Marillion & Saga

Marillion & Saga 2011

19.11.2011 Messe Idar-Oberstein / Idar-Oberstein

Von: Andreas Weist

Marillion & Saga Idar-Oberstein

Die Kombination, in der zwei Vorreiter des Progressive Rock momentan unterwegs sind, hat es in sich. Beide sind dem Neoprog zuzuordnen, also der zweiten Welle des Genres, die in den 80er Jahren auf Bands wie Pink Floyd und Genesis folgte. Marillion waren am bekanntesten in den sieben Jahren, als ihnen der Schotte Fish als Sänger vorstand. Viele weinen ihm noch immer nach, doch bereits seit 22 Jahren heißt "der Neue" Steve Hogarth und das Quintett hat sich zu einer Band weiter entwickelt, die durch anspruchsvoll und atmosphärisch arrangierte Rock- und Popsongs glänzt und weitestgehend dem New Artrock zuzuordnen ist. Songs aus der Fish-Zeit werden nur noch selten gespielt. Allerdings war man kürzlich mit Deep Purple unterwegs und tourt nun mit Saga. Für das gemischte Publikum, das solche Gigs besucht, müssen auch einige Klassiker mit in den Set.

Während sich Marillion fast völlig von der Vergangenheit gelöst haben, ist für Saga die Zeit in weiten Teilen stehen geblieben. Frontmann Michael Sadler ist seit 1977 mit dabei, hat sich aber von 2007 bis 2011 eine vierjährige Auszeit genommen. Ersatz war der Final Frontier-Sänger Rob Moratti, dessen Stimme mit Sadler so gut wie nichts gemein hatte. Ein völliger Neuanfang, dem allerdings keine lange Dauer beschieden war, da sein Vorgänger mit neuem Elan zurück kehrte. Saga tendieren seit Jahrzehnten dazu, ihre Konzerte als Best-Of-Interpretationen im Retro-Sound zu gestalten. Die Klassiker aus der Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre werden allesamt gespielt – neue Songs fristen ein Schattendasein.

Obwohl also die Bands durchaus miteinander vergleichbar sind, können die Zuschauer zwei völlig unterschiedliche Konzerte erwarten. Jeder hat 90 Minuten zur Verfügung. Die Reihenfolge des Auftretens wechselt täglich. In Idar-Oberstein waren Marillion zuerst an der Reihe. Da sich dort in der Mehrheit ein gereiftes AOR-Publikum versammelt hatte, war dies auch gut so. Gespannte Erwartung herrschte in der Messehalle und man konnte sowohl viele Marillion- als auch viele Saga-Shirts am Start sehen.

Marillion begannen pünktlich um 19.30 Uhr mit "Splintering Heart", einem perfekten Opener, der schon seit Anfang der 90er viele Konzerte eröffnete und zu den Highlights des "Holidays In Eden"-Albums gehört, das in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum feiert. Dem entstammte auch der zweite Track "Cover My Eyes" – eher eine Party- und Mitmachnummer. "King" führte den Set sehr sphärisch fort, bevor die für manche vielleicht erlösenden Klänge von "Sugar Mice" ertönten. Ja, es sollte auch Songs geben, die die meisten Anwesenden kannten.

Steve Hogarth war in guter Form. Klar wirkte er manchmal etwas introvertiert mit seiner feinen Kostümierung und den weinerlichen Vocals, doch er sang mit viel Pathos und lebte die Songs auf der Bühne aus. Sowohl das schnelle "Hooks In You" und die akustischen Anleihen von "Man Of A Thousand Faces", als auch die vom Songaufbau sehr vielschichtigen "Somewhere Else" und "The Great Escape", die von ihren Stimmungswechseln leben, wussten zu überzeugen. Zum Abschluss gab es zunächst die Rocknummer "Between You And Me" (nicht gerade mein Lieblingsstück, aber als Uptempo-Abräumer stets funktional) und dann zur Versöhnung das episch angelegte "Neverland" mit seinem Wechselbad der Gefühle.

Wenn nicht Hogarth im Mittelpunkt stand, war es meist Steve Rothery – der Mann, der die für Marillion immer noch so typischen Gitarrensoli beisteuert. Trotz der allgegenwärtig schwebenden Soundcollagen von Keyboarder Mark Kelly lag das Hauptaugenmerk auf den Gitarren. Auf Bassist Pete Trewavas, der auch bei der All-Star-Band Transatlantic mitwirkt, und eben Rothery, der im Zugabenteil die Uralt-Hitsingle "Kayleigh" anstimmte und bei vielen Zuschauern für ein seliges Grinsen sorgte. Zum Glück hörten die Briten allerdings nicht mit diesem Gassenhauer auf, sondern boten mit "Three Minute Boy" ein weiteres emotionales Song-Highlight, das viel mehr für die neuen Marillion steht. Ein 90-Minuten-Querschnitt vom Feinsten, der alle Phasen der Band bis in die Gegenwart abdeckte und nur das aktuelle (aber äußerst sperrige) Werk "Happiness Is The Road" aussparte.

Saga war dann eher etwas für die Nostalgiker. 1982, als Marillion gerade ihre erste Platte auf den Markt brachten, gab es das Saga-Livealbum "In Transit". Ein Mitschnitt, der definitiv in jedes CD-Regal gehört. Allein sieben Stücke vom damaligen Live-Set wurden jetzt auch fast 30 Jahre später gespielt. "Careful Where You Step", "On The Loose", "You’re Not Alone" – was das Herz begehrt. Sadlers stimmliche Fähigkeiten waren überragend und er sang immer noch so wie zu den Anfangstagen der Band. Prägnant, mit der für ihn typischen Klangfärbung und absolut perfekt. Da gab es keinerlei Aussetzer in Höhen und Tiefen. Nur sein Aussehen hat sich verändert: Die einstige Haarpracht ist einer Vollglatze gewichen.

Das machen die übrigen Bandmitglieder aber wieder wett, die fast alle eine 80er-Jahre-Gedächtnis-Frisur beibehalten haben. Auch der Sound lebte absolut in der Vergangenheit: viel großflächiges Keyboard, die immer gleichen Soli. Irgendwie machte sich schon Langeweile breit. Zumindest wurde man von Klassikern wie "The Flyer" und "Scratching The Surface" stetes aufs Neue aufgeweckt. Natürlich gab es keine Songs vom aktuellen "The Human Condition". Aber auch die weiteren – zum Teil überragend guten – Alben der letzten beiden Jahrzehnte wurden fast vollkommen ausgespart. Selbst das Meisterwerk "Generation 13" (Konzeptalbum aus 1995) fand keinen Eingang in die Setlist.

Wer ein Saga-Konzert besucht, kann und muss sich auf eine Reise in die Vergangenheit gefasst machen. Fans der "neueren" Alben (und dabei spreche ich von der großen Mehrheit ihres Outputs) kommen nicht auf ihre Kosten. Das muss man wissen – und kann sich dann vor der Zugabe auf weitere Klassiker wie "Humble Stance" und "Don’t Be Late" und schließlich auf den Hit-Rausschmeißer "Wind Him Up" freuen.

Das macht also den großen Unterschied aus. Saga leben weiter in der Vergangenheit, Marillion sind mit beiden Füßen im 21. Jahrhundert angekommen. Die Stimmung war bei beiden Bands sehr gut. Das spricht für das Publikum und den großen Stellenwert, den man den alten Recken beimisst. Als Fazit kann man aber sagen: Marillion haben sicher nicht das beste Konzert ihrer Karriere abgeliefert, aber einen gesunden und spannenden Querschnitt mit Ecken und Kanten. Der absolut perfekte, dabei aber sehr sterile Set von Saga hingegen war stellenweise einfach nur langatmig. Großes Plus der Kanadier ist Sadlers hervorragende Stimme und sicher auch die Spielfreude in den ausufernden Keyboard-Parts. Die Abmischung im Sound war zudem glänzend. So konnte man gut bis zum Schluss durchhalten und zufrieden in die Gegenwart zurück kehren.

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