Evil Urges Tour 2008 - Support: Everest
Der letzte Deutschlandbesuch von My Morning Jacket lag vor dem diesjährigen Sommer schon einige Jahre zurück. Um genau zu sein, war die Band aus Kentucky das letzte Mal im November 2003 bei uns. Die Kölner Location hat im Vergleich zu damals nur den Namen gewechselt – der damalige Prime Club heißt heute wieder Luxor –, My Morning Jacket heißen zwar heute auch noch so wie vor viereinhalb Jahren, ihr Sound hat sich jedoch – freundlich gesagt – ziemlich weiterentwickelt. Vom damals aktuellen Americana-Rock des 2003er Albums “It Still Moves“ war der Fünfköpfer am Abend ihres Köln-Konzerts am 2. Juli jedenfalls meilenweit entfernt.
Verhältnismäßig langsam füllte sich das Luxor an diesem Mittwoch. Nicht zuletzt die herannahende Gewitterfront wird dafür gesorgt haben, dass viele diese eventuell erst noch abwarten wollten, bevor sie den Weg in den Club in Angriff nahmen. Als der kalifornische Support-Act Everest die kleine Bühne betrat, war das Luxor ungefähr halb voll – dass es an diesem Tag einen gewaltigen Männerüberschuss geben würde, stand bereits zu diesem Zeitpunkt fest. Die Musiker aus Los Angeles fanden jedoch sofort Anhänger in den noch etwas spärlich besetzten Reihen und wussten mit melodischem Progressive-Rock durchaus zu gefallen. Beim bezaubernden Dylan-Cover “You Ain’t Goin’ Nowhere“ gesellte sich sogar My Morning Jacket-Frontmann Jim James zu Everest auf die Bühne, schnallte sich eine Akustikgitarre um und teilte sich mit Russell Pollard die Vocals. Spätestens ab hier lauschten fast alle Anwesenden gespannt und folgten den Amerikanern bis zum Ende ihres Sets. Der letzte Song enthüllte sogar noch ein wenig Rockstarattitüde bei den beiden Gitarristen und erinnerte durch das einprägsamste Riff an “Born On The Bayou“ von CCR.
Gegen Ende von Everest füllte sich das Luxor immer mehr und kurz bevor My Morning Jacket die Bretter betraten, enterten obendrein noch Kameraleute des WDR Rockpalasts den Floor. Zwei Handkamerabearbeiter positionierten sich auf der Bühne und ein paar andere im Publikum. Alle Anwesenden bekamen nach einem passenden Intro den Titeltrack des aktuellen Jacket-Albums “Evil Urges“ auf die Ohren. Wie auf Platte ein guter Song, der jedoch auch live von Jim James’ unnötig hohen Vocals gestört wurde. Bei “Off The Record“ warf sich James kamerafreundlich in Pose und wiederholte das während jeden Stückes bei dem er sich keine Gitarre umschnallte. Zentrale Jacket-Songs wie “Gideon“, “The Way That He Sings“, “Anytime“ oder das alte und bis vor kurzem nicht oft gespielte Wunderwerk “Heartbreakin’ Man“ übergaben den musiktechnischen Staffelstab größtenteils an die neuen, verzichtbaren Songs vom aktuellen Album. “I’m Amazed“ machte anfangs zwar noch Spaß, Nummern wie “Thank You Too“, “Remnants“ (live riecht der Track viel zu sehr nach Heavy Metal) oder “Sec Walkin’“ killten fortan reihenweise die aufkommende Stimmung und verhinderten eine konzerttechnische Großtat. Auch wenn die Band „hot and wet and stinky“ für uns wurde, schmeckte so manches Setlistbonbon bitter. Der Countryburner “Golden“ holte gegen Ende einiges aus dem Feuer und “Smokin’ From Shootin’“ zeigte die Schokoladenseite von James’ Ausnahmeorgan; “Touch Me I’m Going To Scream Pt.2“ war am Ende des Main-Sets dann leider, wie auf CD, ein viel zu angestrengtes Gefrickel und eine durchwachsene Zäsur.
So richtig konfus und durcheinander wurde die ganze Geschichte im Zugabenteil. Es gab zwar nur einen, dafür beinhaltete dieser jedoch satte sieben Songs. Licht und Schatten gaben sich die Klinke in die Hand. Durch das überflüssige und schmalzige “Look At You“ begann der Schlussakkord mit Schatten. “Wordless Chorus“ lotste Jim James dann in eine lichtdurchflutete Rockstarpose und überzeugte vollends. “Highly Suspicious“ war, wie nicht anders zu erwarten, ein Graus für die Ohren – ich hoffe immer noch, dass der Song auf irgendeine Weise witzig gemeint ist und ich irgendwann darüber lachen kann, bis dahin ist er die pure Qual und ich verstehe nicht warum man wohlgesonnene Konzertbesucher noch zu so später Stunde damit behelligen muss. Egal, denn die folgende Nummer, das wunderschöne “Phone Went West“, versöhnte und erinnerte sehnsuchtsvoll an vergangene Jacket-Alben. “Dondante“ kam anschließend und fand viele glühende Anhänger. Ich stehe mit dem Stück leider auf Kriegsfuss und hänge ihm jetzt einfach mal das Label „meistüberschätzter MMJ-Song“ an. Die krachenden Noise-Anstrengungen sind einfach zu abgehackt und zu gezwungen in meinen Augen, Mea Culpa. Bei “Run Thru“ nervte dann höchstens die pokemongrelle Lichtshow und “One Big Holiday“ war ein finaler Höhepunkt, der die Show zwar nicht komplett retten konnte, aber das Positive – wenn auch knapp – an diesem Abend überwiegen ließ. Gitarrist Carl Broemel stand auf einer der Boxen und das Publikum stand ebenfalls, nämlich auf dem Kopf.
Zwei Stunden heizte der Fünfer sich, den Zuschauern und den umtriebigen Kameramännern vom WDR ein. 120 Minuten von denen mich leider nur ungefähr 70 überzeugen konnten. Was Konzerte von My Morning Jacket betrifft, leite ich aus diesem Abend für mich persönlich folgende These ab: Wenn die Band sich aufs Rockmusikmachen und ihre ehemaligen Countrygeistesblitze konzentriert, sind sie bei mir ein fast unantastbarer Liebling. Wenn sich ihr Bühnengewerkel allerdings in vordergründig epische – und durch das neue Album “Evil Urges“ in eunuchenfunkige – Rockshowplattitüden hochschaukelt, brauche ich diese Teile eines aktuellen Jacket-Gigs einfach nicht. Der Rest ist und bleibt große Klasse!
Setlist:
Evil Urges
Off The Record
Gideon
I'm Amazed
The Way That He Sings
Sec Walkin
Thank You Too
Lay Low
Anytime
Remnants
Heartbreakin’ Man
Golden
Smokin’ From Shootin’
Touch Me I'm Going To Scream, Pt. 2
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Look At You
Wordless Chorus
Highly Suspicious
Phone Went West
Dondante
Run Thru
One Big Holiday