Saints Of Los Angeles Tour 2009 - Support: Loaded, Backyard Babies
Im Zuge ihres aktuellen Studioalbums “Saints Of Los Angeles“ sind Mötley Crüe seit längerer Zeit wieder in Originalbesetzung auf Tour. Nach einigen Turbulenzen während des vergangenen Jahrzehnts und sogar einem Stern auf dem Walk Of Fame sind die vier Rockmusiker, die sogar Vorreiter einer ganzen Ära sind, wieder auf Europa-Tour und bringen den Sleaze- und Hairspray-Rock in die deutsche Hauptstadt.
Um halb Acht eröffnen die Backyard Babies die Show. Die vier Rocker aus Schweden treffen vom ersten Ton an auf ein absolut begeistertes Publikum und es wird einem wieder einmal bewusst, dass der Opener des Abends ohne Zweifel längst keinen Vorbandcharakter mehr ausstrahlt, sondern ebenfalls zu den ganz großen des Rock n’ Roll zählt. Auf der Bühne bietet sich ein interessantes Bild, die Verstärker sind komplett mit roten Lichterschläuchen umrandet. Die Band selbst besticht nicht nur durch ihr unverwechselbares Äußeres und den markanten Sound, sondern vor allem durch eine solide Leistung. Wer schon einmal das Glück besaß, die Backyard Babies live erleben zu dürfen, weiß worauf man sich verlassen kann und das kommt bei den Fans gut an. Bei Songs wie “Minus Celsius“ oder “Brand New Hate“ reichen schon erste Gitarrenriffs, um den Fans einen Riesenapplaus zu entlocken. Natürlich wird auch die aktuelle Single “Degenerated“ nicht ausgelassen.
Dass vor allem Dregen, der Gitarrist, einen Hang dazu hat sich auszuziehen, ist älteren Fans ohnehin bekannt. Schließlich will er auch dem Berliner Publikum nicht seinen durch und durch tätowierten Oberkörper vorenthalten und legt schon beim zweiten Lied seine Lederjacke ab. Drummer Peder Carlsson kommt seit jeher fast nackig und bereits vor dem ersten Lied schon dermaßen durchgeschwitzt auf die Bühne, dass man denken könnte, die Show liefe schon eine Stunde und wäre in zwei Minuten schon wieder vorbei. In diesem Fall wird man jedoch schnell eines Besseren belehrt. Der Sound kommt äußerst deutlich rüber und ist perfekt abgemischt. Als der Auftritt leider nach bereits einer halben Stunde in einem grandiosen Gitarren- und Schlagzeugsolo endet, lassen die Backyard Babies auf jeden Fall einen sympathischen Eindruck und Appetit auf mehr im Publikum zurück.
Als nächste Band steht Loaded circa eine Viertelstunde später auf der Bühne. Da es sich beim Sänger und Gitarristen Duff McKagan um den ehemaligen Guns n’ Roses-Bassisten handelt, liegen die Erwartungen an die Band extrem hoch. Und bereits nach den ersten Songs ist klar, dass diese auch erfüllt werden. Die Musiker scheinen zumindert äußerlich etwas zusammengewürfelt, kommen aber musikalisch auf jeden Fall auf einen Nenner. Im Vordergrund steht der markante Gesang von McKagan.
Auf die Ohren gibt es ordentlich Hardrock mit Gitarrensoli von Gitarrist Mike Squires und auch die übrigen Bandmitglieder wissen durchaus mit ihren Instrumenten umzugehen. Als McKagan fragt, ob das Publikum bereit für etwas Punkrock n’ Roll ist, wissen wir schon was auf uns zukommt. Dass McKagan ein Punkrock Fan ist, dürfte den meisten Fans noch aus Guns n’ Roses Zeiten vertraut sein. Es folgt das Cover “Attitude“ von den Misfits. Anschließend geht das Licht aus, man hört eine kurze Weile nichts. Als dann Squires das hohe H auf seiner Gibson Les Paul zweimal gekonnt anschlägt, bricht das Publikum in ungezügelten Applaus aus. Das Intro von “Welcome To The Jungle“ klingt absolut authentisch und auch die folgenden Riffs von “Paradise City“ lösen absolute Gänsehaut aus. Der Song “It’s So Easy“ wird zur Freude aller Anwesenden komplett gespielt und spätestens jetzt fällt auf, dass Duff McKagan längst zum Bass gewechselt hat. Er und Squires spielen Rücken an Rücken, ein weiteres Überbleibsel von früher. Das hiernach keine Zugabe mehr folgt, ist den meisten auch klar und so freut man sich bereits auf den Headliner des Abends.
Die nächste Umbaupause hinter einem schwarzen Vorhang dauert etwas länger, circa eine halbe Stunde, das ist aber für eine derartige Band wie Mötley Crüe durchaus verständlich. Nach einigen Rocksongs die während der Umbaupause laufen, wird “Hells Bells“ von AC/DC gespielt und als Mick Mars ein paar Riffs plötzlich mitzuspielen beginnt, ist allen klar, dass der Auftritt der vier Kalifornier nicht länger auf sich warten lässt. Geduldig wird der Song abgewartet und im Anschluss beginnt das durch die E-Gitarre imitierte Geräusch eines startenden Motorrades, man sieht die Lichter der Scheinwerfer hinter der Bühne wild umher durch den Vorhang scheinen. Dieser fällt während des Songs unter tosendem Applaus, noch bevor Sänger Vince Neil zum Gesang ansetzt. Die Bühne ist klassisch besetzt und den Hintergrund schmücken in verkehrter Reihenfolge die Buchstaben ANGELS als dreidimensionale Kästen aus Metall. Im ersten Moment hinterlassen die Musiker nicht den Eindruck, als hätten sie im vergangenen Jahrzehnt große Schwierigkeiten mit ihrer Band gehabt. Lediglich die Stimme von Neil scheint dermaßen angeschlagen, dass sie an manchen Stellen hörbar elektronisch nachgebessert werden muss und das klingt irgendwie unecht. Diese Tatsache scheint aber niemandem etwas auszumachen, musikalisch bewegt sich die Band auf einem sehr hohen Niveau.
Das dunkelrote Schlagzeug von Tommy Lee ist etwas seitlich aufgebaut und für eine Hardrock Band sogar noch recht dezent. Erfrischend auffällig sind auch die Instrumente: Nikki Sixx spielt auf einem Gibson Firebird Bass und Mick Mars auf seiner vertrauten Fender Stratocaster, das erste Mal, dass es sich bei der Gitarre nicht um eine für diese Musik typische Gibson Les Paul oder ein Epiphone Casino Modell handelt. Und auf dieser Gitarre spielt es sich mindestens genauso gut. Mars spielt bei fast jedem Song Soli, die ihresgleichen suchen, dabei steht er absolut steif und blass auf der Bühne, den Zylinder tief ins Gesicht gezogen, so dass dem Publikum jegliche Mimik vorenthalten wird. Es hilft jedoch nicht dabei, den blassen Taint zu verstecken, durch den Mars ein geisterhaftes Aussehen erlangt. Zwischendurch steigt Lee hinter seinem Schlagzeug auf und dreht eine Flasche Jägermeister auf. Er nimmt einen kräftigen Schluck, springt von der Bühne und lässt die Flasche im Publikum herumreichen, eine Erinnerung an die Alkohol- und Drogeneskapaden, die im Crüe-Buch “The Dirt“ ausführlich nachzulesen sind.
Die Crüe spielen Songs vom neuen Album “Saints of Los Angeles“, z.B. “Mutherfucker Of The Year“, lassen aber auch absolute Klassiker wie “Same Ol’ Situation“, “Girls, Girls, Girls“ und “Too Fast For Love“ nicht aus. Um 23 Uhr gehen alle von der Bühne und das Publikum verlangt lauthals eine Zugabe. Kurze Zeit später hört man den Anfang von “Home Sweet Home“, gespielt von Tommy Lee am Keyboard. Langsam setzen Sixx und Mars mit ein, der Song wirkt wehmütig und ist die ideale Verabschiedung von der Show.
Letztendlich kann man die Reunion der Band als Erfolg bezeichnen, sie kommen absolut authentisch rüber und das, durchaus größtenteils ältere, Publikum zeigt sich durch und durch dankbar und begeistert.