Night Of The Prog V - Sylvan, Gazpacho, Marillion
Das kleinstmögliche Jubiläum konnte der Veranstalter des Night of the Prog (NotP) Festivals in diesem Jahr feiern. Zum 5. Mal seit 2006 trafen sich die Fans der progressiven Musik auf dem "heiligen Felsen" oberhalb von Sankt Goarshausen, um dort mit Gleichgesinnten zu feiern, an den zahlreichen Verkaufständen die eigene Sammlung zu ergänzen oder einfach nur um gute Musik zu hören. Was als Eintages-Event begann und sich im dritten Jahr zu einer Dreitagesveranstaltung entwickelt hatte, ist inzwischen wieder auf 2 Tage "gesundgeschrumpft". Der Schreiber dieser Zeilen selbst ist jedes Jahr anwesend gewesen (wenn auch nicht immer an allen Tagen).
In diesem Jahr mussten sich die Fans allerdings gedulden, da der bisher übliche Termin in der zweiten Julihälfte nicht beibehalten wurde und man sich eben erst am ersten Septemberwochenende traf. Der Hintergrund dieser Entscheidung war, dass an dem ursprünglich geplanten Juliwochenende ein neues (und deutlich größeres) Festival als Konkurrenz drohte. Beim High Voltage Festival in London traten einige Größen des Progressive und Hardrocks auf (u. a. Asia, Marillion, Argent, Focus, Uriah Heep, Heaven & Hell, Opeth, Transatlantic, ZZ Top, Foreigner sowie eine Reunion-Show von Emerson, Lake and Palmer). Da das NotP in den vergangenen Jahren einen hohen Anteil an Besuchern aus dem europäischen Ausland hatte, wollte man dieser Konkurrenz bewusst aus dem Weg gehen. Wettertechnisch war dies sicherlich kein falscher Schritt, denn über beide Tage herrschten nahezu ideale äußere Bedingungen für ein Open-Air-Event; nur nach Sonnenuntergang wurde es doch recht schnell sehr frisch auf dem Felsen über dem Rhein.
Sylvan aus Hamburg (15:50-17:15) traten (nach 06 und 07) bereits zum dritten Mal beim NotP auf. Ich kenne die Band seit 2003 und muss zugeben, dass mir ihr Output aus den letzten Jahren nicht mehr in gleicher Weise zusagt wie ihr Neoprog-Überalbum Artificial Paradise von 2002. Insofern war "Deep Inside" von ebendiesem Album für mich auch das Highlight des knapp 90-minütigen Sets. Der Rest des Auftritts bestand aus Material der letzten 3 Alben Posthumuous Silence (06), Presets (07) und Force Of Gravity (09). Die Mischung war durchaus gelungen und die inzwischen annähernd 1000 Zuschauer gingen gut mit. Sylvan hätten offensichtlich auch noch gerne eine Zugabe gespielt, aber da ihr Set leicht verspätet gestartet war und die Veranstalter bemüht waren, keine (weiteren) Verzögerungen im Zeitplan zuzulassen, war dies nicht möglich. Dennoch schienen die Musiker, die sich nachher unter das Festival-Volk mischten, sehr zufrieden gewesen zu sein – und das konnten sie auch.
Setlist – Sylvan
Presets
Force of Gravity
One Step Beyond
Pane of Truth
Answer to Life
A Kind of Eden
Posthumous Silence
Deep Inside
King Porn
Vapour Trail
Gazpacho aus Norwegen (17:45 – 19:30) waren ebenfalls zum dritten Mal beim NotP, sogar zum dritten Mal hintereinander. Während ich sie 2008 nicht bewundern konnte, war ich letztes Jahr Zeuge ihres sehr überzeugenden und für die Nachwelt auf DVD (und CD) gebannten Auftritts. Damals bestand der Set überwiegend aus ihren beiden letzten Alben Night (07) und Tick Tock (09), die beide fast komplett dargeboten wurden, ergänzt durch die Titelstücke von Bravo (03) und When Earth Lets Go (04) sowie einem weiteren Track von letzterem Album. In diesem Jahr wurden kürzere Auszüge aus den Konzeptalben Night und Tick Tock gespielt, dazu einige andere Titel von den drei älteren Alben, u. a. auch das selten gespielte Stück "Vulture" von Firebird (05). Dazu gab es die Premiere von neuen Titeln des Ende November erscheinenden 6. Albums Missa Atropos. Die grundsätzlich fanfreundliche Idee, das neue Album auf der Loreley bereits zu verkaufen, wurde durch den doch etwas überzogenen Preis von 18 € getrübt. Mein Eindruck war, dass viele grundsätzlich interessierte Fans da doch lieber ihr Geld in andere Produkte investierten, zumal die Preise an den zahlreichen Ständen ansonsten weitgehend fair und angemessen waren.
Gazpacho beschlossen den Abend mit "The Secret" von ihrem Debutalbum Bravo. Die Fans waren glücklich, ob durch ihren Auftritt jedoch (viele) neue Fans hinzugekommen sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Diese Art Musik lernt man nicht unbedingt im Rahmen eines Livekonzertes schätzen.
Für Marillion (20:13 – 22:14) und ihre Fans war der Headline-Auftritt beim diesjährigen NotP sicherlich etwas ganz Besonderes. Die Band hatte zuletzt im Juli 1987 (!) auf der Freilichtbühne auf der Loreley gestanden, damals noch mit ihrem Sänger Fish (der in den ersten drei Jahren der Patron des NotP war und jeweils als Headliner auftrat) auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Ich selbst wäre damals fast dort gewesen und ärgere mich bis heute, dass ich seinerzeit (offenbar) andere Prioritäten gesetzt habe. Der Auftritt von 1987 erschien kurze Zeit später auf VHS und ist seit einigen Jahren auch als DVD erhältlich, jeweils allerdings in gekürzter Form (knapp 90 statt der ursprünglich etwa 125 Minuten; den kompletten Auftritt gibt es immerhin auf CD). Die Angaben zu den Besuchszahlen damals sind sehr unterschiedlich und schwanken zwischen 15.000 und fast 30.000, wobei die Wahrheit wohl eher sehr nahe an der ersten Zahl liegen dürfte.
So sehr Sänger Steve Hogarth (inzwischen seit über 20 Jahren Frontmann der Band) auch betonte, wie toll es sei, auf einer solchen Bühne praktisch alle Zuschauer sehen zu können, so wird es ihm wohl doch auch nicht entgangen sein, dass nur etwa ein Zehntel der damaligen Zuschauer auf die Bühne hinab sahen. 1500 dürfte in etwa die Zahl der Besucher am Samstag gewesen sein. Dies tat allerdings der Stimmung keinen Abbruch. Marillion eröffneten ihre Show genauso wie 1987, mit der Ouvertüre aus Rossinis La Gazza Ladra, wobei dieser Elster gegen Ende quasi der Hals umgedreht wurde; die orchestralen Töne wurden im wahrsten Sinne abgewürgt, um dann – ebenso wie 1987 – in "Slainte Mhath" überzugehen. Es sollte der einzige Titel aus der Zeit mit Fish bleiben. Der Sound, der bei Sylvan ordentlich aber (für meinen Geschmack) etwas zu leise und bei Gazpacho angemessen gewesen war, stellte sich während der Marillion-Show m. E. als recht ambivalent heraus. Einige technische Probleme mit Bass- und Gesangsmonitor waren zwar bald überwunden, aber das Schlagzeug klang in Bühnennähe z. T. etwas übersteuert und die ganze Band teilweise auch eher zu laut. Bei meinem Gang über das Gelände klang der Auftritt stellenweise aber nahezu perfekt; eine Freilichtbühne ist eben auch akustisch eine Herausforderung für die Techniker.
Obwohl ich also 1987 nicht anwesend war, habe ich die Band seit dieser Zeit an die 25 mal live gesehen. Allerdings habe ich die letzten beiden Tourneen ausgelassen, da ich mit den jüngeren Veröffentlichung der Band nicht besonders glücklich war. Die Band scheint dies ähnlich zu sehen, denn die Setlist umfasste lediglich einen Titel aus der Zeit seit 2007. Der Schwerpunkt des Sets lag erfreulicherweise auf den Alben Afraid of Sunlight (95) und Marbles (04).
Meine persönlichen Höhepunkte während des Sets waren das unheimlich atmosphärische "Out Of This World", das lange nicht gespielte "This Strange Engine" sowie der Marbles-Doppelpack ("The Invisible Man" und "Neverland") zum Ende des regulären Sets. Der Zugabeteil begann mit einer Akustiknummer, die einer von weit her gereisten Dame gewidmet wurde. "Easter" bildete den unvermeidlichen Abschluss des 2-stündigen Sets und wurde von den Fans voller Inbrunst mitgesungen.
Ich hatte Marillion zweimal vorher bei Open Air-Veranstaltungen gesehen und war beide Male eher enttäuscht gewesen, weil diese Art Musik offenbar nicht unbedingt für Freiluftveranstaltungen gemacht ist. Dieses Mal war ich jedoch sehr angetan von der Performance der Band. Marillion waren insofern definitiv ein würdiger Headliner für das NotP V.
Setlist – Marillion
Intro – La Gazza Ladra
Slainte Mhath
King
Fantastic Place
Out Of This World
This Strange Engine
Afraid Of Sunlight
The Great Escape
Asylum Satellite #1
The Invisible Man
Neverland
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Don't Hurt Yourself (acoustic Trio version)
This Town / The Rakes Progress / 100 Nights
Easter
Auf die "Rausschmeißer" von The Enid (auf einem offiziellen Ablaufplan des Veranstalters lustigerweise The End geschrieben) musste ich leider verzichten, da ich ohne (dicke) Jacke angereist war und es gegen 23 Uhr doch bereits unter 10 Grad kalt geworden war.
Insgesamt also erneut ein sehr gelungenes Festival. Es bleibt zu hoffen, dass der Veranstalter sich nicht durch den relativ schwachen Zuschauerzuspruch entmutigen lässt und dass es im kommenden Jahr wieder ein NotP Festival auf der Loreley gibt. Vielleicht wäre ein eintägiges Festival mit zwei Bühnen (wie beim diesjährigen Rock Area Festival an gleicher Stelle) eine Alternative. Ich jedenfalls werde/würde sicherlich wieder anwesend sein.