Mother Tongue

20 Years Anniversary Tour 2010

30.08.2010 Underground / Köln

Von: Thomas Welsch

Mother Tongue  Köln

Ich habe nichts gegen Muse. Live hab ich sie auch noch nicht erlebt. Eigentlich gibt es also keinen Grund die erfolgreichen Briten an dieser Stelle zu erwähnen. Wenn ich nicht über ihre letzte Tour gelesen hätte, dass ihr Bühnenbild aus riesigen Säulen bestand, für jedes Bandmitglied eine. Leichtes Unwohlsein stellte sich bei mir ein. Wie kann eine Band zugunsten eines solchen Effekts darauf verzichten miteinander in Kontakt zu sein? Das radikale Gegenteil verkörpern David Gould, Bryan Tulao, Christian Leibfried und Sasha Popovic. Mother Tongue sind eine Einheit, zelebrieren das Miteinander und genießen die Nähe zu sich und den Fans. Und das Ganze in einem unwesentlich kleineren Konzertsaal, dem Kölner Underground. Das ist ausverkauft und vor den Türen bemühen sich viele, eines der begehrten Tickets zu ergattern, während Delegates Of Planet Earth den Abend eröffnen.

Mother Tongue betreten gegen 21:45 Uhr die Bühne, nicht aber um unter dem Jubel der Besucher ihr Set zu beginnen, sondern in aller Ruhe selbst den Soundcheck durchzuführen. Dann endlich geht es mit "In The Nighttime" los. Momente kaum noch wahrnehmbarer Töne münden in explosionsartigen Ausbrüchen. An dieses Muster knüpft "The Void" nahtlos an. Da ist sie also: Die Band, der die Visions nicht nur seit Urzeiten die Stange hält, sondern die Titelstory ihrer letzten Ausgabe gewidmet hat. Vor zwanzig Jahren gegründet, erlebte sie manche Aufs und viel mehr Abs, löste sich auf und spielt seit 2002 in veränderter Besetzung, aber nicht wesentlich gewachsenem Erfolg.  Neben Gould singen auch Tulao und Leibfried und jeder bringt eine andere Nuance in die jeweiligen Songs. Mal dominiert der Blues, mal lugt der Funk durch den Alternative Rock. "Damage" wird mit seinen kraftvollen Riffs zum ersten Höhepunkt. Keinem der vier Musiker mangelt es an Ausstrahlung, aber in dieser Hinsicht sticht David Gould deutlich hervor. Er ist das verbindende Element und lässt keine Möglichkeit verstreichen, sich entweder einem Bandkollegen oder dem Publikum zuzuwenden. Und jeder erhält seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicht viele können mit solch einer Präsenz aufwarten. Er ist es auch, der die jeweils nächsten Songs vorgibt oder zumindest vorschlägt. Eine Setliste gibt es nämlich nicht. Ein kurzer Zuruf und weiter geht´s im Programm. Und das hat es in sich. Bester Südstaaten Blues gepaart mit wilden Ausbrüchen, die fast schon an Punk grenzen, das ist "Burn Baby"! Mit "Helicopter Moon" steuern die Kalifornier nach 90 Minuten dem Ende des Mainsets entgegen.

Mit "The Seed" beginnt eine bemerkenswerte Zugabe mit nicht müde werdender Band und begeisterten Fans. Keiner der Anwesenden kann sich dieser Energie entziehen. Kaum ein Körper bleibt ohne Bewegung. Von "Crmbl" über "F.T.W" bis zum Ende eines über zweistündigen Musikereignisses mit "Casper" geht ein Highlight nahtlos in das nächste über. Pausen, die von Gould genutzt werden, um Worte ans Publikum zu richten, nimmt sich die Band innerhalb der ruhigen Passagen der Songs. Gould ist es dann auch, der den stimmungsvollen Schluss einleitet, indem er nach warmen Worten des Abschieds die Bühne verlässt, während die Verbliebenen weiterspielen. Ihm folgt Tulao, später Leibfried, sodass nur noch Popoviv an den Drums sitzt. Wie ein immer langsamer werdender Herzschlag, der schließlich verstummt, beschließt er eine ganz außergewöhnliche Show einer noch außergewöhnlicheren Band.

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