Weihnachtskonzert 2011
Die New Model Army-Weihnachtskonzerte in Köln sind längst zu einer liebgewonnenen Tradition geworden. Bereits seit 2000 haben sie einen festen Platz im Tourkalender des Quintetts aus Bradford und wie jedes Jahr pilgern die Fans auch heute wieder scharenweise in die Domstadt. Darunter gewohnt viele englischsprachige Freunde, die sich die Zeit bis zum Auftritt von Justin Sullivan und Co. damit vertreiben, die kölsche Braukunst einer intensiven Qualitätsprüfung zu unterziehen. Und Zeit ist reichlich, denn mit Face Tomorrow und den Scanners gibt es gleich zwei Support-Acts, die bereits drei Stunden vor dem Hauptact mit dem Abendprogramm beginnen. Die Stimmung ist (trotzdem) friedlich und entspannt. Nach über 30 Jahren Bandgeschichte sind New Model Army-Konzerte inzwischen zu einer Art "Familientreffen" geworden. Zelebrierte man dieses Jubiläum im vergangenen Jahr noch an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im E-Werk auf der gegenüberliegenden Straßenseite, so ist man 2011 wieder im angestammten Palladium angekommen. Als wir in der Schanzenstraße aufschlagen, liegen die Scanners gerade in den letzten Zügen und so reihen wir uns vor der Theke erstmal in die schwankende Schlange aus England ein.
Wir müssen nicht lange warten. Um kurz vor 22 Uhr (und mit zehnminütiger Verspätung) kündigt das Intro von "Whirlwind" den Einzug von Justin Sullivan, Gitarrist Marshall Gill, Bassist Peter "Nelson" Nice, Keyboarder Dean White sowie Drummer Michael Dean an. Es folgt "High" und schon jetzt wird erfreulich klar, dass man im Palladium wohl noch nie einen perfekteren Sound gehört hat. Grosses Kompliment an die Toncrew! Nicht umsonst gilt die Halle in Technikerkreisen sonst als eher schwieriges Terrain. Nach "Long Goodbye" wendet sich Sullivan erstmals auf Deutsch an die Fans: "Guten Abend. Wir waren sehr spät. Heute sind wir alle Inselaffen. This is the Inselaffen-Song". Er meint natürlich "Island". Überhaupt ist die Setlist sehr schön gewählt. Neben Uralt-Klassikern wie "No Greater Love", "Vagabonds" oder "Purity" gibt es auch Material vom letzten Studioalbum "Today Is A Good Day", das nun immerhin auch schon zwei Jahre zurückliegt.
Sullivan selbst hat sich in den letzten drei Jahrzehnten kaum verändert. Er und seine Band haben sich noch nie in irgendwelche Kategorien pressen lassen und sich ihre Eigenständigkeit und kritische Haltung entgegen aller kommerziellen Verlockungen stets bewahrt. Oliver Cromwell wäre sicherlich stolz auf ihn, wie er da zerzaust, in verlotterten Klamotten und mit seinem sanierungsbedürftigen Gebiss auf der Bühne steht wie einst der Oberbefehlshaber der republikanischen Revolutionsarmee im Englischen Bürgerkrieg Mitte des 17. Jahrhunderts. Sullivans Waffen sind seine Songs. Zu "Here Comes The War" flippt das Palladium kollektiv aus. Die sphärische Lightshow - mal gelb, mal blau, mal rot - liefert den passenden Rahmen dazu, während die Menge hüpft und singt: "We are old, we are young, we are in this together". Fehlt nur noch Ed Alleyne-Johnson mit seiner Geige und alles wäre wie immer... Bei "Wonderful Way To Go" zum Ende des Mainsets ist der erste "Dolphin" zu bewundern, auch ein Stück Tradition: Fans, die auf den Schultern irgendeines bemitleidenswerten Kollegen stehen und mit ausgebreiteten Armen im Takt der Musik "mitschwimmen".
Der Zugabenblock hat es dann nochmal in sich. Mit den Worten (diesmal auf Englisch) "Es ist wie ein Spiel. Ihr wisst wir sind noch nicht fertig. Wir wissen wir sind noch nicht fertig. Wir mussten nur mal eine Zigarette rauchen", leitet Justin Sullivan zum elegischen "Rivers" über. Die drei folgenden Knaller "White Coats", "Get Me Out" und "No Rest" feiern die Kölner ausgelassen ab. Kommt noch "51st State", der Über-Hit aus dem Jahr 1986? Nein, er kommt nicht und das ist auch gut so. Ähnlich wie bei U2 und "Sunday Bloody Sunday" oder Pearl Jam und "Alive" hat der Song seine Dienste längst ausreichend getan. Stattdessen verschwindet die Band grusslos von der Bühne, die Einspielmusik aus der Konserve setzt ein und die ersten Fans verlassen das Palladium... seltsamerweise aber bleiben die Lichter weiterhin aus. Geht da noch was?
Tatsächlich! New Model Army kommen noch einmal zurück ("We have forgotten something") und setzen mit dem wunderbar gefühlvollen "Green And Grey" einen würdigen Schlusspunkt hinter diesen grossartigen Abend und mein persönliches Konzertjahr. Ein Abend, der den Kultstatus dieser Band einmal mehr beeindruckend fest untermauert hat. "See you next year", sagt Justin Sullivan noch und verabschiedet sich nach fast zwei Stunden endgültig von der erschöpften Meute vor ihm. "The years go past, the miles go by, and still this childhood romance will not die", ergänze ich ihn leise, bevor ich mir ein allerletztes Bier gönne und mit den Engländern, die noch stehen können, auf das Wiedersehen in 2012 anstoße. Cheers!
Setlist:
Whirlwind
High
Long Goodbye
Island
Christian Militia
No Greater Love
Rumour And Rapture
See You In Hell
Today Is A Good Day
Disappeared
The Attack
Vagabonds
Autumn
Here Comes The War
Purity
Wonderful Way To Go
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Rivers
White Coats
Get Me Out
No Rest
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Green And Grey