
Wallace Vanborn. Was soll ich sagen. Das erste echte Highlight am Freitag. Was das Trio aus Belgien da auf der Bühne abliefert ist gleichermaßen professionell wie mitreißend. Die "Dampfwalze", wie sie in ihrem Heimatland gerne genannt werden, überrollt das Publikum mit knallharten und trotzdem wunderschönen Songs. Und zum ersten Mal zeigt sich, dass auch der Sound bei diesem doch vergleichsweise kleinen Festival geradezu exzellent ist. Und auch das Wetter spielt mit, kurz vor dem Sonnenuntergang sind nur vereinzelt Wolken am Himmel auszumachen. So kann es gerne weitergehen.
Tut es aber nicht. Nein - es wird besser. Viel besser sogar! Kiemsa, eine sechsköpfige Kapelle aus Frankreich, fallen schon bei ihrem Soundcheck auf: in Anzügen und mit Krawatte stehen sie da auf der Bühne; zwei Bläser, auf einem Rockfestival eigentlich eher eine Seltenheit, sind auch mit von der Partie. Doch was jetzt kommt, können nur diejenigen erwartet haben, die Kiemsa vorher schon einmal live sehen durften: Ein Ritt quer durch alle Stilrichtungen, immer mit einer Prise Ska und immer direkt und knallhart. Die Herren an den Blasinstrumenten greifen zwischendurch auch mal zum Mikrofon und liefern gemeinsam eine Eins-A-Hip-Hop-Nummer, selbstredend begleitet von rammsteinverdächtigen Gitarrenriffs, ab. Jeder einzelne Musiker auf der Bühne sprüht nur so vor Energie, es wird umhergerannt und -gesprungen, nur selten haben mehr als die Hälfte der Jungs gleichzeitig ihre Füße auf dem Boden. Das bringt nicht nur die Band, sondern auch die Publikum ins Schwitzen und ohne diverse Zugaben will man die Mannen aus Nantes auch nicht von der Bühne lassen. Dass dadurch der Zeitplan etwas durcheinanderkommt, stört nun wirklich niemanden. Nach dem Auftritt bildet sich eine große Menschentraube am Merchandise und ich schätze mal, dass Kiemsa mit sehr leichtem Gepäck zurück nach Frankreich reisen können. Einziger Wermutstropfen: die Band wird sich wohl noch in diesem Jahr auflösen. Wirklich jammerschade.
The Hirsch Effekt haben nun die etwas undankbare Aufgabe, direkt im Anschluss an die Hammerperformance von Kiemsa auf der kleineren der beiden Bühnen des Geländes zu spielen. Das bekommen sie mit ihrer streckenweise zwar anstrengenden, aber immer interessanten und teilweise hochkomplexen Musik sehr gut hin. Obwohl ein Großteil der Besucher erst mal eine Auszeit nimmt, ist der Platz vor der kleinen Bühne prall gefüllt und der Spaß, den das sympathische deutsche Trio on Stage hat, überträgt sich problemlos auf das anwesende Publikum.
Den folgenden Auftritt von Blackmail finde ich über weite Strecken recht unspektakulär. Zumindest will der Funke lange Zeit nicht so richtig auf mich überspringen. Gegen Ende des Sets der deutschen Alternative-Rock-Institution wendet sich das Blatt jedoch und die Band zaubert noch ein paar Asse aus dem Ärmel. Der letzte reguläre Song sowie die ultralange Zugabe sind allererste Sahne und entschädigen mit langen Soli und herrlichen Instrumentalpassagen für die gepflegte Langeweile vorher.
Apropos instrumental: die geballte Power der Münsteraner Instrumentalrocker Long Distance Calling ist um viertel nach eins am Samstagmorgen ein überaus gelungener Abschluss des ersten Tages von Krach am Bach. Bis um halb drei können die immer noch zu oft in die Post-Rock-Schublade (in die sie eigentlich nie so richtig hinein gepasst haben) gesteckten Musiker das Publikum noch von ihren Zelten fernhalten und selbst danach sind noch über Minuten "Zugabe, Zugabe"-Rufe zu vernehmen. Die Musik ist - wie immer - mitreißend und versetzt den einen oder anderen Zuhörer in einen Trance-ähnlichen Zustand. Lediglich der Sound ist zu Anfang nicht ganz auf dem Niveau, wie man es vorher bei den Bands auf der Hauptbühne gesehen hat.
Am Samstagmorgen ist die Festivalwelt in Beelen noch in Ordnung. Die Wettervorhersage stellt sich aber leider doch als richtig heraus und so setzt am frühen Nachmittag der Regen ein. Nachdem dann etwas später auch noch ein Gewitter durchgezogen ist, begeben wir uns wieder auf das Festivalgelände, begleitet von den Klängen der Kapelle Petra. Die machen gar lustige Musik und sorgen mit ihrer Aufforderung zu "Ficken"-Rufen für mächtig Stimmung beim Publikum. Wer da schon dachte, der Tiefpunkt in Sachen Performance wäre erreicht, sollte sich nur kurz darauf getäuscht sehen.
"Wir mussen hupfen, tanzen und viel Spaß haben!", war das Motto der Isländer von Who Knew. Das wäre ja auch eigentlich ganz in Ordnung (und bei dem Wetter genau das Richtige) gewesen, aber who knew, dass sie so einen furchtbaren Sänger haben würden? Und zu allem Überfluss sogar zwei, die sich auch noch genau gleich anhören? Nein, dass es da nicht aufhört zu regnen, kann ich gut verstehen. Musikalisch ist das, was die von weit her angereiste Band da auf der Bühne abliefert, eigentlich gar nicht schlecht und auch Entertainmentqualitäten sind durchaus zu erkennen. Aber mein Weltbild, in dem bisher eine ungeschriebene Regel besagte, dass Musik aus Island per se gut sein muss, bekommt an diesem Abend doch einen ganz leichten Knacks.
Ich stärke mich auf dem Weg zur kleinen Waltzing Wannerupp Stage mit einem Nutella-Crêpe. Die Verpflegung ist bei Krach am Bach übrigens ganz hervorragend und darüber hinaus im Vergleich zu anderen Festivals auch noch wirklich günstig. Überhaupt ist das gesamte Festival perfekt organisiert: fast alle Bands starten pünktlich, es gibt nirgendwo Gedränge oder irgendwelche anderen Ärgernisse. Und Krach machen hier wirklich nur die Bands.
Womit wir auch wieder beim Thema wären! Der Tante Renate ist die ultimative One-Man-Show. Der Hamburger heizt mit seinem Electro-EBM-Heavy-Dance-Rock-Massaker im Alleingang der Menge ordentlich ein. Obwohl die einzelnen Zutaten dieses Mix allesamt schon tausendmal da waren, ist die Rekombination abwechslungsreich, genau auf den Punkt und perfekt geeignet, um trotz Regen einfach mal so richtig die Sau rauszulassen. Renate hat zwischendrin immer einen lockeren Spruch auf Lager und so vergeht die Zeit wie im Flug.
Trotzdem begebe ich mich schon vor Ende des Auftritts wieder zur Hauptbühne, um den Soundcheck der von mir bereits sehnsüchtig erwarteten Amplifier zu beobachten. Und das ist mal ein Soundcheck, der den Namen wirklich verdient hat: die Band ist sicher über eine Viertelstunde damit beschäftigt, jedes einzelne Instrument akkurat einzustellen. Aber der Aufwand soll sich auszahlen! Das Trio aus Manchester, live verstärkt von Ex-Oceansize-Gitarrist Steve Durose, belohnt die Festivalbesucher mit einem Auftritt der Extraklasse. Treibende Drums, krachendes Bassspiel und allerfetteste Gitarren brechen zu später Stunde über Beelen hinein. Amplifier haben mächtig Spaß dabei, ihre Mischung aus neuen Songs ihres Albums "The Octopus" und alten Klassikern vorzutragen. Genau so stellt man sich Krach am Bach vor.
Danach ist das Publikum kaum noch aufnahmefähig für den Auftritt von The Van Jets. Die Belgier spielen solide und abwechslungsreiche Rockmusik, die aber leider im Schatten von Amplifier nur noch wenige Gäste vor der Bühne fesseln kann. Und so geht mit der After-Show-Party um zwei Uhr morgens ein Festivalwochenende zu Ende, das sowohl was das Wetter als auch die Musik betrifft zwar Schatten, aber auch viel Licht gesehen hat.
Abschließend noch ein großes Kompliment an die Veranstalter. Die bereits erwähnte hervorragende Organisation, die mehr als gelungene Auswahl an Künstlern und die immer freundliche, chillige Atmosphäre bei Krach am Bach konnten selbst einen Festivalmuffel wie mich überzeugen, dass sich auch eine etwas weitere Anreise zum Mikro-Wacken, wie wir es liebevoll genannt haben, definitiv lohnt. In diesem Sinne: Rock on, Beelen!