Mick Pointer & Band

Script For A Jester's Tour 2008

24.04.2008 Spirit Of 66 / Verviers

Von: Andreas Weist

Mick Pointer & Band Verviers

Da stehe ich also am Vorabend des 50. Geburtstags von Ex-Marillion-Frontman Fish im belgischen Verviers und schaue mir eine Show an, die ein 25 Jahre altes Marillion-Konzert ziemlich originalgetreu kopiert. Schon seltsam, wie ein mehr oder weniger begnadeter Coversänger den 25 jährigen Fish gibt. Grund ist das Jubiläum des Debütalbums „Script For A Jester’s Tear“, bei dem Gründungsmitglied Mick Pointer noch als Schlagzeuger mit dabei war, bevor er von Ian Mosley ersetzt wurde. Erst Jahre später machte Mick wieder als Drummer der Progband Arena von sich reden – und nun ließ er zum Geburtstag die Script-Tour wieder auferstehen.

Grundlage der Performance ist die 1983er Tour der Marillos, die in dem Video „Recital Of The Script“ dokumentiert ist. Ergänz durch die Video-EP „The Web“ wurde später das komplette Konzert im Londoner Hammersmith Odeon vom 18. April 1983 auch auf DVD veröffentlicht und gilt als eines der beeindruckendsten Livedokumente des jungen Frontmans Fish, der die Massen mit einer enormen Bühnenpräsenz begeisterte und im Lauf der Konzerte ein glänzendes schauspielerisches Talent an den Tag legte – ähnlich wie Peter Gabriel zu Genesis-Zeiten, was immer zu Vergleichen der beiden Bands führte.

Große Fußstapfen also, die es zu füllen gilt. Und damit meine ich nicht nur Fishs Körpergröße... Als die ersten Töne von „Script For A Jester’s Tear“ erklingen und der Sänger mit „So here I am once more“ einsetzt, glaube ich noch nicht, dass er die hohen Erwartungen erfüllen kann. Für die Rolle des Fish wurde der Schotte Brian Cummings gefunden, normalerweise als Frontman der Genesis-Coverband „Carpet Crawlers“ unterwegs. Stimmlich habe ich meine Schwierigkeiten, da Cummings die hohen Töne kaum trifft und dadurch in gewissen Passagen sehr gequält klingt. Damit werden die ruhigen Songs wie „Script“, „Chelsea Monday“, „Charting The Single“ und „Three Boats Down From The Candy“ zum problematischen Teil des Sets. Aufgefangen wird dies aber durch die (ungefähr 150) Zuschauer, die jede Textzeile begeistert mitsingen und vokale Aussetzer gekonnt auffangen.

Wenn auch nicht alles passt, so macht Cummings doch viel durch seine Leistung als Entertainer wett. Er geht ganz in der Rolle des jungen Fish auf und füllt sie aus – mit Gesten, Mimik und den typischen Bewegungen. Dazu kommen die kleinen Details, wie eine Kopie des Shirts, das Fish getragen hat, die Gesichtsbemalung als Jester, die zerrupfte Pflanze zu „The Web“, die Armeekleidung bei „Forgotten Sons“ und natürlich die Grendel-Maske.

Die Klasse der Band ist enorm. Okay – Mick Pointer bleibt halt Mick Pointer. Das kann man nun sehen wie man will. Sicherlich hatte es seinen Grund, dass die Band ihn nach dem ersten Album gefeuert hat. Aber zumindest bringt er seinen Drumstil authentisch rüber (wer könnte das besser?). Mike Varty von Credo ist ein für mich eher unbeschriebenes Blatt. Doch er kann den 80er-Keyboard-Sound recht gut kopieren. Nicht perfekt, aber mehr als angemessen. Glanzlichter sind vor allem Ian Salmon, Bassist von Arena, der gewohnt virtuos mit seinem Instrument umgeht, und Pendragons Nick Barrett, der ganz in seiner Rolle als Rothery aufgeht. Nicht nur körperlich – Nick hat das gleiche selige Grinsen im Gesicht wie der Gitarrengott und spielt seine Soli in einer Perfektion, die auch mir mit geschlossenen Augen mehr als einmal die Seeligkeit ins Gesicht zaubern.

Die großen Momente für Brian Cummings kommen, wenn er pathetisch in seiner Rolle aufgehen kann und stimmlich eher raue, kräftige, tiefere Töne gefragt sind. Bei „He Knows You Know“, „Garden Party“, „Forgotten Sons“, „Market Square Heroes“ und Teilen von „Grendel“ ist er vom Original kaum mehr zu unterscheiden. Die jubelnde Menge tut ihr Übriges dazu und die Illusion der Zeitreise ins Jahr 1983 wird perfekt.

Ich zumindest habe mich an diesem Abend im Spirit Of 66 sehr wohl gefühlt. Meine Zeit mit Fish und Marillion begann erst 1990. Beim Konzert in St. Wendel habe ich den Saal verlassen, als Steve Hogarth „Script For A Jester’s Tear“ anstimmte. Das würde mir heute nicht mehr passieren, da Marillion ohne Fish ihren eigenen Stil entwickelt haben und die Interpretation der Klassiker eh die Ausnahme bei Fanclub-Konzerten bleibt. Man weiß diese nostalgischen Exkurse jetzt also eher zu schätzen. Was aber den Geist von 1983 angeht – den konnte ich bisher nur durch die Recital-Videos und die Recital-DVD atmen. Schön, dass man auf diese Weise eine Gelegenheit dazu in Liveatmosphäre bekommt.

Die Zeitreise endet nach 105 Minuten mit dem von Marillion textlich veränderten Coversong „Margaret“, einem schottischen Traditional. Damit sind alle Songs gespielt, an denen Mick Pointer musikalisch beteiligt war: die Debüt-EP „Market Square Heroes“, das komplette erste Album und alle dazugehörigen B-Seiten. Persönlich hätte ich mir noch 15 ergänzende Minuten mit je einem Song von Credo, Arena und Pendragon gewünscht. Konzeptionell hätte dies sicher noch als Anhängsel mit ins Bild gepasst und den Merchandise gerechtfertigt, der sich eben diesen drei Bands widmete.

Was Fish angeht: Zwar schade, aber trotzdem besser, dass sich der 50jährige Uncle Fish nicht mehr mit den kopflastigen Tenorlagen der Script-Ära rumschlägt. Genau wie Marillion verfügt er über einen beachtlichen Backkatalog, der zu einem Set führt, dass immer noch rockig und in weiten Teilen („13th Star“) gar proggy klingt, die Neoprog-Eskapaden der 80er aber außen vor lässt. Ich freue mich auf die Loreley – da gibt es endlich wieder das Original, in der passenden Kulisse. Lasst euch die dritte NIGHT OF THE PROG Ende Juli nicht entgehen! Weitere Infos dazu findet ihr HIER.

Setlist, Verviers, 24.4.2008

Script For A Jester's Tear
He Knows You Know
The Web
Garden Party
Chelsea Monday
Forgotten Sons
Charting The Single
Three Boats Down From The Candy
Market Square Heroes
Grendel
Margareta

Die Band:

Mick Pointer (ex-MARILLION)
Nick Barrett (PENDRAGON)
Mike Varty (CREDO)
Ian Salmon (ARENA)
Brian Cummings (CARPET CRAWLERS) als Fish

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