Marilyn Manson

Pressekonferenz

27.06.2007 Galerie Brigitte Schenk / Köln

Von: Shirin K

Marilyn Manson Köln

1996 veröffentlichte ein gewisser Marilyn Manson, bürgerlicher Name Brian Hugh Warner, mit „Antichrist Superstar“ eines der musikalisch innovativsten und provokantesten Rock-Alben der 90er Jahre. Von Kapitalismus bis Katholizismus mähte der Musiker in seinen Texten alles nieder, was er für verantwortlich für das Übel auf dieser Welt hielt, spielte mit Nazi-Symbolik und bediente sich dabei in extremster Art und Weise der Ästhetik des Hässlichen. Christen demonstrierten in Amerika vor den Konzerthallen, in denen Manson auftrat, er wurde für die Amokläufe an der Columbine Highschool verantwortlich gemacht, und Eltern bangten um ihre Kinder, die alles taten, um so auszusehen wie der Antiheld. Der Musiker Manson hatte alles erreichet, was er wollte: die Welt gegen sich aufbringen.

Mittlerweile sind 11 Jahre vergangen, und Manson hat mehrere Alben veröffentlicht, die alle nicht mehr die Schärfe und Radikalität von „Antichrist Superstar“ besitzen. Er hat medienwirksam Dita van Teese geheiratet und sich von ihr wieder scheiden lassen. Beseelt von seiner neuen Liebschaft mit einer viel jüngeren Frau hat er für sein neues Album poppige Songs geschrieben, in denen das Höchste, was er an Gewalttaten androht, das Zerbrechen von herzförmigen Brillengläsern ist. Mittlerweile hat er es in sämtliche Boulevardmagazine geschafft, ganz vorne dabei neben Mega-Amöbe Paris Hilton und alle den anderen überflüssigen Promis, über die man tagtäglich zwangsinformiert wird. Die Pressewelt hat für ihn zwei überaus originelle Worte abboniert: Grusel-Rocker oder wahlweise Schock-Rocker.

Manson selbst tut momentan alles, um die Popularität eines verkannten Genies und Künstlers zu erlangen. Nicht nur, dass er in Interviews immer wieder gerne Nietzsche zitiert, seit vielen Jahren malt er schon privat Aquarelle, von denen bisher nur wenige veröffentlicht wurden. Um Mansons Wunsch, sich auch als Maler zu vermarkten, zu folgen, fährt sein Management ein Riesen-Aufgebot an möchtegern-intellektuellem Gefasel auf. Sein neues Album sei von Lewis Carroll und Nabokovs „Lolita“ inspiriert, heißt es auf Mansons Internet-Seite. Passend zu Kubriks Lolita-Verfilmung trägt Mansons sehr viel jüngere Freundin auch noch herzförmige Sonnenbrillengläser, wonach auch die neue Single „Heart-Shaped Glasses“ benannt wurde. Angeblich trug sie diese, als Manson und sie sich kennen lernten.

Wie oberflächlich diese PR-Offensive ist, liegt auf der Hand jedes Literaturkenners. Denn Nabokov hat in „Lolita“ mitnichten die romantische Geschichte einer Liebe zwischen einem Teenager und einem älteren Mann erzählt, sondern das Psychogramm eines Pädophilen erstellt, der ein junges Mädchen nach und nach zu Grunde richtet. Das scheint aber hier keine Rolle zu spielen. Außerdem erzählt Manson immer wieder, dass er ein Faible für die zwanziger Jahre habe, und sich von Künstlern der damaligen Zeit inspirieren lasse. Passend dazu wird natürlich Absinth getrunken, das Kultgetränk des Fin de Siècle, das vielen Künstlern als Inspirationsquelle diente. Dass genau diese Thematik und Ästhetik schon von Marilyn Manons Ziehvater Trent Reznor, dem Mastermind von Nine Inch Nails, vor 10 Jahren im Video zu Perfect Drug zelebriert wurde, sei aber nur nebenbei erwähntÂ…

Die erste Ausstellung der Werke Mansons findet in der kleinen, aber feinen Galerie von Brigitte Schenk in Köln statt. Sie läuft – wie originell!! - unter dem Namen „Les Fleurs du Mal“ (Die Blumen des Bösen). Sie ist also eine Hommage an den Schriftsteller Charles Baudelaire, der im 19. Jahrhundert mit dem gleichnamigen Gedichtband für Furore und Entsetzen sorgte. Es überrascht auch nicht, dass sich unter den Bildern ein Porträt von Edgar Allan Poe befindet. Alles, was das romantische Gothic-Herz begehrt: Hier wird ein Klischee nach dem anderen bedient. Die Pressekonferenz zur Ausstellung ist im Hilton Hotel am Kölner Bahnhof. Mit der Akkreditierung ist etwas schief gelaufen und ich stehe nicht auf der Liste der eingeladenen Gäste. Nach einer Viertelstunde aber lässt mich eine der drei blonden Geschöpfe am Eingang doch rein mit dem gut gemeinten Rat, ich solle doch bitte nicht schreien, wenn Manson hereinkommt. Ob sie das auch zu Miss Piggys Kusine gesagt hat, die sich gerade samt dem RTL Explosiv Team an mir vorbeigedrängelt hat?

Im Konferenzraum haben sich Kameraleute, Journalisten und ein paar heimliche Fans versammelt und warten ungeduldig auf den gruseligen Schockrocker. Ein Kameramann kann mit der Aufregung anscheinend nicht umgehen und fragt, ob das rote Mikro vorne am Pult in Blut getränkt wäre. Ein anderer macht einen sehr geschmackvollen Witz über „Titta van Teese“. Auf dem Rednerpult stehen ein paar schlanke Flaschen mit Marilyn Manson Absinth. Die Marke muss ja irgendwie etabliert werden. Ein Gorilla kommt aus einem der Hinterzimmer raus und stellt ein Glas des neongrünen Getränks vor das Namenschild der Galeristin, die bald den Saal betritt. Wenig später dann wird Manson hereingelassen. „The God of Fuck“ hat eine schwarze Lederjacke an, eine Sonnenbrille, und in seinem weiß geschminkten Gesicht stechen die dunklen Wurstlippen hervor. Sein Tages-Make-up halt.

Die kleine Praktikantin neben mir, die anscheinend total auf Manson abfährt, fängt an laut zu klatschen, ein paar andere klatschen mit. Au weia, habe ich was verpasst? Wird Manson jetzt doch eine Unplugged Version von „The Beautiful People“ spielen? Nein, stattdessen nimmt er Platz und sagt „it’s like in a porno movie.“ Stimmt, Miss Piggys Kusine hat was von einer etwas älteren, verfetteten Version von Gina WildÂ… Die sichtlich und hörbar nervöse Galeristin stellt sich und Manson vor und dann dürfen wir Fragen stellen. Jetzt verstehe ich auch, warum die Empfangsdame mir gesagt hat, dass ich nicht schreien soll. Denn das Englisch, das einige der jetzt zu Wort kommenden Journalisten an den Tag legen, ist einfach nur zum Schreien. Ich weiß nicht, ob Manson versteht, was er gefragt wird. Er ist ja auch eher abwesend hinter seinen großen Brillengläsern, nippt ab zu mit kunstvollen Handgriffen an seinem Absinth, den der Gorilla vorhin fälschlicherweise vor den Platz der Galeristin gestellt hat.

Mansons gekrächzte Antworten beinhalten so ziemlich alles, was er zum Thema Malerei und sich selbst zu sagen hat. Am Anfang habe er nur mit schmutzigem Wasser gemalt, bis ihm jemand ein Wasserfarben-Malkasten geschenkt habe. Er habe aber nie seine Bilder ausstellen oder sich gar von ihnen trennen wollen. Dennoch seien es irgendwann so viele gewesen, und seine Freunde hätten ihn so sehr gedrängt, dass er doch beschlossen habe, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Am Beginn seiner Schaffensphase habe er auch nie Augen gemalt und sei auf Grund seiner dauernden Krankheiten im Kindesalter sehr fasziniert von medizinischen Themen gewesen. Irgendein Psychologe in einer Zeitschrift habe gesagt, das sei ein Zeichen für seine gefährliche Persönlichkeit. Mittlerweile aber sei er sogar richtig besessen von Augen und male ganz viele davon. Ach so. Wie erhellend.

Und warum Deutschland, Herr Manson? Deutschland inspiriere ihn sehr, weil es nicht wie Amerika sein wolle (meint er das ernst?). Die Zeit der Weimarer Republik sei eine Zeit, die ihn sehr inspiriere, Egon Schiele und der Expressionismus seien seine Vorbilder (Egon Schiele gehört zwar zur Wiener Moderne, aber wir wollen ja keine Haare spaltenÂ…). Er selbst wehre sich dagegen als Nihilst bezeichnet zu werden, er sei vielmehr ein Romantiker. Ein Mensch, der nichts bewirken oder verändern will, solle seiner Meinung nach nicht Künstler werden. Herr Manson ist also im Grunde ein Kritiker der Zeit, ein intellektueller Künstler inspiriert von großen Malern und Autoren der letzten zwei Jahrhunderte. In der Tat erinnert seine Art zu malen, die ausgesparten, weißen Hintergründe und die schmutzigen Farben sehr stark an Schieles Malstil, nur die Motive sind teilweise neu und der modernen Zeit entnommen. Über den malerischen Wert der Bilder kann man streiten, sicher ist, dass die Motive wie alles, was Manson anpackt, eine recht große Gruppe von Menschen provozieren und befremden (Hitler als Transvestit ist wohl eines dieser Motive).

Die Inszenierung von Manson als wahnsinniges Genie passt leider nicht so gut zu den Begebenheiten des restlichen Abends. Vor der Galerie Schenk, in der ein Phototermin mit dem Künstler stattfinden soll, erfahren die meisten Teilnehmer der Pressekonferenz, dass sie nicht hinein dürfen, wenn sie nicht eine bestimmte Nummer auf dem roten Pressebändchen haben. Das ist sehr ärgerlich, denn schon auf der Pressekonferenz mussten wir die Kameras draußen abgeben. Einer der schrankhaften Aufpasser am Eingang teilt uns vertraulich mit, dass das Management von Manson alle fünf Minuten neue Anweisungen für die Presse herausgebe. So wird Manson auch nur zum Phototermin da sein und danach die Örtlichkeit verlassen.

Während wir also draußen warten und immerhin leckeren Weißwein serviert bekommen, damit sich unsere erhitzten Gemüter beruhigen, drängelt sich die Schickeria von Köln an uns vorbei. Aufgespritzte Lippen, geliftete, gebräunte Segeljachtbesitzergesichter und teure Markenklamotten versammeln sich in der Galerie, um einen Hauch Rockglamour zu genießen und sich gleichzeitig kunstinteressiert zu geben: Die „beautiful“ People liefern eine Freakshow par excellence ab. Ob Manson klar ist, dass er mittlerweile von genau den Leuten umgeben ist, gegen die er früher so zornig wetterte? Ist ihm die Ironie seines Schicksals bewusst, nämlich, dass der Kapitalismus ihn genüsslich verschlingen und dann abservieren wird?

Nun ja, um die Geschichte abzukürzen: Manson tritt irgendwann auf. Natürlich ist er durch eine Hintertür hineingeschleust worden. Die Photographen, die es ins Innere der Galerie geschafft haben, bekommen genau anderthalb Minuten, um ihn zu photographieren, dann müssen sie schnell raus. In dieser kurzen Zeit wirft sich der Mann in Denkerpose wie auf dem Cover seines neuen Albums, und weg ist er. Die Photographin von metal.de, die uns auch liebenswürdigerweise ihre Photos zur Verfügung gestellt hat, erzählt, dass Manson weder beim Herunterkommen noch beim Hinausgehen photographiert werden durfte. Was für eine Farce, denke ich mir zum hundertsten Mal an diesem Tag, und fahre ein wenig beschwipst von dem vielen Weißwein nach Hause. Ich hatte gedacht, mehr über Manson als Künstler zu erfahren, stattdessen habe ich einem geschickt inszenierten Medienhype beigewohnt, der sicherlich noch ein wenig weitergehen wird. Auf meine Frage nach seinem Schaffensprozess hatte Manson nämlich ganz nebenbei erwähnt, dass seine Bilder und die dazugehörigen Entwürfe, bald in Form eines Buches veröffentlicht werden.

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