Vocal Play - Tour 2008
Es waren ungewöhnliche Klänge, die am 7. Juli aus dem Trierer Brunnenhof in Richtung der altehrwürdigen Gemäuer von Porta Nigra und Simeonstift erklangen. Ungewöhnlich nicht aufgrund der Instrumente, die verwendet wurden, sondern weil es eben ganz ohne Instrumente passierte. So muss sich doch manch junger Zaungast, den die modernen Töne ans Absperrgitter neben der Porta lockten, über das buntgemischte Publikum gewundert haben: Ältere Herrschaften, junge Damen im kleinen Schwarzen, Familien mit Kindern – und alle lauschen begeistert einer Band, die lauten Rap mit Soul- und R’n’B-Klängen mischt und dazwischen Platten scratcht? Es ist die Virtuosität des Gezeigten, das Phänomen "A-Cappella", das die Genannten miteinander verbindet und zu einer faszinierten, eingeschworenen Gemeinschaft werden lässt.
A-Cappella, also Gesang ohne Begleitung von Instrumenten, ist inzwischen eine immer beliebtere Stilrichtung in der Musikszene geworden. In Deutschland sind seit Jahren Gruppen wie die 6-Zylinder, Basta, Viva Voce und die Wise Guys am Werk. Aus den USA kommen Künstler wie die Housejacks oder eben Naturally 7. Die sieben Jungs aus New York singen aber nicht nur ohne Instrumente, sondern gehen noch einen Schritt weiter - sie benutzen ihre Stimmen als Instrumente. Damit sind sie A-cappella-Gruppe und Band gleichzeitig und bezeichnen sich selbst deshalb auch als "Vocal Band" und ihren Stil als "Vocal Play".
Mit ihrer 90minütigen Show in Trier bewiesen Naturally 7 eindrucksvoll ihr Talent und ihre Vielseitigkeit. Sie singen sowohl Eigenkompositionen als auch hervorragend arrangierte Coverversionen und lassen sich dabei nicht auf eine Stilrichtung festlegen – Einflüsse von Gospel, Jazz und Soul sind ebenso herauszuhören wie Pop, Rap und Hip-Hop. Sie brauchen auch keine große Bühnenshow – ein Podest im Hintergrund für den "Drummer", gezielt eingesetzte Choreographie und ein ausdrucksstarkes Auftreten reichen aus, um die Musik perfekt rüberzubringen.
2007 war das vokale Septett noch als Vorprogramm von Michael Bublé in der Arena Trier und stahl dem Kanadier fast die Show. Diesmal durften sie als Headliner ran und rund 700 Zuschauer folgten dem Ruf. Nicht einmal das alles andere als geeignete Open-Air-Wetter und die starken Schauer, die noch 20 Minuten vor Showbeginn auf die wartende Menge einprasselten, konnten die Vorfreude der wartende Menge trüben. Der Veranstalter Popp Concerts wartete ja auch mit Unmengen wassersaugender Wisch- und Weg-Tücher auf, um in einer Sisyphusarbeit die Stühle immer wieder trocken zu legen.
Pünktlich um 20.00 Uhr klarte der Himmel etwas auf und die sieben dunkelhäutigen Amerikaner in farbenfrohem Outfit betraten die Bühne. Und schon wummert der imaginäre Bass los und der Mann im Hintergrund lässt mit seinem virtuellen Schlagzeug die Boxen vibrieren. Ganz großes Kino! Die wundervolle Coverversion von "Broken Wings" ist nach einigen Minuten Einhörzeit der Song, der auch den letzten Skeptiker im Publikum aufhorchen lässt. Als Begleitung packen die Jungs schon mal klassische Instrumente aus. Geige, Cello, Flöte und Kontrabass werden nicht nur akustisch sondern auch mit den entsprechenden Bewegungen so gut nachgeahmt, dass die Illusion fast perfekt ist. Das Stück "What Is It" ist die gesungene Antwort auf eben diese Frage, die Naturally 7 zu ihrer Musik oft gestellt wird. Hier ziehen die sieben wieder alle Register ihres Könnens: ein wunderbares Intro, bei dem sich gesungene Phrasen nacheinander zum harmonischen Ganzen verweben, Rap und ein scratchender DJ im Mittelteil, eine opernhaft-klassische Einlage und ein großartiges Outro bei dem am Schluss nur noch eine Stimme übrig bleibt, begeistern das Publikum. Mit "Say You Love Me" folgt dann ein ruhiges stimmungsvolles Liebeslied.
Beeindruckend ist das "Simon & Garfunkel Medley", das das Publikum zu Begeisterungsstürmen veranlasst.. Unheimlich dichte Harmonien erzeugen Gänsehaut bei den Klassikern "Sound Of Silence", "Scarborough Fair" und April Come She Will".
Wie bei einer richtigen Band werden mit "Back To The Essence" dann die einzelnen Sänger vorgestellt und dürfen ein Solo auf ihrem "Lieblingsinstrument" präsentieren. Und da mag man wirklich kaum glauben, dass sie dabei tatsächlich nur ihre Stimme verwenden, so echt klingen Posaune, Mundharmonika, Bass, Schlagzeug, und E-Gitarre. Natürlich wird das unter anderem auch durch technische Effekte ermöglicht – aber warum sollte Naturally 7 diese nicht auch wie jede andere Band nutzen? Rod Eldrige beispielsweise nutzt ein sogenanntes "Loop", auf dem er zwei Takte Musik immer wieder neu in anderen Stimmlagen und andere Instrumente imitierend live einspielt und die Spuren übereinander legt, so dass ein wahres Orchesterfeuerwerk entfacht wird. Die Perfektion und Präzision mit der dies erfolgt, lässt erahnen, welchen Übungsaufwand dieses computerisierte Hilfsmittel erfordert. Und doch bleibt man sich treu: "Es erklingen nur unsere Stimmen", wird immer wieder betont. Nach dem tollen und überzeugenden Cover "Feel It (In The Air Tonight)", das dem Hit von Phil Collins einen sehr souligen Touch verleiht, verlassen die Jungs zunächst die Bühne, um dann noch ein eigenes Stück als letzte Zugabe zu geben.
Roger Thomas, Dwight Stewart, Rod Eldridge, Garfield Buckley, Warren Thomas, James Reed und Armond Hutto haben es mal wieder geschafft und lassen ein Publikum mit offenen Mündern zurück. Die "Band ohne Band" hat eindrucksvoll bewiesen, was mit der menschlichen Stimme alles möglich ist. Und es bleibt letztlich gleich, ob man die erklungenen Musikstile mag – das Live-Erlebnis ist es, was zählt.