Personal Jesus - Nina Hagen & Band 2010
Nachmittags schien es noch so, als hätte Popp Concerts diesmal das Glück verlassen. Nach den nicht nur wetterbedingt hervorragenden Auftritten von Silbermond im Amphitheater Trier und Pur am Strandbad Losheim sahen die Vorzeichen für Nina Hagen nicht so rosig aus. Tagsüber kamen Sturzbäche vom Himmel und es wollte kein sommerliches Open-Air-Feeling aufkommen. So machte ich mich auch (leider) viel zu spät vom Hunsrück auf nach Trier.
Leider deshalb, weil ich so das Vorprogramm des unglaublichen Kay Ray nur zur Hälfte erleben durfte. Dieser Typ ist der helle Wahnsinn, was Auftreten, Ausstrahlung und Gesang angeht. Ein Kabarettkünstler, der unter anderem mit seiner Homosexualität kokettiert, dies aber nicht zum Hauptaspekt seiner Show macht. Im Prinzip singt er ein Programm aus bekannten Rock- und Popsongs (und das mit kräftiger, klarer Stimme, was man ihm zunächst gar nicht zutraut), verliert sich aber zwischendurch stets in ellenlangen Ansagen, die die wahre Essenz seiner Auftritte ausmachen. Es geht um Männer und Frauen, Schwule und Heteros, Alltäglichkeiten und Ungereimtheiten. Es macht durchweg Spaß, dem schrillen Entertainer zuzuhören. Die Band The Spacecakes unterstützt ihn dabei mit vollen Kräften – wenn sie denn mal darf – und macht einen sehr guten Job dabei. Der Auftritt endet mit einer stimmungsvollen Interpretation von Rio Reisers "Junimond" und man fragt sich ernsthaft, wie Nina Hagen das jetzt noch toppen will. An Exzentrik dürfte Kay Ray kaum noch zu überbieten sein.
Das hat Nina dann allerdings auch gar nicht nötig. Die 55jährige "Godmother des Punk" betritt im fast schon stilvollen Outfit die Bühne und ist auf Anhieb präsent. So bewegt wie ihr Leben ist auch ihre musikalische Karriere. Britanniens "Melody Maker" bezeichnete sie kürzlich als "Deutschlands bedeutendsten Beitrag zur Popkultur seit Brecht". Dabei war sie in ihrer Persönlichkeit immer schwer in Worte zu fassen. Punkröhre, Vamp und Bürgerschreck – wie passt dann aber die jetzige Hinwendung zum christlichen Glauben dazu? Sie sagt selbst, dass ihre Hinwendung zu Jesus – die "Lovestory" – bereits zu DDR-Zeiten begann. So wird vielleicht ein Schuh draus. Im Osten war das Bekenntnis zum Christentum gerne mal ein Angriff gegen die Machthaber. "Personal Jesus" bezieht sich dabei einerseits auf den gecoverten Titel von Depeche Mode, der auch das Konzert in den Trierer Kaiserthermen eröffnet – aber auch auf das Zwischenziel einer langen Suche, die (wie man Nina Hagen kennt) nicht unbedingt schon beendet sein muss. Wer an aus dem Herzen kommende christliche Musik denkt, wird zwangsläufig zu Gospel, Country und Blues geführt. Und tatsächlich bestimmen diese Elemente den Großteil des Konzerts.
Das mag nicht jedem Anwesenden gefallen. Anscheinend hat sich auch schon rumgesprochen, dass der Titel der Tour "Personal Jesus" durchaus ernst gemeint ist. Deshalb ist weniger Publikum da, als man aufgrund des großen Namens wohl erwartet hätte. Also weniger Punk und mehr die Verbreitung christlichen Glaubens. Nina wäre aber nicht Nina, wenn sie diese Tatsache nicht auch zur deutlichen Polarisierung gebrauchen würde. Sie schimpft über die Kanzlerin, die ihrer Meinung nach das Christentum unterwandert, lässt sich mit den Worten von Wolf Biermann und Theodor Fontane über die Kriegstreiberei aus und stellt die von Gott gewollte Bewahrung der Schöpfung der zerstörerischen Atomkraft gegenüber. Überhaupt wird über den Abend hinweg viel erzählt und gelesen. Nina packt immer wieder ihre Bibel aus und zitiert Textpassagen, die ihr wichtig erscheinen. Auf Zurufe des Publikums wird prompt reagiert. Die Frage nach "Shiva" beantwortet sie mit einem langen Monolog über ihre damalige Verwirrtheit, dass sie nicht erkannt habe, dass Shiva eine Gottheit des Krieges sei und überhaupt dass sie vom indischen Kastensystem erst zu spät erfahren habe. Eine Aussage wie "Anscheinend haben die da so Schränke mit Kästen" zeugt sowohl von Wortwitz als auch von Naivität.
Gesanglich ist Nina immer noch allererste Sahne, trifft die tiefen Töne so locker wie die hohen und schrillen, zeigt reinen Enthusiasmus und scheint jeden Song mit einem ihr erkennbaren Sinn zu versehen. Da gibt es das umjubelte "Riders On The Storm", ein gesungenes "Vater unser", einige Punktitel aus den Anfangstagen ihrer Karriere (für die meisten Anwesenden aber wohl zu wenige), Chansons und Kunstlieder, Rock und Pop und Rap durch die Bank aller gängigen Musikstile.
Nina Hagen präsentiert sich als Gesamtkunstwerk und lässt keine Zweifel aufkommen, dass sie noch ganz die Alte ist. Mag ja tatsächlich so sein, dass das öffentliche Bekenntnis zum Christentum in der heutigen Zeit ein Zeichen hoher Exzentrik ist. Traurig aber wahr.
Übrigens war es wettermäßig doch noch ein voller Erfolg. Kaum ein Regentropfen – und gegen den kühlen Abend konnte man sich mit der berühmt-berüchtigten "Übergangsjacke" wappnen. Das Ambiente in den Kaiserthermen ist einfach fantastisch. Die alten Gemäuer des ehemaligen römischen Bades – stimmungsvoll angestrahlt. Die Bühne eingebaut in diese Mauern, zum Teil ragen die Steine auf die Bühne und werden ins Bühnenbild integriert. Hier springt der Funke direkt über und wer noch Zeit hat zu Matt Bianco (3.9.) oder Culcha Candela (4. und 5.9.) zu gehen, sollte nicht zögern.