Lord Vicar
Fear No Pain Tour 2008, Support: The Deep blue
10.11.2008 MarX / Hamburg
Von: Hannes Harbinger

Nachdem der legendäre finnische „Reverend Bizarre“ (1995-2007, R.I.P.)sich zur ewigen Ruhe gebettet hatte, nicht ohne mit „III: So longSuckers“ im Jahre 2007 ein mächtiges Epitaph eingeritzt zu haben, stellte sich die Frage „quo vadis“ Doom-Metal?
Die Antwort sollte nicht lange auf sich warten lassen, „Reverend Bizarre“ Gitarrist Peter Vicar (Peter Inverted) formierte neben seinem Dark-Rock-Projekt „Orne“ (mit seinen ehemaligen Reverend Bizarre Bandkollegen Albert Witchhunter und Earl of Void) sowie seinem Krautrock-Projekt „LuxOhr“ als seine Hauptband eine internationale Doom-Allstar-Band. Diese sollte fortan den Namen des „Lord Vicar“ tragen und den einzigen, wahren Doom-Metal fernerhin über die Welt bringen. Das derzeitige Linup bilden neben Peter Vicar als Gitarristen, Sänger Chritus (Christian Lindersson) ehemals bei „Saint Vitus“ (der wohl neben „Black Sabbath“ ältesten Doom-Metalband), „Count Raven“ und „Terra Firma“, Gareth Millsted momentan noch bei „Centurions Ghost“ und ehemals bei „End of Level Boss“ an den Schlagwerken, Jussi Myllykoski an dem Tiefftöner. An Peters vergangene Zeiten bei „Reverend Bizarre“ sollten an diesem Abend neben den Reverend-Bizarre-T-Shirt bei so manchem Besucher, die erst jetzt erschienenen Raritäten von „Reverend Bizarre“, die auf Vinly beim Merchandisestand zu erstehen waren (Reverend Bizarre / Kuolema Split; Reverend Bizarre / Mannhai Split; Reverend Bizarre / Rättö ja Lehtisalo Split) auch ein Reverend-Bizarre-Patch auf der Kutte von Peter himself erinnern.
Das erste, viel versprechende Lebenszeichen des doom-metalischen „Lord Vicar“ war im Jahre 2008 die EP “The Demon of Freedom” bei dem schwedischen Label “I Hate Records”. Die Lyrics der drei Songs “Hiiumaa”, “Becoming One With the Spirit of the Forest” und “Running Into a Burning House” der EP basierten auf einem Roman der finnischen Schriftstellerin Aino Kallas (1878-1956), der die Werwolflegenden der Insel Hiiumaa verarbeitete. Die EP drei Songs wurde von der internationalen Band aufgenommen in London, Stockholm, North Carolina und Turku. Für ihren ersten Longplayer wechselten “Lord Vicar” dann noch im gleichen Jahre 2008 zum deutschen Doom-Metal-Label “TheChurch Within”.
Die Mitglieder der internationalen Band sind über Finnland (Peter, Jussi), Schweden (Chritus) und Großbritannien(Gareth) verteilt. Dieser Umstand führte (wie Peter in seinem Studiodiary im Netz berichtete) zu einigen komischen Wirrnissen in der heutigen Logistikwelt, als die Band ihr erstes Longplayer zwischen Finnland, Großbritannien und Deutschland einspielte und produzierte. Die Drumtapes von Gareth wurden so per Express aus Großbritannien statt nach Turku nach Turkey geschickt und Peter holte ein bereits bei der Post abgegebenes Paket mit seinem Master am nächsten Morgen wieder ab, weil er zu Hause bemerkte hatte, dass der Index zwischen zwei Songs fehlte, damit hatte er die Bearbeitungsgeschwindigkeit des finnischen Postamtes richtig eingeschätzt. Ferner wurden die Hauptaufnahmen zu dem Album an einem gleichermaßen schlaflosen wie heroischen Wochenende im Oktober von den drei Skandinavien in Turku (Red House Studio) eingespielt und eingesungen. Nichts desto trotz wurde der erste Longplayer mit dem Titel „Fear no Pain“, ein Meisterwerk des epischen Doom-Metal beim neuen Label pünktlich zur Tour veröffentlicht und die Band um Peter fieberte daraufhin ihrer ersten Liveperformance entgegen.
Begleitet werden “Lord Vicar” auf ihrer “Fear no Pain Tour” von ihren “The Church Within” Labelmates “The Deep Blue”. „The Deep Blue“ aus Großbritannien bestehend aus Daniel Frye (Gitarre und Gesang), Sam Richardson (Bass) und Jason Frye (Drums). Das Trio spielt einen hypnotischen Doom-Metal, der nach eigenen Angaben von dem Dreiklang aus “Deep Earth, Deep Sea, Deep Space” inspiriert wird. Auf ihrer CD “The Antartic Abyss” hat die Band zwei Tracks mit den Titeln “Under The Ice: The Resurrection” und “Haunted Tide: The Freezing Storm” im Jahre 2007 veröffentlicht. Dieses Album stellt eine kongeniale musikalische Interpretation der Mythologie des Großmeisters der Phantastik H.P.Lovecraft dar.
In einer stürmischen Novembernacht an einem Montag fanden sich 20 unverdrossene Anhänger des Doom-Metals im MarX ein. Mitten im Herzen der Großstadt an dem Gleisbett der Deutschen Bahn gelegen, sollte fast zwei Stunden den Urkräften des Doom-Metal gehuldigt werden, in Gestalt der erwähnten internationalen Doom-Veteranen und der Newcomern von der Insel.
Zu passendem blauen Meereslicht aus den Bühnenscheinwerfern und dichter Nebelbildungaus der Maschine kamen die drei Briten von „The Deep Blue“ auf die kleine Bühne des MarX gestiegen. Gleichsam als musikalische Botschafter der Antarktika eröffneten die Briten ihr Set mit dem Song „Under The Ice: The Resurrection“ von ihrer ersten EP. “The Deep Blue” organisierten mit ihrem “Hypno-Doom” für die Anwesenden einen Trip unter das antarktische Gletschereis, wohin das Licht der Sonne niemals scheinen wird. Das hypnotische Gitarrenspiel von Gitarrist Daniel, traf auf das schleppende Drums von Jason und die abgrundtiefen Basslinien von Sam. Wie die rollenden Wogen des pazifischen Ozeans entfaltete sich der musikalische Geniestreich der Briten in der kleinen Halle. Aus diesen rhythmischen Wellenbewegungen schälten sich immer wieder einzelne sphärische Gitarrensoli aus Gitarrenbrett Daniel heraus. Sein tiefer Gesang glich dazu den Beschwörungsformeln eines Priesters, der in einer riesigen Halle stehend, die lovecraftischen „Großen Alten“ tief in ihrem Asylum am Meeresboden anruft. Das Publikum regierte auf diese Form des „Hypno-Dooms“, indem es mit den Köpfen in dem Takt des von dem Trio ausgebreiteten Rhythmusteppichs nickte. Dieser atmosphärische Zustand wäre bis die Briten ihr rollendes, wälzendes und wogendes Riffmeer nach etwa 40 Minuten schließlich mit „Hauted Tide: The Freezing Strom“ über den Köpfen der entrückten Zuhörer zusammenbrechen ließen.
Nun führte die Reise nach Hyperborea, wie die alten Griechen, das nördlichste Land, das ihnen bekannt war, betitelten und wie „Lord Vicar“ ihre Heimat Finnland nennen. Ein gutes Omen, den jene Hyperboreaner erlangten ihre mythologische Berühmtheit vor allem durch ihre einzigartig Musik. Und wahrscheinlich war die bereits Doom-Metal möchte man an diesem Abend hinzufügen.
Als „Lord Vicar“ ihr Set begannen wurde das Publikum um das sympathische Trio von „The Deep Blue“ erweitert. Auch die Briten waren damit Zeugen wie sich abermals die Nebelschwaden auf der Bühne türmten, während sich Chritus auf dem Boden kauerte, seine Hände beschwörend erhob und mit „Down the Nails“ den ersten Song des neuen Albums anstimmte. Erwartungsgemäß spielten „Lord Vicar“ vor allem die Tracks ihres neuen Albums „Fear no Pain“. Das Set von „Lord Vicar“ präsentierte sich dabei als eine gelungene Mischung aus langsameren doomigen (etwa „The Spartan“) und schnelleren rockigen Songs (wie das auf den Opener folgende „Pillars Under Water“). Während sich die Köpfe der Anwesenden bei „The Deep Blue“ noch mehr im Trance genickt hatten, konnten bei den rockigen „Lord Vicars“ Songs nun die „Matten“ der Headbanger in alle Richtungen fliegen (ohne freilich den Nebenmann zu berühren). Als wahre Highlights stellt sich dabei das hymnenhafte „The Last of the Templar“ und das mystische „Born a of a Jakal“ (Ansage von Chritus: This is a song of being not Jesus Christ!) von der neuen CD heraus. Zu „The Lastof the Templars“ war die Bühne ganz in passendes rotes Licht getaucht, hier stieg Chritus von der Bühne in das Publikum, um gemeinsam mit der ersten Reihe zu Headbangen, während die Band auf der Bühne weiterrockte.
Auf dem erdigen Fundament von Peters tonnenschweren Riffs, Jussis wummende Basslinien und Gareths präzises Drumming thronte an diesem Abend die charismatische und eingängige Stimme von Chritus. In den langsamen Passagen in den Songs wie etwa bei dem abschließenden genialen „Running Into a Burning House“ von der EP konnte sich Chritus klare Stimme voll im Raum entfalten. Der Doom-Veteran Chritus wälzte sich auf dem Bühnenboden, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und nutzte aber jede Gelegenheit, um mit dem Publikum in Kontakt zu treten, indem er etwa auch, wie erwähnt, von der Bühne stieg, um seine Matte mit den Anwesenden zu schwingen. Der sympathische Schwede machte so aus der Not eine Tugend, indem er den überschaubaren Rahmen nutzte, um mit den Anwesenden zu interagieren, ob in gestikulierender oder headbangender Weise. Ferner stellte der sympathische Fronter dem Publikum den Premierenwert des Abends dar, einige Bandmember wäre zum ersten Mal in Hamburg, „Lord Vicar“ zum ersten Mal in Hamburg und es wäre überhaupt erst die dritte Liveperformance von „Lord Vicar“. So war es kein Wunder, dass er an diesem Abend von der kleinen MarX-Gemeinde gleichsam zum Priester des wahren Dooms auserkoren wurde.
Aus den Boxen des MarX bahnte sich so über 60 Minuten gleichermaßen episches wie rockiges „Doom-Lava“ seinen Weg zu den Ohren und den Nackenmuskeln des Publikums. Dieser Strom wurde optisch durch die an diesem Abend nicht versiegenden Nebelschwaden aus der Maschine des MarX begleitet. Solange das Konzert andauerte, hielt der akustische Strom fließenden Lava an, der erst auf dem Nachhauseweg zu einem Lavastrom in den Gehörgängen der Anwesenden erstarrte. Die erhebliche Kräfte, die erforderlich sind, um das musikalische Äquivalent zu dem vulkanischem Förderprodukt aus der Gruppe der Vulkanite, an die Oberfläche zu befördern, zeigten die hochmotivierten aufspielenden Doom-Metal-Veteranen mit ihrer Kombination aus musikalischen Kraft, dosierter Brutalität und präzisem Zusammenspiel an diesem Abend. Als das Set von „Lord Vicar“ schließlich mit bereits erwähnten „Running Into a Burning House“ pünktlich zur Geisterstunde zur Ende ging, endete der doomige Montagabend für die diesmal leider Hand verlesende, aber begeisterte Anhängerschaft dieser „verdammten Klänge“ mit der Erkenntnis: Doom Metal is not dead yet.
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