Mother Tongue

The Dog and Pony Show – Support: Louis Lament, The Stranged Death Of Liberal England, The Animal Five

09.02.2008 Matrix / Bochum

Von: Thorsten Schmidt

Mother Tongue  Bochum

Die Meistersinger aus Berlin haben eine neue Festivalreihe ins Leben gerufen: Im Rahmen der „Dog and Pony Show“ werden 3-4 junge Bands fernab von Superstar-Schmierigkeiten oder Quoten orientiertem Formatradio auf gemeinsame Konzertreise geschickt um sich vor größerem Publikum zu präsentieren. Das Ganze zwei mal im Jahr, mit dabei jeweils ein etablierter Headliner. Das waren bei diesem Durchlauf keine geringeren als Mother Tongue aus den USA. Nach einer gemeinsamen Woche zwischen Hamburg und München hieß es nun Abschied nehmen.

Louis Lament spielen gegen 20.30 Uhr gerade die letzten Takte von ziemlich dickem 70er Rock – schade, der Applaus im noch spärlich besetzten kleinen Club der Matrix spricht jedenfalls für die drei Herren aus Köln. Klagen klingt anders. Nach gut 10 Minuten dann The Strange Death Of Liberal England. So gewöhnungsbedürftig wie der Name, so auch die Musik. Diese jungen Briten haben nicht nur eine schicke Bassistin, sondern auch einen sehr ungewöhnlichen Frontmann: David Malkinson erinnert mit euphorischen Melodien wie man sie bei Arcade Fire so mag, dazu ein musikalischer Ansatz wie bei At The Drive-In und der Mut zum Ungewöhnlichen - es gehört schon Mumm dazu den eher Kyuss-orientierten Zuschauern auch mal ganz ohne Mikrofon in Falsettgesang Poesie nahe bringen zu wollen. Insgesamt wirkt das zwar noch ein wenig holperig und tatsächlich sehr jugendlich, aber allemal erfrischend anders.

The Animal Five bieten dann eine Rockshow mit Prunk und Pathos. So wie hippe Schweden zurzeit nun mal so klingen. Die Anflüge von Divengehabe verzeiht man dem drolligen Sänger Martin von Inghardt gerne, es geht schließlich um Entertainment. Ansonsten eben eine sichere Bank: Energetischer, bierseliger Rock'n'Roll mit Hemd statt Leder, der junge Herzen höher schlagen lässt. Zum Ende des 40-minütigen Sets kommen dann die Vorbands mit auf die Bühne und hüpfen und dreschen gemeinsam auf sich und dem Equipment herum - der Spaß kommt an. Aber mal ganz ehrlich: Trotz aller musikalischer Offenheit sind doch alle wegen einer Band hier: Mother Tongue.

Es ist mittlerweile kurz vor halb Elf als Sash, Christian, Brian und Davo die Bühne betreten. Die geben nach kurzem Soundcheck on stage dann auch Vollgas: „Lines Drawn" und „Darkside Baby" – Bochum ist eine Metal(l)stadt und die Leute mögen's heftig. Kaum Atem holen bei „Nightmare" mit aufkommendem Singalong der tanzenden Meute. Die Band scheint überrascht ob der heftigen Reaktionen der vielleicht gut 100 Besucher. An dieser Stelle sei eine Warnung ausgesprochen: Wer einmal den explosiven, bluesgetränkten, 70er Rock von Mother Tongue live erlebt hat, Improvisationen liebt und ein Gespür für harmonisierende Musiker hat, der kann dieser Band verfallen! Das ist authentisch, funky, heavy und mit soviel Leidenschaft gespielt und dargeboten als hätten die Großen Helden der 70er Jahre uns nie verlassen.

„Vesper" vom selbstbetitelten 94er Debütalbum sorgt für erste Gänsehaut und gibt etwas Luft zum Atmen. Zeit für sphärische Momente, Psychedelik und flirrende Gitarren, Zeit für „The Storm". Schade nur dass die Bühne so niedrig ist. Aber auch so dringt das Charisma des stets mit Hut bestückten Bassisten und Antreibers Davo im Handumdrehen durch die mittlerweile ziemlich feuchte Clubluft. Mit „Casper“ wird das Ganze noch ein wenig höher geschraubt, gespenstische Bass-Akkorde und die Geschichte eines viel zu früh an Drogen verstorbenen Freundes... harter Tobak, intensiver Stoff. Was folgt ist Katharsis durch Gitarrist Christian, der auch gerne mal ein Bad in oder auf der Menge nimmt. Heute hat er mal wieder einen seiner Gefühlsausbrüche. Völlig in sich gekehrt, weggetreten und zitternd vor Anspannung kniet er auf dem Boden und krümmt sich, um dann schließlich mit allen Anwesenden den Schmerz hinter sich zu lassen und den Refrain laut herauszuschreien: Brokeeeen!

Für die Zugaben werden dann gleich zwei ganz neue Songs aus dem Repertoire gehoben, „Nighbird Sing / Silhouette“ ist ein perfektes Doppel das verblüfft, zeigt es in seiner trancigen Spielweise doch fast schon technoide Elemente. Was ein Glück, dass es die neue CD direkt beim Konzert zu kaufen gibt: Da steckt was schönes Buntes drin! Mit „Fuck Their World“ streckt die in Austin Texas gegründete Band nach gut 90 Minuten dann noch einmal ganz deutlich den Mittelfinger Richtung republikanische Lebensform: Mother Tongue sind weite Wege gegangen und doch immer wieder heimgekehrt. Zu den Fans die sie verehren und insbesondere in Deutschland am liebsten über mehrere Abende verfolgen. Schließlich ist jedes Konzert anders, die Setlist variiert und die Länge einiger Songs verändert sich ständig: Höre zu mit Herz und Verstand. Es lohnt sich.

Setlist:
Lines Drawn
Dark Side Baby
Nightmare
Vesper
Alien
Trouble Came
The Storm
That Man
Casper
Broken
In The Nighttime
Damage
---------
Nightbird Sing
Silhouette
CRMBL
F.T.W.

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