Tour 2011
In einer Zeit, in der die Popmusik von hysterisch-schrillen Paradiesvögeln wie Lady Gaga dominiert wird, kommt das neue YouTube-Wonder Lana del Rey recht bescheiden daher. Zwei Patchwork-Videos im 8-Millimeter-Stil, Lippen, an denen nicht weniger herumgebastelt wurde und eine bedeutungsschwangere Stimme reichten für einen Hype, wie er sonst nur Apple-Produkten zu Teil wird. Dabei vermittelt sie den Eindruck, als wäre sie keineswegs ein bloßes Produkt der Plattenindustrie. Eine Mittzwanzigerin, die bereits als 17-Jährige durch Clubs getingelt ist, Elvis Presley, Frank Sinatra, Brigitte Bardot und Vincent Gallo zu ihren größten Einflüssen zählt, scheint eine künstlerische Früherziehung genossen zu haben, die zu eigenem Tun und Handeln ermächtigt. Herausgekommen ist eine Mischung aus Cheerleader und Femme Fatale, Disney und David Lynch, YouTube und Film Noire.
Gegensätze, die auch am Konzertabend im Kölner Gebäude 9 zum Vorschein kommen. So staunen die Konzertbesucher nicht schlecht, als die neue Retropop-Hoffnung sich vor dem Eingang mit Fans unterhält und sich gemeinsam mit ihnen ablichten lässt. In einem Outfit – Kleines Schwarzes + rote Ferrari-Jacke – als wäre sie gerade vom Großen Preis von Monaco gekommen, um sich in einer mondänen Szenebar noch ein paar Cocktails zu genehmigen. Dabei ist das Gebäude 9 alles andere als schick – vielmehr eine zwar charmante, aber dennoch abgerockte Industriehalle in der vorwiegend Indie-Bands ihr Unwesen treiben.
Wie die Schönheit aus Lake Placid da in ihrem knappen Kleidchen zitternd in der Kälte steht, wirkt sie eher wie die kindlich-naive Lolita als die über allen Dingen stehende Beobachterin aus ihrem Video zu "Videogames". Dies ändert sich auch nicht, als Del Rey die Bühne betritt. Bevor die Show beginnt wirft sie ein eher zurückhaltendes "Hi" in den Raum. Dabei hat sie ganz und gar nichts zu befürchten. Die Halle ist restlos ausverkauft und das Publikum bester Dinge, Zeuge zu werden, wie ein neuer Phoenix aus der Asche steigt. Vielleicht liegt in letzterem aber auch der Hund begraben. Vielleicht ist es die selbst heraufbeschworene Erwartungshaltung, der del Rey an diesem Abend nicht gerecht werden kann.
Jedenfalls strahlt die 24-Jährige alles andere als die selbsternannte "Gangsta-Nancy-Sinatra" aus. Fast unbeholfen wirkt ihre erste Performance auf Kölner Boden. Obwohl die Band ihr in den nächsten 40 Minuten mit fantastischem Sound im Stile des 50s/60s Vintagepop den Rücken stärkt, scheint sie sich irgendwie hilflos auf der Bühne zu fühlen. Ständig schmiegt sie die Mikro-freie Hand um die gegenüberliegende Hüfte, als wolle sie sich selbst umarmen. Außer auf den Ballons, die als Projektionsfläche für ihre Videos dienen, tut sich herzlich wenig auf der Bühne. Schade, dass da so wenig passiert, denn ihre Stimme ist wirklich toll. Sehr anrührend und intensiv schlängelt sich sie mühelos durch verschiedene Tonlagen. Bei "Videogames" entfacht sie sogar kollektive Gänsehaut.
Auch die erstklassigen Popsongs, die teilweise aus der Feder von Eg White (Adele, Duffy) und Guy Chambers (Robbie Williams) stammen, stoßen im Publikum auf Gegenliebe. Aber so richtig rund wirkt das noch lange nicht. Aber vielleicht ist Lana del Rey auch einfach nur ein 24-jähriges Mädchen, das ihrer (selbst) auferlegten Rolle erst noch gerecht werden muss. Man darf also gespannt sein, ob sie wirklich aus dem Stand heraus den Sprung in den Popolymp schafft.