Willst du mit mir gehn-Tour 2005
Heute abend ist Zeitreisen angesagt! Wir schreiben das Jahr 1983 und eine gewisse Gabriele Susanne Kerner, kurz Nena genannt, schwingt sich mit „99 Luftballons“ zur Ikone der Neuen Deutschen Welle auf. Der Rest ist hinlänglich bekannt. 22 Jahre später treffen wir uns in der Kölnarena wieder – Nena immer noch mit der gleichen quietschvergnügten Ausstrahlung von damals, die mich irgendwie permanent an rosa Kaugummi erinnert. Das Problem heute ist nur, dass Frau Kerner inzwischen auch schon 45 Jahre alt ist und das Ganze somit nicht mehr so recht passen will. Es ist fast so, als würde Marius Westernhagen plötzlich wieder Müller heißen und in Jeans und T-Shirt auftreten. Das glaubt ihm auch keiner mehr.
Als Nena gegen 21 Uhr die Bühne betritt, beschließe ich derlei philosophische Gedankenspiele zunächst beiseite zu schieben und mich der Musik zu überlassen. Los geht es sinnigerweise mit „Der Anfang“. Nena ist ihr Alter in Minirock und Lederhose zumindest optisch kaum anzumerken und die 8.500 Fans in der nicht ausverkauften Arena empfangen sie entsprechend stürmisch. Es sind auffallend viele Kinder darunter und wenn ich Kinder sage, dann meine ich auch Kinder. Geschätzt ab 6 Jahren aufwärts. Für ein Konzert mitten in der Woche halte ich das schon für bedenklich. Wer sich dann allerdings mit seinem Nachwuchs auch noch in den Innenraum stellt, wo die Zwerge allerhöchstens den verlängerten Rücken ihres Vordermannes (oder –frau) sehen, dem ist nicht mehr zu helfen.
Der erste setlistmäßige Höhepunkt ist „Nur geträumt“ (in einer Stakkato-Rock-Version). Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal an diesem Abend übernehmen die Fans den Gesangspart beim Refrain. Die Stimmung ist gut, auch wenn der Sound zu diesem frühen Zeitpunkt noch wie ein einziger Brei klingt. Nena ist kaum zu hören. Im weiteren Verlauf der Show legt sich diese soundtechnische Verwirrung aber glücklicherweise nach und nach. Nena selbst scheint das nicht weiter zu stören. Sie ist ständig in Bewegung, versprüht die dazu passende kindliche Unbekümmertheit („Ich liebe euch alle“) und wieder muss ich an den rosa Kaugummi denken.
Was in den nächsten knapp 135 Minuten folgt ist schnell erzählt. Wir erleben einen perfekt dargebotenen Mix aus alten Hits (wundervoll: „Leuchtturm“) und aktuellen Songs wie „Willst du mit mir gehn“ oder „Liebe ist“. Die sechsköpfige Band ist perfekt aufeinander eingespielt, Nena wagt sich des öfteren auf den Laufsteg („Machs doch“) und die obligatorischen „99 Luftballons“ gibt es natürlich auch noch. Sogar gleich zweimal, nämlich in der originalen und einer neuen Version. Im Zugabenteil darf dann Uwe Fahrenkrog-Petersen sogar noch mal wie in den gemeinsamen Anfangstagen das Keyboard bearbeiten.
Das macht Spass und genau den darf man wohl von Nena nach wie vor erwarten. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Alles scheint für zweieinviertel Stunden in den bunten 80er Jahren stehengeblieben zu sein. Ich bin sicher, dass sogar der irokesetragende Punkerverschnitt der in der Menge gesichtet wurde, zufrieden nach Hause geht. Ich habe zwar den allergrößten Respekt vor dem, was Nena in ihrem Privatleben als Frau und insbesondere als Mutter geleistet hat und noch immer leistet, aber heute ist mir das ein wenig zuviel gute alte Zeit. Wer`s mag, ist in der Kölnarena ohne jeden Zweifel voll auf seine Kosten gekommen, aber nach fast einem Vierteljahrhundert Neuer Deutscher Welle auf der Bühne nehme ich das Nena leider nicht mehr ab.