Tour 2011 - Support: Geva Alon + Gregory Alan Isakov
Nathaniel Rateliff ist ein Newcomer in der Singer/Songwriter-Szene, der zu Beginn des Jahres mit seinem Album "In Memory Of Loss" auch hierzulande durchweg begeisterte Rezensionen erhielt. Nun ist er schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate auf Deutschlandtour, und ausgerechnet am Abend des großen Champions League-Finales ist er im Frankfurter Sinkkasten angekündigt. Das lässt eher dürftige Zuschauerzahlen befürchten, was aber nicht unbedingt Schlimmes bedeuten muss. Der Sinkkasten ist das Wohnzimmer des Frankfurters, irgendwann war hier jeder zwischen 18 und 120 schon mal drin – zum Konzert, zum Talentwettbewerb, zum Tanzen, wie auch immer. Der Club ist für seine familiäre Atmosphäre bekannt, und so mancher Künstler (Steve Wynn z.B. oder Jackie Leven) kommt genau deshalb immer wieder hierher.
Heute abend gibt es ein großzügiges Vorprogramm. Den Anfang macht der junge israelische Songwriter Geva Alon, dessen stimmliches Volumen angesichts seiner jungenhaft-schmächtigen Erscheinung für große Verblüffung sorgt. Schön seine Songs, die er mit einer interessanten, variablen Anschlagstechnik unterlegt, angereichert mit Effekten und Looper unternimmt er Ausflüge ins Psychedelische – dieser Knabe hat gewiss schon die eine oder andere Stunde mit ernsthaftem Üben verbracht. Sein Auftritt hat eine unglaubliche Dynamik: mitten in die besinnlichen Töne hinein schreit er hier und dort ins Mikrofon und drischt auf seine ganz offenkundig sündhaft teure Gitarre ein.
Im Gegensatz dazu streichelt Gregory Alan Isakov aus Colorado seine Klampfe - ohne nennenswerte Spieltechnik. Dafür wird er von einem Kumpel mit E-Gitarre unterstützt. Isakov’s Songs sind sehr melancholisch, und er bringt sie in gebeugter Körperhaltung dar - als wäre der Gitarrengurt das Joch des Jeremia. Sehr stimmiger Auftritt.
Als dann die Bühne für den Hauptakteur bereit gemacht wird, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: da stehen ein Mikrofon, ein Verstärker und eine einsame 08/15-Nylonsaiten-Gitarre. Isakov hatte seinen Begleitmusiker, Geva Alon wenigstens seinen Looper und ein Prachtstück von Gitarre – da wird doch dieser Nathaniel Rateliff nicht alleine auf diesem Stück Sperrholz headlinern? Doch, er wird!
Ein zerzaust wirkender, etwas fülliger Bartträger betritt die Bühne, schnappt sich die Gitarre und erfüllt mit dem ersten gesungenen Ton den Raum mit seiner Präsenz. Er tut das mit großer Selbstverständlichkeit und einigem Selbstbewusstsein, ist es offenbar gewohnt, dass man ihm zuhört. Gleichzeitig wirkt er aber zurückhaltend und hinter der imposanten Erscheinung zerbrechlich, fragil wie seine Songs es sind. Er punktet mit Humor und spricht mit dem Auditorium, stellenweise gar auf Deutsch. Nathaniel Rateliff ist Understatement pur, mal scheint er auf seiner dumpf klingenden Klampfe nur zu schrammeln, um im nächsten Moment doch wieder ernsthafte Spielkunst auszupacken. Stilistisch deckt er eine immense Bandbreite ab, wieder: ohne künstlerische Prätention, ganz selbstverständlich und organisch.
Dass ich nicht der einzige im Raum bin, der noch nicht so recht mit Rateliff’s Repertoire vertraut ist, wird klar, als beim Song "Shroud" die Eröffnungszeile "I’m looking more like my mother" noch für große Erheiterung beim Publikum sorgt. Wie es gerade bei Barca gegen ManU steht, interessiert hier längst niemanden mehr. Und es ist auch die Frage zweitrangig, ob uns allesamt nun eher Rateliff’s Ausstrahlung oder seine Stimme so fesseln. Wie er singt, das geht unter die Haut, meisterhaft variabel wechselt er in die Kopfstimme und zurück ("You Should’ve Seen The Other Guy"). Stellenweise setzt er seine Stimme ein wie ein Imitator, ja, er kann stimmlich geradezu zitieren. Leonard Cohen, James Taylor ("When We Could") oder Frank Sinatra meint man für die Dauer von Sekunden hören zu können – nur um die Assoziation kurz darauf wieder zu verwerfen und sich an den ungewöhnlichen Pausen zu erfreuen, mit denen Rateliff bisweilen seine Textzeilen zerstückelt, was sie noch geheimnisvoller erscheinen lässt. Und einen weiteren dramaturgischen Trick setzt er unentwegt ein: er lässt seine Lieder überraschend, scheinbar unvermittelt enden, so dass sie stets über das Ende hinaus körperlich spürbar im Raum hängen bleiben.
So mancher im Publikum fragt sich angesichts des Stimmvolumens, ob das Mikrofon und die P.A. nicht verzichtbar wären, und eine junge Dame äußert denn auch denn Wunsch nach einer kurzen unverstärkten Performance. Dem kommt Rateliff zum Abschluss des Sets nach, steigt von der Bühne herab und zelebriert "Early Spring Till" gänzlich ausgestöpselt, umringt von einem hingerissenen Publikum. Zu diesem Zeitpunkt sind einige Menschen anwesend, die nicht seinetwegen gekommen sind – Besucher der traditionellen Samstagabend-Ewig-Gestrigen-Disco und Leute, die hier arbeiten. Auch die sind Nathaniel Rateliff’s Bann verfallen. Die Bar ist gänzlich verwaist, das Thekenpersonal hat es komplett in Richtung des totalen Unplugged-Geschehens gezogen – so etwas habe ich in all meinen Jahrzehnten im Sinkkasten noch nie erlebt!
Sehr viele Zugaben sind nicht mehr drin, der DJ fordert seinen Platz auf der Bühne ein. Rateliff’s Präsenz hängt aber immer noch irgendwie über allem. Wie konnte ein derart unprätentiöser Auftritt ein Publikum so nachhaltig aus den Socken hauen? Nathaniel Rateliff hat etwas, was nur wenige Menschen haben, eine mit der Geburt gegebene Gnade – und dafür gibt es ein griechisches Wort: Charisma! Meine Begleiterin (genaugenommen: meine Gattin) sagt, er erinnere sie sehr an Peter Ustinov. Das ist aus ihrem Mund ein Ritterschlag, und ich hänge der Assoziation noch minutenlang nach – bis uns Toto’s "Hold The Line" (ein unsensibler Klotz, dieser DJ...) unsanft vom Hof jagt. Der Vergleich zwischen den beiden Charismatikern beschäftigt mich trotzdem noch eine Weile ... für mich heißt der bärtige Barde ab heute "Sir Nathaniel Rateliff".