Weihnachtskonzert 2004, Support: Phillip Boa
Die sogenannten Weihnachtskonzerte von New Model Army in Köln haben Tradition. Früher noch im E-Werk, haben sie, seitdem dort zur Adventszeit die „Stunksitzung“ steigt, einfach die Straßenseite gewechselt und spielen nun seit ein paar Jährchen im gegenüberliegenden Palladium.
Zum letzten Mal hatte ich Justin Sullivan auf der Rheinkultur im vergangenen Jahr in Bonn gesehen, als er solo ein wundervolles Akkustikset spielte. Mein letztes „reguläres“ Army-Konzert liegt nun auch schon fünf Jahre zurück. Entsprechend groß ist die Vorfreude!
Nette Geste am Rande: Auf Wunsch der Künstler sollte jeder, der einen Platz auf der Gästeliste ergattert hatte, 5 € für die Kölner Bahnhofsmission spenden. Sehr gern geschehen!
Als wir schließlich auflaufen, ist die Halle schon gut gefüllt (werden wohl knapp 3.500 Leute gewesen sein) und der Opening Act Serotonine liegt gerade in den letzten Zügen. Der Alternative-Rock der Band aus Stuttgart klingt wirklich klasse und sie passen prima ins musikalische Line-Up des Abends. Schade, davon hätte ich gerne noch mehr gehört. Die Aussicht, dass sie im kommenden Jahr wohl eine neue EP veröffentlichen, tröstet mich darüber hinweg. Sollte man im Auge behalten! Lustig ist auch der Mikroständer des Sängers, der wie das Lichtschwert von Darth Vader leuchtet.
Danach gibt sich Phillip Boa die Ehre. Ich muss gestehen, dass ich mit seiner Musik eigentlich nie so viel habe anfangen können. Heute legt er aber ein blitzsauberes Set hin und wird zu Recht abgefeiert. Gesanglich unterstützt von seiner Frau Pia Lund und einer spielfreudigen Band heizt er gut eine Stunde lang die Stimmung bestens an. Die insgesamt 15 Songs, darunter auch das deutschsprachige „Der Himmel“, kommen überzeugend rüber und ich beschließe spontan, meine heimische CD-Sammlung in nächster Zeit mit mehr als nur der „Boaphenia“ von 1993 zu bestücken. Bei „Container Love“ singen die offenbar zahlreich erschienenen Boa-Fans den Refrain und am Schluss muss der Meister sogar noch für eine Zugabe zurück auf die Bühne („Kill your Ideals“).
In der Umbaupause fällt auf, dass offensichtlich viele englische Freunde im Publikum sind. Eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn erstens spielen New Model Army aktuell nur sieben Shows in Irland, England, Holland und eben Köln und zum zweiten sind sie mittlerweile sowieso Kult! Dafür lohnt sich auch der weiteste Weg...
Und Justin Sullivan & Co. wissen, was sie ihren Fans schuldig sind. Mit „Family“ als Opener rocken sie aus dem Stand los und lassen „Believe it“, „Over the Wire“ und „Ballad of Bodmin Pill“ als weitere Knaller folgen. Im Palladium hat die Party begonnen!
Danach gibt es mit dem eher ruhigeren „Island“ einen neuen Song des für 2005 angekündigten neuen Albums. Wird auch mal wieder Zeit, nachdem es mit „The Collection“ Ende Oktober „nur“ eine weitere Best of gegeben hat... Anschließend tönt der Lachsack durch die Halle und darauf kann mit „Get me out“ nur ein weiterer Klassiker folgen. „The temperature is rising“ – in der Tat! Sullivan wuselt wie ein Irrwisch über die Bühne und vor ihm hat längst exzessives Crowd-Surfing eingesetzt.
Dann „LS43“, ein weiterer neuer Song. Ich glaube, auf das neue Album können wir uns wirklich freuen! Gefolgt von „Modern Times“ und „Brother“. Sullivan könnte sich wahrscheinlich auch während eines WM-Endspiels am Mittelkreis aufstellen und schlagartig wäre Ruhe im Bau. Soviel an Ausstrahlung sieht man tatsächlich selten!
Meine eigene Adrenalin- und Glückshormonausschüttung erreicht bei „Better than them“ ihren vorläufigen Höhepunkt und wird auch vom darauffolgenden „Ocean Rising“ (aus Sullivan`s Solo-Album „Navigating by the Stars“ von 2003) nicht gebremst. Die Bühne erstrahlt in sphärischen, lilafarbenen Tönen.
Vollends ins Toben gerät die Halle bei „51st State“ (wohl unvermeidlich) und natürlich singen die Fans den kompletten Text. Ehrlich gesagt hätte ich stattdessen gerne „Bury the Hatchet“ mal wieder gehört. Aber man kann nicht alles haben!
„51st State“ geht nahtlos über in „Here comes the War“ (das live um einiges länger ist als auf der „Love of hopeless causes“) und mit „Purity“, „No rest“ und „Green and grey“ findet das reguläre Set sein umjubeltes Ende. Jetzt ist erst mal intensive Sauerstoffaufnahme angezeigt!
Dauert aber nicht allzu lange, denn „Calypso“ (der dritte neue Song!) eröffnet kurz darauf den ersten Zugabeblock, in dem New Model Army mit „Orange Tree Roads“ und „Fate“ noch mal so richtig Gas geben. Mann, ist das geil!
Und immer noch nicht Schluss! Die Band muss ein zweites Mal zurückkommen und setzt noch „Stupid Questions“ und „Wonderful way to go“ obendrauf, bevor nach gut eindreiviertel Stunden endgültig Schicht ist.
Ein ganz, ganz grosses Konzert, feinster Rock, ehrlich, erdig, schweißgebadet, New Model Army eben! Ich für meinen Teil hätte noch stundenlang weitermachen können. Aber ich gehe in der Hoffnung nach Hause, dass wir uns am gleichen Ort um dieselbe Zeit auch im nächsten Jahr wiedersehen werden!
„I saw you walking away from the battlefield, through the clearing smoke, to the other side“...