Motorpsycho

Tour 2008

18.05.2008 Live Music Hall / Köln

Von: Thomas Welsch

Motorpsycho Köln

Norwegens Progressive-Psychedelic-Export Motorpsycho ist wieder auf Tour. Zum gefühlten 17. Mal gastieren sie in der Kölner Live Music Hall. Und man durfte auf´s Neue gespannt sein, denn wieder gab es in der Zwischenzeit eine Neubesetzung am Schlagzeug. Der für die Tour 2006 engagierte Jacco van Rooij erwies sich nur als Übergangslösung. Seit letztem Jahr sitzt Kenneth Kapstad an den Drums. Und der erweist sich an diesem Abend als absoluter Glücksgriff. Ein solches Maß an Präzision, Energie und Harmonie mit den gestandenen Frontmännern, lässt ein ganz neues und gleichzeitig vertrautes Motorpsycho-Gefühl aufkommen.

Da kein Support-Act angesagt ist, betrete ich schon gegen kurz nach 20 Uhr den Saal. Hier haben sich bisher nur wenige Zuschauer eingefunden. Die meisten stehen noch vor der Halle beim Bier und werden frühestens bei den ersten Klängen gemütlich ihre Plätze einnehmen. Die Live Music Hall ist bei weitem nicht ausverkauft. Gewohnt unspektakulär betritt das Trio gegen 20:30 Uhr die Bühne und startet mit „Greener“, einem sehr selten gespielten, aber als Opener wunderbar geeigneten Stück des 96er Albums „Blissard“. Bei „No Evil“, dass nahtlos in den Klassiker „Hey Jane“ übergeht, ist der Sound noch etwas verwaschen und unausgewogen. „Colamine Pony“ ist neu arrangiert und brilliert mit verspielten Jazz-Elementen.

Das erste Stück des aktuellen Albums „Little Lucid Moments“ an diesem Abend ist „Year Zero“. Motorpsycho begeistert dabei durch ein Intro, das sich von ruhigen Klängen unmerklich zu brachialen Riffs entwickelt. Bent Sæther haut dabei mal wieder dermaßen in die Bass-Saiten, dass eine reißt. Egal, für den Wechsel des Instruments sind noch ein paar Minuten Zeit. Er schaut halt mal, wie er den Song zunächst ohne A-Saite meistert. Mit „You Loose“ und „Sail On“ folgen zwei weitere Stücke des vorletzten Albums „Black Hole / Blank Canvas“. Spätestens hier wird klar, dass Drummer Kenneth Kapstad weit mehr als ein Ersatz ist. Mit seiner Handschrift beschreiten diese Stücke ganz neue Wege. Zudem wird deutlich, dass jenes Doppel-Album, das kurz nachdem Langzeit-Drummer Håkon Gebhard die Band verlassen hatte, eingespielt wurde, alles andere als ein Verlegenheitsalbum war. Es stellt ein Drittel der heute Abend gespielten Songs, was für viele Fans recht überraschend ist.

Emotionaler Höhepunkt für die meisten Zuhörer: „Taifun“! Viele Hardcore-Fans warten seit 10 Jahren vergeblich darauf, dieses Highlight live zu erleben. Heute wird es gespielt und es ist großartig. Völlig neu arrangiert ist das im Original eher poppige „Upstairs-Downstairs“, das nun im Rock-Gewand daher kommt und in „Wharf Rat“, einem Grateful Dead–Cover mündet. Mit „She Left On The Sunship“ wird das zweite Stück des aktuellen Albums zum besten gegeben und überzeugt auf ganzer Linie. Die neuen Songs werden allesamt heute Abend gespielt. Dass dies Zeit benötigt, ist klar. Und die nehmen sich die Skandinavier gerne. Das Gastspiel in Köln währt insgesamt über 2,5 Stunden.

Die erste Zugabe besteht ausschließlich aus „Little Lucid Moments“, dem über 20-minütigen ersten Stücks des gleichnamigen Albums. Es bleibt kaum Luft zum Durchatmen und man fragt sich, wie lange Kenneth Kapstad diese körperliche Verausgabung durchhalten mag. Doch der Junge ist ausdauernd, er zählt ja auch deutlich weniger Lenze als seine beiden Frontmänner. Die Stimmung ist hervorragend und die Begeisterung möchte auch nach dieser ersten Zugabe nicht verebben. So bekommt das dankbare Publikum mit „Walking On The Water“ und dem an so manche 70er-Jahre Hymne angelehnten „Black To Comm“ eine zweite.

Der Merchandising-Stand, an dem es auch die gerade erschienene Doppel-DVD „Haircuts – Motorpsycho On Film“ zu fairen 20 Euro gibt, ist nach dem Konzert heillos überlaufen.

In meinen Ohren klingelt es noch lange nachdem ich die Live Music Hall verlassen habe. Vielleicht sollte ich bei diesen fantastischen Live-Musikern das nächste Mal an Hörschutz denken. Und das nächste Mal kommt schneller als erwartet. Für 20 Euro seid ihr live dabei in Bremen und/oder Hamburg. Wer da nicht zugreift, ist selber schuld.  

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