Europatour 2006
Da waren´s nur noch zwei. Als das Beinah-Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Motorpsycho Håkon Gebhardt 2005 die Band verließ, blickten nicht wenige der Langzeit-Fans sorgenvoll in die Zukunft der norwegischen Band. Zweifel, welcher Art auch immer, konnte schon das Erscheinen des neuesten Albums „Black Hole/Blank Canvas“ im März dieses Jahres von allen Tischen fegen, denn das verbliebene Duo Bent Sæther und Hans Magnus "Snah" Ryan findet darin zu seinen kraftvollen Rockwurzeln zurück. Diese Tendenz bestätigt die Band nun auch live, wovon sich die Besucher ihres Kölner Auftritts überzeugen konnten.
Ein warmer Frühlingsabend lädt die Fans ein, vor den offenen Türen der Halle zu verweilen, um bei Bier und Pommes herauszufinden, wer denn die längste Anreise hatte. Wahre Motorpsycho-Fans scheuen keine Mühen und (wenn machbar) Kosten, um möglichst viele Live-Auftritte zu erleben. Verständlich allein schon deshalb, weil die Setlisten der Psychedelic Rocker allabendlich wechseln. Doch spätestens als die ersten Klänge des Openers „Sideway Spiral III” sanft erschallen, werden auch die letzten Plastikbecher in erstaunlicher Geschwindigkeit geleert und die laue Frühsommernacht sich selbst überlassen.
Die Band wird freundlich, aber verhalten begrüßt. Zu emotionalen Ausbrüchen besteht noch keine Notwendigkeit – frei nach dem Motto „alles zu seiner Zeit“. Das Publikum scheint zu wissen was es will (gut gemachte Live-Musik), was sie erwartet (gut gemachte Live-Musik) und was es zu einem Abend in seinem Sinne beiträgt (andächtige Stille in den leisen Momenten und Begeisterungsrufe, wenn´s rockt).
Viele Songs des neuen Doppelalbums stehen auf dem Programm. Vor allem die treibenden „Sail On“ und „Colamine Pony“ bringen die Zuhörer auf Betriebstemperatur. Ja richtig, Zuhörer, denn zu gucken gibt es bis auf die projizierte psychedelische Videokunst nicht viel. Die Band ist in äußerst schwaches Licht getaucht, so dass fast nur ihre Konturen zu sehen sind. Dieses visuelle Arrangement hat was und bewirkt zumindest die Konzentration auf´s Wesentliche: Die Musik - und die erinnert in den ersten Stücken oft an die Doors und besten Progressive Rock. Trotz häufigen Doppelgesangs bleiben die Instrumente immer dominant.
Es folgt einer der Höhepunkte: „Bonny Lee“ geht fließend in ein grandioses „The Wheel“ vom 1994er „Timothy´s Monster“ über. Bevor dieser Song nach sphärisch erfüllten 20 Minuten langsam ins Nirwana zu entschwinden scheint, reißt ihn Bent mit einem Schrei zurück ins Leben und die kraftvollen Riffs sind auf Anhieb wieder präsent. „Feel“ lädt zur anschließenden Erholung ein, bevor „Kill Devil Hills“ in bester Sonic Youth Manier für Bewegung im Publikum sorgt. Das Tempo bleibt nun bis zum Ende des regulären Sets konstant hoch. Dafür sorgt auch Schlagzeuger Jacco van Rooij, der alle Voraussetzungen für einen „Stammplatz“ in Motorpsycho mitbringt. Gemeinsam mit Øyvind Brandtsegg an Vibraphone und Keyboards bildet er einen kreativen Rahmen um die Protagonisten Bent und Hans Magnus, die selbst viel Freude an diesem Gig zu entwickeln scheinen. Ebenso wie das Publikum, das gesangliche Unterstützung bei „You Lied“ liefert. Mit dem intensiven „Hyena“ runden die Skandinavier ein sehr gelungenes und abwechslungsreiches Set ab, welches eindrucksvolle Beispiele für ihr Können bot.
In der Zugabe rücken Øyvind´s Vibraphone und Keyboard stärker in den Vordergrund. Während dem sachte startenden „Manmower” ermahnen sich einige Fans gegenseitig zur nötigen Ruhe. Im weiteren Verlauf des 15-minütigen Songs erübrigt sich dies aufgrund der kletternden Dezibel. Hier, wie auch während des gesamten Gigs besticht der ausgezeichnete Sound. Kleiner Wermutstropfen: Obwohl „Before the Flood” und "Vanishing Point” auf der Setliste stehen, werden sie nicht gespielt. Dafür betritt die Band zu einer zweiten Zugabe und, wie sich herausstellen wird, einem weiteren Höhepunkt die Bühne. Das treibende „Hogwash“ zieht noch einmal alle Register, ehe es in Feedbackschleifen versinkt.
Die Lichter gehen an und das Schwelgen in den 150 Minuten Motorpsycho kann nun wieder nach draußen in die laue Frühsommernacht verlegt werden.