Motorpsycho

Tour 2009

06.11.2009 Gebäude9 / Köln

Von: Thomas Welsch

Motorpsycho Köln

Motorpsycho sind gerade 20 Jahre alt geworden. Sie deshalb als Dinosaurier der alternativen Musikszene zu bezeichnen, wäre wohl übertrieben. Doch ein anachronistisches Phänomen sind die Nordmänner angesichts ihrer Ignoranz gegenüber den Möglichkeiten des Internets. Eine bandeigene Website sucht man im WWW vergeblich. Ob man auf diese Weise neue Fans gewinnt, ist zumindest fraglich und wohl auch nicht vorrangiges Ziel der Band. Nichtsdestotrotz ist das Gebäude 9 seit langem ausverkauft und seine Wände sind bereits mit Hinweisen auf den nächsten Motorpsycho-Gig in Köln plakatiert: Am 28. Mai nächsten Jahres werden sie dann im plüschigeren und größeren Gloria gastieren. Sie scheinen in den hochfrequentigen Arbeitsrhythmus der 90er Jahre zurückgefunden zu haben, wofür auch die Ankündigung des neuen Albums für Januar, gerade mal ein halbes Jahr nach Erscheinen von "Child Of The Future" spricht.

Die Kölner Insider wissen ebenso wie die Langzeit-Fans, dass es heute sehr früh losgehen wird. Motorpsycho spielen durchgängig zweieinhalbstündige Sets und in Anbetracht der Tatsache, dass man freitags im Gebäude 9 ab 23 Uhr Party macht, ist es nur logisch, dass um 20:30 Uhr die ersten Klänge des hypnotischen Openers "Sideway Spiral III" erklingen. In bester Jam-Laune präsentieren sich die so wandlungsfähigen Norweger und nutzen jeden Song als Gerüst für Improvisationen der besonderen Art. Lediglich das verträumte "Upstairs - Downstairs" wird in der bekannten Album-Variante als Verschnaufer ins Set eingebaut. Das ungewöhnlich früh platzierte "Manmower" bildet schon ein erstes Highlight und führt die vom Opener erzeugte Stimmung nahtlos fort. Immer leiser werdend führen die Drei den Song bis fast an die totale Stille heran, um ihn dann explosionsartig wieder zurückzuholen.

Dann wird es kerniger. "Cornucopia" ist der erste Song des aktuellen Albums und verdeutlicht, dass dessen Songs ungeahnte Live-Qualitäten in sich bergen. Sæther und Kapstad bereiten in der Improvisationsphase einen jazzigen Klangteppich, auf dem sich Ryan (alias Snah) virtuos austobt. Das Cover des Abends ist eine fantastische Version des Grand Funk Railroad Songs "Looking From Inside Out". Nach "Glow" fordert ein Fan lautstark "Kill Some Day!" vom 1994er Monumentalwerk "Timothys Monster" und erhält von Sæther die charmante Antwort "some other day". Stattdessen bekommen die Fans das nicht minder begehrte "577", welches nach langer Abstinenz wieder den Weg zurück in die Sets gefunden hat. Die Version ist unglaublich überzeugend und kraftvoll. Gleiches gilt für "Year Zero", bei dem Snah die oft unterschätzten Gesangsqualitäten der Band zeigen kann. Das Mainset schließen wieder zwei Lieder aus "Child Of The Future" ab. "Ozzylot" und "Whole Lotta Diana" rocken so dermaßen die Bude, dass das Publikum begeistert nach mehr ruft.

Motorpsycho lassen sich nicht lange bitten und starten die Zugabe mit "Greener". Die Überraschung in diesem Teil des Konzerts stellt "Kill Devil Hills" dar. Das zunächst im Sonic-Youth-Stil gehaltene Stück bekommt einen Power-Jam verpasst, in dem Drummer Kapstad sein ganzes Können präsentieren kann. Ob er im Laufe einer Tour nicht das ein oder andere Mal an seine physischen Grenzen gelangt? Eine ausgedehnte Version von "The Alchemist" mit psychedelischem Mittelteil schließt die erste Zugabe ab. "Früher rief man in Deutschland U-A-E" sagt Sæther, als sie erneut zurück kommen. Gemeint sind die "Zugabe"-Rufe, die der Bassist gerne hört und in den letzten Jahren des Öfteren vermisst. Die Fans tun ihm gerne den Gefallen und schenken ihnen weitere U-A-E`s. "The Golden Core" hätte den Abend abschließen sollen, aber Kapstad teilt seinen Frontmännern mit, dass der hierfür nötige Synthesizer nicht funktioniert. Nach kurzer Diskussion entscheiden sich die Skandinavier für "Hogwash" inklusive eines spacigen "Halleluwah"-Riffs und erweisen somit der aus Köln stammenden Legende Can eine ungeplante Ehre. Perfekter Sound, eine höchst stimmige Setlist und eine Band in allerbester Spiel- und Jamlaune haben diesen Abend zu einem besonderen gemacht. Und wer noch nicht genug bekommen hat, kann sich zurecht auf Mai freuen. Tusen Takk.

Setlist:

Sideway Spiral III
Manmower
Cornucopia
Inside Looking Out
Glow
Upstairs Downstairs
577
Year Zero
Ozzylot
Whole Lotta Diana
----------------
Greener
Kill Devil Hills
Alchemist
----------------
Hogwash

 

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