Olli Schulz

Live und Allein Tour 2008 - Support: Gnill

09.04.2008 MuK / Gießen

Von: Sascha Knapek

Olli Schulz Gießen

Wenn der mittlerweile in Berlin wohnende Hamburger Olli Schulz – die zwerchfellstrapazierende Plaudertasche mit Akustikklampfe und einem randvollen Sack Undergroundhymnen – in deine Stadt kommt, kann es nur ein Motto geben: Hingehen, schlapplachen und alle bemitleiden die sich die Chance den norddeutschen Geschichtenerzähler live zu sehen entgehen lassen! Das bewährte Programm samt Begleitband ’Der Hund Marie’ auf große Tour zu gehen, änderte Schulz bei der zur Zeit noch laufenden Frühjahrstour „Live und Allein“ und spielt und erzählt sich Abend für Abend alleine durch sein stetig wechselndes Set. Zwar ist der Songwriter nicht mehr so ganz solo als er am 9. April ins hessische Gießen kommt, aber eins nach dem anderen.

Auch bei mitunter strömendem Regen findet an diesem Mittwochabend eine große Schar Schulz-Begeisterter den Weg in das von großdimensionierten Autohäusern umzingelte Gießener MuK. Der erste Stock des zum Kulturort umfunktionierten alten Wehrmacht Bunkers ist gut gefüllt, die Altersstruktur der Anwesenden macht dem Beinamen Studentenstadt alle Ehre und zeigt, dass der Austragungsort des 1991er ’Bizarre-Festivals’ (Gießen) auch weit über 15 Jahre später noch viele – jenseits der Chartgesellschaft – musikinteressierte Köpfe beheimatet. Als Gnill, der Olli Schulz an diesem Abend als Support-Act dient, die Bühne betritt und erzählt, dass er vor ein paar Wochen bereits im Gießener Domizil aufgetreten ist, hat er den Teil der Anwesenden sofort im Sack, der öfter im Nachtleben der hessischen Stadt unterwegs ist. Wo der Begriff Öffnungszeiten ein Fremdwort ist, beißende Hunde hinter der Theke lauern und Bier noch in Dosen serviert wird, ist die Welt noch in Ordnung. Aber um auf Gnill zurückzukommen: sympathisch und für den Abendeinstieg ganz gut geeignet kommt der eigentlich Florian heißende Gnill daher, allerdings ist der Elektrounterbau der seine Stimme samt E-Gitarre begleitet doch des Guten etwas zu viel und dominiert die Songs für meinen Geschmack teilweise zu deutlich.

Gegen 22:00 Uhr betritt Olli Schulz zum zweiten Mal die Bühne (er kündigte gut eine Stunde zuvor bereits Gnill an) und startet sein Set mit “Unsichtbarer Vogel“. Das noch kurz zuvor zierende Cordsakko hat Schulz mittlerweile gegen eine lässige Trainingsjacke eingetauscht. „Live und Allein“ heißt das Motto dieser Tour und so legt der Berliner auch sofort los. Nach jedem Song folgen kleine Geschichten aus Ollis Alltag, Beobachtungen und all solch lustige Erzählungen. Den “Song ohne Grund“ verbindet der Sänger z.B. mit einer Bushido-Anekdote. Als der Rapper nämlich einem Schulz-Konzert beiwohnte, ging er anschließend Backstage und bescheinigte seinem Gegenüber ein „geiler Styler“ zu sein, bei solch fetten Rhymes könne man das eigene Rapper-Dasein jetzt getrost an den Nagel hängen, konstatierte Bushido. Weiter geht es mit dem “Saunaaufguss in Lankwitz“ (und der passenden Story), “Bettmensch“ (samt coolem „Hinter-dem-Kopf-Gitarrensolo“), “Schlafen“ und “Medizin“.

Was nun folgt passt zwar nicht mehr so ganz ins Abendmotto „Live und Allein“, aber wie Schulz erklärt, wurde ihm alleine mit Gitarre irgendwie langweilig und so begleitet ihn bei Teilen des Sets seit kurzem sein Drummer. “Dann schlägt dein Herz“, “Wenn das Leben dich beißt“ und das vom Publikum herbeigesehnte “Unten mit dem King“ sind die ersten als Duo vorgetragenen Songs; zwischendrin natürlich aufgelockert von Sprüchen wie „lieber Southern Comfort als Nordic Walking“ und einer Geschichte über den cholerischen und mit kreisrundem Haarausfall gesegneten Brian Molko (Olli lernte den Placebo-Frontmann während seiner Zeit als Roadie „kennen“). Besonders witzig wird der Abend als der Protagonist von einer Zuschauerin erzählt die sich bei einem seiner Konzerte kürzlich “Der Rumäne“ wünschte. Da Schulz allerdings gar keinen Song hat der so heißt, entstand daraus eine augenzwinkernde und gut einminütige Improvisation die auch in Gießen zum Besten gegeben wird. Herrlich!

Bevor sich der Hauptteil des Abends dem Ende zuneigt, stimmt das Duo “Spooky Girlfriend“ und “Wenn die Music nicht so laut wär“ und “Was macht man bloß mit diesem Jungen?“ vom aktuellen Longplayer “Warten auf den Bumerang“ an. Bei “Weil die Zeit sich so beeilt“ packt Schulz Mundharmonika und Dylan-Rig aus, “Armer Vater“ wird solo dargeboten und Olli als Karate Kid samt dem Geständnis als fußballspielendes Kind „der Baum“ genannt worden zu sein, bieten genügend Raum für großes Gelächter zwischen den Stücken. Der Sommerhit-2008 “Mach den Bibo“ kommt anschließend samt Schlagwort induzierter Tanzchoreo (Bibo – Ufo – Grobi – UhUh) und grandioser Publikumspartizipation daher. Schulz bedankt sich artig und punktet mit seiner Ansage Mickie Krause und Konsorten nicht kampflos das Feld überlassen zu wollen und dem Publikumsmitmachköder „kommt schon, jeder hat Asoziale in der Familie die nach Malle fliegen“.

“Das letzte Königskind“ (mit coolem “Personal Jesus“-Teaser am Anfang) beschließt Schulz’ Main-Set und stellt einen weiteren Bühnengast – Gisbert zu Knyphausen – vor. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es mit den Publikumswünschen “Elefanten“ und “Nimm mein Mixtape, Babe“ dem Ende entgegen. Besonders die als Mixtape-Interlude verpackte Zote über Ollis deutsche Version des Eagle-Eye Cherry Hits “Save Tonight“ (namens “Safe Tonight“) weiß zu begeistern. Zum Abschluss ergänzen Schlagzeug und Knyphausen an der E-Gitarre erneut das Bühnenbild und zu den Klängen von “Die Ankunft der Marsianer“ rocken sich Publikum und Musiker in den verdienten Feierabend.

Mein Fazit des Abends fällt durchweg positiv aus. Menschen die Olli Schulz vorher noch nicht wirklich kannten verlassen das MuK nach insgesamt ungefähr drei Stunden (Gnill inklusive) mit etlichen Trademarkstrophen im Ohr und einem Zucken in der Magengegend (vom vielen Lachen); der Schulz-Kenner bekam bei diesem Besuch alle gewünschten Hits, neues Futter für die Zeit bis zur hoffentlich bald kommenden nächsten Platte (bitte mit “Der Rumäne“!), eine Tanzstunde gratis und witzige Anekdoten über tödliche Kampfmoves, Bushido’s heimlichen Musikgeschmack oder einen Vorgeschmack auf Ollis demnächst erscheinendes Buch “Horseworld“, was will man mehr?!

Setliste:
Unsichtbarer Vogel
Spürhund
Song ohne Grund
Saunaaufguss in Lankwitz
Bettmensch
Schlafen
Medizin
Dann schlägt dein Herz
Wenn das Leben Dich beißt
Unten mit dem King
Der Rumäne
Spooky Girlfriend
Wenn die Music nicht so laut wär
Was macht man bloß mit diesem Jungen?
Weil die Zeit sich so beeilt
Vorführeffekt
Armer Vater
Mach den Bibo
Das letzte Königskind
--------
Elefanten
Nimm mein Mixtape, Babe
Die Ankunft der Marsianer

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