1LIVE und Universal Music präsentieren: Ein Abend mit Lou Reed & Metallica
Metallica als Backing-Band für ein Lou Reed-Projekt? Nicht wenige mögen angesichts dieser Kollaboration zunächst verwundert ihre Köpfe geschüttelt haben. Kennengelernt hatten sich die Trash Metal-Ikonen und der Avantgarde-König vor zwei Jahren bei einem ersten gemeinsamen Auftritt auf der Rock'n'Roll Hall Of Fame-Jubiläumsshow in New York. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit war schnell beschlossen. Als dann Ende Oktober das Ergebnis in Form des Albums "Lulu" vorlag, wurde aus der anfänglichen Überraschung - gerade in Reihen der Metallica-Fans - vielfach blankes Entsetzen. Nach eigener Aussage erhielt Lou Reed sogar Morddrohungen "einfach dafür, dass ich da überhaupt aufgetaucht bin". In der Tat ist "Lulu" alles andere als leichte Kost. Lou Reed's humorlose Adaption von Frank Wedekind's Tragödien "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" beschrieb die Süddeutsche Zeitung treffend als "Gebilde aus Angst, Hass und Gier, das sich jeder beiläufigen Konsumierbarkeit entzieht". Und zur Rolle von Metallica in diesen vertonten sadomasochistischen Phantasien: "Metallica klingen bei all dem, als stünden sie im Nebenzimmer und hämmerten an die Tür, um auch mal einen Blick auf den Schmutz werfen zu dürfen, den Reed da ausbreitet". Dennoch wurde vielerorts auch Metallica's Mut gelobt, ihre traditionell konservativen Fans mit "Lulu" vor den Kopf zu stoßen und etwas gänzlich Neues auszuprobieren. Fest steht, dass wohl kaum eine andere Veröffentlichung in diesem Jahr Fans wie Presse derart polarisiert hat.
Elektrisiert hat dann Anfang November die Ankündigung von 1LIVE und Universal Music, Metallica und Lou Reed für einen exklusiven Abend nach Köln zu holen. Die Domstadt scheint sich immer mehr zum Mekka solcher Events zu mausern, gaben sich hier seit Februar doch schon die Foo Fighters, Red Hot Chili Peppers oder Coldplay die außergewöhnliche Ehre. 400 Fans dürfen diesmal in den WDR-Studios in Köln-Bocklemünd dabei sein. Die heiß begehrten Tickets gab es im Vorfeld nicht zu kaufen, sondern nur zu gewinnen. All jene, die leer ausgegangen sind, können das Zusammentreffen von James Hetfield, Kirk Hammett, Robert Trujillo und Lars Ulrich mit dem 69-jährigen Reed per Livestream im Internet oder auf 1LIVE verfolgen. Dass man dafür ausgerechnet den Tag des rheinischen Karnevalsbeginns als Termin ausgewählt hat, mag für so manchen "Lulu"-Kritiker durchaus passend erscheinen. Um es vorweg zu nehmen: Entgegen aller Widerstände und übertriebener Antipathie kommt heute abend weder Lou Reed noch sonst jemand zu Schaden. Und das trotz Vollmond.
Als ich um 19 Uhr in Köln-Bocklemünd eintreffe, gleicht das WDR-Gelände einem Hochsicherheitstrakt. Grüppchenweise werden die Fans von der Security zum Produktionsstudio BS 1 geführt, in dem sonst die Sendung "Zimmer frei" aufgezeichnet wird. Immerhin werden uns nicht die Augen verbunden. Im Foyer läuft das aktuelle 1LIVE-Radioprogramm als Dauerbeschallung, um die Wartezeit zu verkürzen. Unter den 400 Glücklichen herrscht eine gespannte, vor allem aber freudige Stimmung, wozu auch die Essens- und Getränkestände sowie die überaus freundlichen Ordner beitragen. So manch einer hat offensichtlich sein gesamtes Metallica-Merchandising aus dem Schrank gekramt. Lou Reed T-Shirts sind keine zu sehen. Um 20.40 Uhr beginnt schließlich der Einlass in vier vorher festgelegte Sektoren. Das Studio selbst ist rot illuminiert und strahlt Clubatmosphäre aus. Die Bühne kommt mir winzig vor. Immerhin sitze ich auf der Seite von James Hetfield. Ich zähle vier feste und zwei Handkameras für die Übertragung. 1LIVE-Moderator Manuel Möglich stimmt die Leute auf den Abend ein.
Das ist eigentlich überflüssig, denn als Lou Reed und Metallica pünktlich um 21 Uhr die Szenerie betreten, empfängt sie ein Jubelorkan. Jeder hier ist sich des historischen Augenblicks bewusst, dieses Quintett zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal in seinem Leben in einem so intimen Rahmen gemeinsam und quasi hautnah erleben zu dürfen. Auch die Musiker scheinen bester Laune zu sein und legen ohne viel Firlefanz mit "Iced Honey" los, dem ebenso zügig "The View" folgt. James Hetfield greift erstmals zum Mikrophon, was mit dankbarem Applaus quittiert wird. Der Sprechgesang des nahezu regungslosen Lou Reed klingt dagegen wie raschelndes Laub im Herbstwind. Ich kann mir nicht helfen, aber der Mann wirkt irgendwie fehl am Platz, obwohl er das natürlich nicht ist. Im Gegensatz dazu ist Metallica die Bühne fast zu eng, angesichts der Energie, die sie ausstrahlen. Hetfield steigt zu Lars Ulrich auf's Schlagzeugpodest und stimmt den dritten "Lulu"-Song des Abends, "Mistress Dread", an. Live klingen die Stücke tatsächlich um einiges druckvoller (oder besser nach mehr Metallica) als auf der CD. Auch der Sound ist schön fett.
Im Anschluss an "Mistress Dread" folgt eine Fragerunde mit Manuel Möglich, in der die Musiker unter anderem über "Lulu" und den Aufnahmeprozess sprechen. Dummerweise sitzen sie dabei auf der mir gegenüberliegenden Seite. Lou Reed macht einen aufgeräumten Eindruck und erntet zwischendurch sogar einige Lacher. Lars Ulrich gesteht: "Ihr glaubt, das ist schwierig zu hören? Ihr müsst den Scheiss erstmal spielen!". Leider dürfen die anwesenden Fans keine Fragen stellen. Dabei hätte es durchaus interessant werden können, wie die fünf Protagonisten mit möglicherweise kritischen Bemerkungen umgegangen wären. So bleibt es beim mehr oder weniger oberflächlichen Geplänkel.
Nach diesem wenig aufschlussreichen Interview-Break wird wieder gerockt. Beginnend mit dem grenzwertigen und noch dazu über zehnminütigen "Dragon". Grenzwertig zumindest so lange, bis der Metallica-Part einsetzt. James Hetfield und Robert Trujillo gehen auf Tuchfühlung mit zwei sichtlich überwältigten Fans. Es folgt das epische und vergleichsweise ruhige "Junior Dad". Abschluss und Höhepunkt des Abends ist dann der Velvet Underground-Klassiker "White Light/White Heat", bei dem auch Lou Reed endlich so etwas ähnliches macht wie Singen und der die Fans nochmal so richtig amtlich wegbläst. Damit endet der Zauber nach fast genau einer Stunde etwas abrupt. Metallica und Reed verabschieden sich höflich von ihren begeisterten Fans, lassen sich aber auch von Standing Ovations und "Zugabe"-Rufen leider nicht mehr zu einer Rückkehr auf die Bühne bewegen.
"Lulu" ist anderthalb Stunden härteste Rezeptionsarbeit (die der Kollege Andreas Weist hier bravourös gemeistert hat). Der heutige Exklusivauftritt von Lou Reed und Metallica war für alle Anwesenden vor allem eins: Absolut geil! Diejenigen, die ihn verpasst haben, können sich die Highlights ab sofort noch einmal auf www.einslive.de und www.loureedmetallica.com anschauen.