10. Mera Luna Festival 2010 - 07.-08.08.2010 - mit The Sisters Of Mercy, Placebo, Combichrist, In Extremo uvm.
Ein Termin der jedes Jahr bei vielen Anhängern der Gothic und Dark Wave Szene bereits bis zu 12 Monate im Voraus dick im Kalender angestrichen wird, ist das M`Era Luna in Hildesheim. Auch in diesem Jahr pilgerten tausende schwarze Gestalten bereits am Freitag vor Festivalbeginn zum Flugplatz Drispenstedt, um der traditionellen Warm Up Party im Flugzeughangar beizuwohnen. Dank des super organisierten Festivals gelang es auch jedem Besucher schnell ein Plätzchen zu finden und ohne Verspätung bei der Party zu erscheinen. Bei einer gut gemischten Playlist kam ein Jeder auf seine Kosten, wurde neben harten EBM Songs doch auch mal ein älterer Rocksong im Stile von Disturbed oder Heroes Del Silencio gespielt. So wurden unter großem Hallo alte Festivalbekanntschaften aufgefrischt, neue geschlossen und bis in den Morgengrauen gefeiert.
Doch wer das Mera Luna bereits kennt, der weiß dass lange Feierei keinen Fan vom Festivalstartschuss abhalten kann. Somit durften sich die Gewinner des diesjährigen Bandcontests und erster Act „Unzucht“ um 11.00 Uhr morgens um eine große Zuhörerschaft erfreuen. Obwohl dies erst ihr achter Live-Auftritt war, so spielten sie wie Profis und leiteten das Festival mit einer guten Prise melancholischen Gothic-Rock gebührlich auf der Main Stage ein. Nachdem „Sons Of Seasons“ den Hangar eingeweiht hatten, ging es auf der Main Stage mit einer weiteren Newcomer Band aus Hamburg weiter. Naja Newcomer stimmt vielleicht nicht ganz, so ruft der Name „Lord Of The Lost“ langsam aber sicher kaum mehr Fragezeichen auf den Gesichtern der Szene-Anhänger hervor. Der Ruf ihrer grandiosen Show mit Rampensau und Frontmann Chris Harms im Vordergrund eilte der Band voraus und sie hielten was die Gerüchte versprachen: Unterhaltung pur. Zwar stimmten die gesanglichen Leistungen nicht immer ganz, doch war dies schnell vergessen wenn Chris auf den Knien ins Mikro sang und schrie und schweißgebadet in seiner Show aufging.
Viele altbekannte als auch neue Bands hielten die Qualität des Samstag-Line-Ups aufrecht. Rabenschrey, Angel Spit, Faith And The Muse und Brendan Perry, um ein paar Namen zu nennen. Die Sonne brannte vom Himmel, doch auch der schattige Hangar bot keinen Schutz. Lange Schlangen vor dem Eingang zu den Auftritten von „Das Ich“ und „Rotersand“ ließen auf die Hitze drinnen schließen und viele gaben das Anstehen bald auf. Doch „Laibach“ und „Nitzer Ebb“ boten einen mehr als guten Trost. Vor allem „Nitzer Ebb“ wussten ihre Fans mit einer guten Mischung an neuen und alten Hits zu begeistern. Hier wurde trotz der sengenden Sonne getanzt und Frontmann Douglas McCarthy spornte die Menge weiter an. Gut gelaunt raste er über die Bühne – die Nachmittagshitze schien ihm nicht auszumachen. Das Publikum geriet in Rage und auch zu den folgenden „Unheilig“ war der Andrang immens. Hier kühlte es langsam wieder ab… doch nicht das Publikum. Dieses sang und klatschte mit und die Stimmung blieb ungetrübt bis die absolute Krönung des Abends erschien: „The Sisters Of Mercy“ gaben sich einmal mehr die Ehre. Obwohl vor allem stimmlich zwischendurch etwas schwächelnd, gab es keinen Zweifel daran, dass die alternden Herren das Highlight der Nacht waren. Songs wie „Dominion“ oder natürlich „Temple Of Love“ jagten einen Schauer nach dem anderen über den Rücken und man fühlte sich plötzlich um Jahrzehnte zurück versetzt. Doch wie gewohnt war leider um 0.00 Uhr Schluß mit dem ersten Festivaltag – doch nur was die Bühnen betraf. Natürlich ging die gute Laune auf dem Zeltplatz als auch im Hangar mit Mike Kanetzky & Sven Friedrich am DJ Pult weiter. Wer also noch genug Energie hatte, fand dort genügend Musik-Stoff, um eine weitere Nacht durchzufeiern.
Nach einem gehörigen Regenschauer, prallte die Sonne am nächsten Tag nicht mehr ganz so stark vom Himmel. Dem war auch gut so, denn viel Gothics erschienen an diesem Tag mit rot eingebrannten Netz- oder ähnlichen Mustern ihres Vortags-Outfits auf dem Festival. So lustig dies einerseits aussah, so gefährlich war dies auf der anderen Seite. Bei der ein oder anderen mehr als krebsroten Person kamen Bedenken über den Grad der Verbrennungen auf. Doch ans aufgeben und ausruhen dachte natürlich niemand. Punkt 11.00 Uhr standen wieder eine ordentliche Anzahl Feierfreudiger vor der Bühne und begrüßten den ersten Act „Expatriate“ mit im Laufe der Show anschwellendem Jubel. Ruhigere, poppige Musik mit einem Hauch von Depeche Mode zog Jung und Alt an. Nach nur 20 Minuten mussten „Expatriate“ leider schon wieder die Bühne verlassen, doch nicht ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und auch die Hamburger von „Eyes Shut Tight“ beeindruckten im Hangar. Die junge Band, wild bemalt und ebenso wild in ihrer Bühnenshow, riss das Publikum mit. Frontmann Trashed Soul wirbelte und stampfte umher und überzeugte mit seinen Vocals. Wiederum nur 20 Minuten verblieb der Band, doch es machte Geschmack auf mehr. Und mehr gab es von einer weiteren deutschen Band aus Köln. „The Other“ rockten mit ihrem Horrorpunk und perfektem Make Up die Main Stage. Bereits im letzten Jahr hatten die Jungs mit strömendem Regen zu kämpfen. Dieses Mal wagten sich lediglich ein paar Tröpfchen vom Himmel herab. Natürlich nutzten „The Other“ die Gunst der Stunde um einige Songs ihres neuen Albums „New Blood“ zu präsentieren – doch nicht ohne die alten Stücke zu vernachlässigen.
Im Hangar wurde mit „Ambassador 21“ und „Colony 5“ weiter aufgeheizt während „Punish Yourself“ und „Handel Und Greytl“. Danach folgte eine weitere nicht unbekannte deutsche Band. Hatte Frontmann Sven Friedrich nachts zuvor noch im Hangar als DJ agiert, so stand er nun topfit auf der Main Stage und rockte mit seiner Band „Zeraphine“ los. Die tiefe, wohlig klingende Stimme von Sven Friedrich erzeugt ein wohliges Gefühl. Und wo wir gerade bei tiefen, wohlig klingenden Stimmen sind: auch „The 69 Eyes“ waren dieses Jahr wieder mit an Bord. Mit im Gepäck hatten sie einen Song, mit dem sie vor 10 Jahren am Mera Luna Premiere gefeiert hatten. Und auch dieses Mal durfte „Gothic Girl“ nicht fehlen und das Publikum jubelte begeistert. Auf die Jungs war nicht nur hinsichtlich der Playlist verlass. Auch die Qualität war wie immer vom Feinsten.
Wer sich nun sputete konnte es noch in den Hangar zu „Agonoize“ und den anderen Tanzwütigen im Publikum schaffen. Hier als auch zu den folgenden „Feindflug“ war sprichwörtlich Hochleistungssport angesagt. Die Beine standen kaum still. Während draußen die „Editors“ die Main Stage zum kochen brachten, feierten die Leute im Hangar weiter. Ein absoluter des Tages wurde mit „Skinny Puppy“ erreicht. Die unvergleichliche Licht- und projektionsdurchzogene Show flashte die Zuschauer. Wenn man bis jetzt dachte, die ganzen Künstler hätten einen an der Klatsche, merkten spätestens jetzt, dass dies alles noch gar nichts im Vergleich zu „Skinny Puppy“ Frontmann Ogre war. Völlig in seiner eigenen Welt aufgehend, im Plexiglaskäfig, mit Gehstock oder fast albern (doch genau deshalb umso psychopathischer) wirkenden schultütenartigen Hut auf dem Kopf, zog er seine Fans in seinen Bann und offenbarte den Zuschauern über eine Stunde lang einen Blick in seine kranke und doch faszinierende visuelle und musikalische Welt. Wer sich von der Show loseisen konnte, bekam noch etwas Mittelalterliches von „In Extremo“ mit auf den Weg. Ein gutes Kontrastprogramm, das einen wieder auf den Boden holte, bevor es mit „Combichrist“ im Hangar erneut zum Ausdauertraining ging. Und trotz der Massen verlief jede Show vor allem im geschlossenen Raum des Hangars ohne Probleme. Kein Gedränge und keinerlei Anflug von Panik. Das schwarze Publikum wusste mit der Hitze, als auch dem Menschen-Andrang in diesem Jahr ohne mit der Wimper zu zucken umzugehen. Relaxt und friedlich, wie man es von den Vorjahren gewohnt war verlief es auch dieses Mal. Selbst bei der letzten großen Mera Luna Show von „Placebo“ in diesem Jahr gab es weder von Seiten der Band noch von Seiten des Publikums irgendwelche Ausschreitungen oder negativen Ausfälle.
Ein Mera Luna wie es im Buche steht ging 2010 mit Rekord-Besucherzahlen zu Ende. Völlig entspannt konnte man bereits am Sonntag nach Hause fahren. Ein Glück hatten die Veranstalter des Mera Lunas keine größenwahnsinnigen Anfälle wie einige andere (die wir hier nicht nennen wollen) und blieben ihrem 2-Tage-Festival treu! Körper und Geist, sowie in erster Linie das Urlaubskonto danken dies!! Wer sich noch nicht verabschieden wollte, konnte jedoch noch eine Nacht auf dem Flugplatz verbringen. Leider nicht im Disco-Hangar, der wie gewohnt am Sonntag geschlossen blieb. Doch der Zeltplatz bot genug Möglichkeiten, um die letzte Nacht gebührlich zu Ende zu bringen.