Tour 2006 Support: JWRA
Was hatte ich mir da nur wieder angetan? Das Gedrängel, Geschubse und Gekreische am Einlass ließen mich diese Frage unendliche Male an mich selbst stellen. Endlich drin, quälte ich mich mitsamt dicker Jacke (nein, nix Garderobe im Anker!) bis vor zum Presseeingang, wo natürlich mal wieder keiner einen Plan von irgendetwas hatte. Unzählige Rollstuhlfahrer versperrten den Weg vor dem Durchgang (welcher eigentlich auch für die Sanis gedacht war) und je voller der Anker wurde, umso grösser wurde das Chaos. Für die Rollis wurde, trotz angeblich vorheriger Anmeldung, kein separater Platz freigehalten, und so standen diese, ohne letztendlich irgendeine Sicht auf die Bühne zu haben, mehr oder weniger breit im Weg rum. Noch ein Minuspunkt an den Anker bzw. die Organisation.
Aber kommen wir zum eigentlichen Geschehen. Unter begeistertem Jubel wurden gegen 21.00 Uhr die Jungs von JANN WILDE & ROSE AVENUE empfangen, die dem voll gepacketen Anker so richtig für den Hauptact einheizen sollten. Das gelang den jungen Finnen auch ohne Zweifel, wobei Sänger Jann alleine schon bei der Erwähnung ihres Herkunftsortes Tampere (also auch der Heimatstadt von Negative) ein Gekreische auslöste, dass man hätte denken können, die Jungs des Hauptactes selbst würden oben auf der Galerie einen Nackttanz vorführen. Die Glamrocker sorgten jedenfalls für eine tolle Stimmung und jubelnde Fans, und es war angenehm, zur Abwechslung mal eine Vorband zu haben, die sowohl optisch als auch musikalisch sehr gut zum Hauptact passte – das ist ja leider nicht immer der Fall.
Nach einer kurzen Umbaupause ertönte Zirkusmusik, die den Beginn des NEGATIVE-Rock’n’Roll-Zirkuses ankündigen sollte. Verhüllt in dickem Nebel betraten die sechs Herren die Bühne, während ich mich, halb taub vom Gekreische der ersten Reihen, an die Existenz von Ohrenstöpseln erinnerte, die aber leider irgendwo im Hotel lagen. Schon beim Opener Glory Of The Shame hatte Wirbelwind Jonne, diesmal ganz schick im Röckchen, das Publikum voll im Griff.
Vor der Hitsingle The Moment Of Our Love stellte Jonne sein deutsches Sprachtalent unter Beweis; mit überaus nützlichen Wendungen wie “Ich liebe dich” oder “Ich komme, ich komme.” God knows wo er das aufgeschnappt hat, aber er hatte die Lacher auf seiner Seite und ich glaube, mehr Deutsch muss er in den Augen seiner, größtenteils weiblichen, Fans wohl auch nicht können ;) Das für Negative so übliche Kuscheln und ein Küsschen hier und da durfte in der Show natürlich auch nicht fehlen, und wurde mit erhöhtem Kreischpegel seitens des Publikums quittiert.
Zu Song For The Broken Hearted wünschte sich Jonne ein Lichtermeer aus Feuerzeugen und Kameras, während diese wunderschöne und gefühlvolle Rockballade den Anker in einen Hauch von Melancholie tauchte. Ein Highlight war für mich persönlich wieder einmal One Last Shot – ein Song, der bereits schon auf dem Album ein Knaller, aber live mit nichts zu toppen ist. Der Zwischenteil, in dem außer einem pulsierendem Herzschlagrhythmus nichts zu hören ist, bevor Jonne mit verzerrt-leisem Gesang wieder einsetzt, erzeugte eine schon fast magische Gänsehautstimmung.
Nach einem gut 70 Minuten langen Rockmarathon und ungeduldigen Zugaberufen kehrten Negative noch einmal auf die Bühne zurück und ließen ihre Show mit Fading Yourself und Inspiration gebührend ausklingen, bevor sich alle sechs noch mal für die obligatorische Verbeugung am Bühnenrand versammelten und sowohl Rosen als auch Handtücher an die Fans verteilten.
Die Setlist war eine bunte Mischung aus allen drei Alben und bestens zusammengestellt. Es war wohl für jeden Geschmack etwas dabei, wobei mir auffiel, dass das Publikum trotz allem bei den Klassikern am textfestesten war. Soundtechnisch gesehen gab es an der Show nichts auszusetzen, und Jonnes stimmlich hervorragende Form überraschte mich doch etwas, da gerade die Songs des neuen Albums in dieser Hinsicht äußerst abverlangend sind.
Keyboarder Snack und Drummer Jay waren zwar deutlich hörbar, verschwanden optisch aber leider hauptsächlich wegen des vielen Nebels in der Bühnendekoration. Diese wiederum war mit einem Drumpodest in Lokomotivenform und beleuchteten Leinwänden bedruckt mit Coverbildern perfekt an das Albumthema angepasst, und wurde durch eine bunte (jedoch weniger fotofreundliche) Lightshow komplettiert.
Die beiden Gitarristen, Larry Love und Sir Christus, lieferten sich immer wieder erstaunliche Gitarrenduelle und beeindruckten beide durch absolut fehlerfreies Spiel. Leider komme ich nicht um die Anmerkung herum, dass auch die Massen an Schminke, die Sir Christus für sein zum Albumcover passendes Clown-Make-up verwendet, nicht überdecken konnten, dass es ihm derzeit gesundheitlich wohl alles andere als blendend geht. Bassist Antti erfreute sich auch großer Aufmerksamkeit, und das nicht nur für sein eindrucksvolles Spiel sondern auch beim Crowdsurfen oder beim Foto-vom-Publikum-machen – ‘stilecht’ mit Deutschland-Käppi auf den roten Dreads.
Zeitweise hatte ich nur den Eindruck, dass im Vergleich zu vorherigen Shows einige der Einlagen etwas zu sehr einstudiert und übertrieben schienen und weniger spontan und natürlich-verrückt rüberkamen, als das sonst üblich war. Aber das ist sicherlich Ansichtssache und in meinem Fall wohl auch ein Nebeneffekt von zu vielen besuchten Gigs.
Nichtsdestotrotz haben Negative wieder einmal ihre bemerkenswerten Live-Qualitäten bewiesen und brachten damit den Saal spielend zum toben, kreischen, jubeln und schwitzen. Alles in allem ein sehr gelungener Abend, sowohl für eine (ooops, nein, eigentlich zwei!) fantastische Band als auch für ein großartiges Publikum.
Glory Of The Shame
In My Heaven
Reflections
SinnerÂ’s Night / Misty Morning
Naïve
The Moment Of Our Love
A Song For The Broken Hearted
My My, Hey Hey
One Last Shot
Planet Of The Sun
L.A. Feeding Fire
Frozen To Lose It All
Stop FuckinÂ’ Around
Fading Yourself
Inspiration