14. Orange Blossom Special Festival 2010
Bereits zum vierzehnten Mal versammeln sich jährlich zu Pfingsten, diesmal also vom 21. bis 23. Mai, musikbegeisterte Menschen im Glitterhouse-Firmengarten. Das Orange Blossom Special hat wieder in den Grüner Weg geladen. Wieder kehren wir an den Ort zurück, der schon so vielen Menschen so viel Freude bereitet hat. Pünktlich zum Start hat sich Petrus erbarmt und Kälte und Regen schwanden hinfort. Alles steht parat: Die drei Schnick-Schnack Stände im Eingangsbereich und der große CD-Wühltisch, die ortsansässigen Imbissbuden hinten in der Ecke neben dem Sandkasten für die kleineren Gäste. Auf der Wiese keine 200 Meter vom Gelände entfernt sind die ersten Zelte zu erkennen. Wohnwagen und Wohnmobile stehen auch schon auf ihrem Platz. Im Ort selber geht der ganz normale Einkauf fürs Wochenende vonstatten, während sich im Nord-Osten so langsam alles auf ein wieder einmal emotionales Pfingstwochenende freut.
Unbunny aus Seattle eröffneten am Freitag das OBS. Ein gemütlicher Sound der getragen wird von der Akustikgitarre von Sänger Jarid del Deo. Ein äußerst charmanter Einstieg, wie man es nicht anders gewohnt ist beim OBS. Stimmlich hört man den jungen Neil Young heraus – eine sehr intime Performance, melancholisch. Das vierzehnte OBS beginnt langsam, bedächtig. Doch das soll sich bald ändern. Nach dem souveränen Anfang von Unbunny betritt Earthbend die Bühne. Und die lassen es ordentlich krachen. Selten wohl hat das OBS so einen Vertreter des klassischen Rocks auf der Bühne stehen gehabt. Mit Matte und Flying V-Gitarre versuchen Earthbend das sonst leisere Töne gewohnte Publikum im Glitterhouse-Firmengarten zu überzeugen. Krach kann auch begeistern, obwohl es nicht Jedermanns Sache ist – grade wohl hier. So testet Booking-Chef Rembert Stiewe schon früh sein Publikum. Da es aber bekannter Weise kein besseres Publikum gibt als in Beverungen, werden selbst die rockigeren Töne Earthbends gut aufgenommen. Kontraststärker konnte es aber dann auch nicht weitergehen: Mit Wovenhand kehrt das OBS zu seinen Wurzeln zurück - Roots Rock von Mastermind David Eugene Edwards. Sitzend mit schwarzem Westernhut und psychedelischen Klängen leitet Edwards die Dämmerung herbei. Schwermütig und verträumt und doch teilweise wuchtig im Sound versetzt Wovenhand die Zuschauer in andere Sphären. Was auf Platte nicht ganz so eingängig wirkt, bekommt auf der gemütlichen Wiese des Glitterhousegartens eine ganz andere Wahrnehmung – dazu die untergehende Sonne, ein toller Ritt in die Nacht hinein. Doch damit nicht genug: Angekommen am nächtlichen Lager schlägt neben uns William Fitzsimmons auf. Ein nochmal ganz anderer Musikstil, der den ersten Festivaltag abschließt. Dabei greift Fitzsimmons auf sehr einfache Mittel zurück, um den vollen Campus in seinen Bann zu ziehen. Singer-/Songwritermusik bei dem kein Auge trocken bleibt. Zarte Klänge zwischen einem sehr authentisch wirkenden Künstler. "After Afterall" oder "Everthing Has Changed" werden solange wie nur möglich in dem kleinen Areal gefangen gehalten. Beim Sing-A-Long Song "You Still Hurt Me" wird die in den Bann gezogene Menge mit eingebunden. Herzergreifend geht der erste Abend zu Ende.
Am Samstag eröffnen die Koblenzer Champions den Tag. Es ist schon fast gar kein Phänomen mehr, eher Tradition, dass nahezu alle Festivalbesucher pünktlich zu Beginn um halb eins auf dem Rasen hinter der Glitterhouse Villa stehen und den ersten Act nicht nur willkommen heißen, sondern demnach auch unterstützen. Die Champions sind ihrem Bandnamen zwar noch nicht ganz gerecht, präsentieren aber mit ihrer Show einen sehr homogenen, greifenden Auftritt. Ähnlich wie Unbunny am Vortag ein bedächtiger Einstieg. The Innits aus Berlin hauen da schon mehr drauf. Unscheinbar wirken die Berliner auf der Bühne. Man merkt, dass hier die Musik im Vordergrund steht. Grungeähnliche Töne scheppern von der Bühne aus bis hinten hin zum Bierstand. Das Kontrastprogramm vom Vortag nimmt auch an diesem Samstag seinen Lauf. Mit Garda aus Dresden kommen wieder leisere Töne zum Vorschein und lassen die Gartengäste bei strahlendem Sonnenschein anfangen zu träumen. Wachgerüttelt werden die treuen OBS Fans dann wieder von The Death Letters. Mit dem dreckigen Garagenrock kommen sie zwar nicht ganz so rotzig wie die Black Keys rüber, gehen aber eindeutig in deren Richtung. Guter Stoff aus Holland. Was die Abwechslung an den unterschiedlichsten Musikstilen anbelangt hätte Frankenstein sich beim OBS eine Scheibe abschneiden können. Was hier alles zusammengenäht wird, hätte wohl auf einem anderen Festival größere Kritiker hervorgerufen. Jede Band wird akzeptiert und jede Band bekommt ihre Chance. Die einen freuen sich über das leise verträumte, die anderen sind bereit in der Pfingstsonne zu rocken. Einer darf natürlich nicht fehlen auf dem Orange Blossom Special: Chris Eckman! Diesmal ist Eckman mit seiner neuen Band Dirtmusic auf der Bühne. In Co-Produktion mit der aus Mali stammenden Band Tamikrest geht es nun multikulti zu. Folkloristisch angehauchte Rocktöne vereinen sich mit malaiischer Rhytmik und Tradition. Zwischen Laut und Leise schummelt sich im hinteren Teil des Gartens dieses Jahr zum ersten Mal eine Pausenband bereits am Samstag dazwischen. The Backroom Music Club, die ehemaligen Künnecke & Smukal sind nämlich jetzt zu dritt und ersetzen die Pausenmusik vom Band und weihen uns in die anderen Seite von Sport, Ex-Boy Division und Kante ein.
Da die Organisatoren des Orange Blossom Special so nett sind und rund 300 Meter vom Festival Gelände eine Leinwand platzieren, auf der man das Champions League Endspiel verfolgen kann, entschliessen sich viele also gegen alle Warnungen und verpassen wohl mit Kashmir ein kleines Highlight auf dem vierzehnten OBS. Aber es soll mit Kante als Abschluss am Samstag noch ein viel größeres Highlight kommen. Der intellektuell angehauchte Rock von Kante beweist mal wieder, dass die Hamburger oder mittlerweile Berliner live eindeutig druckvoller und aggressiver wirken als auf Platte. "Die Tiere sind unruhig" oder "Zombi" preschen nur so in die Nacht hinein. Bis hinter der Villa ist die Druckwelle zu spüren, bereiten sich da nämlich Boy Division für ihre Aftershowparty vor - die endet dann im ganz gebliebenen Stadtkrug und ruckzuck wird es wieder hell.
Viel Zeit zum Schlafen bleibt nicht, denn wie am Vortag betritt bereits um halb eins wieder die erste Band am Sonntag die Bühne. The Fog Joggers eröffnen den letzten Tag im idyllischen Weserbergland. Eine Nachwuchsband, die einen gewaltigen Schwung Strokes und Kings Of Leon mit sich zieht und das ganze mit einem Hauch 60s und einer whiskeygetränkten Stimme vollendet. Noch ohne Debütalbum dastehend, legen die vier Krefelder eine sehr reife und mitreißende Show hin. Selten war ein Opener so stimmungsgeladen und sympathisch. Die Fog Joggers kommen aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus – genauso wie ihre Zuschauer. Nach diesem Einstieg kommt zum Glück keine weitere Newcomer Band, denn die hätte es reichlich schwer gehabt. Saint Silas Intercession mit dem Brüderpaar Michael Sheehy und Patrick McCarthy sind bei Glitterhouse alte Bekannte und fabrizieren mit gekonntem Noiserock wieder Töne der härteren Gangart. So langsam wird es dann aber auch wieder mal Zeit mehr in die ursprüngliche Richtung des OBS zu gelangen, musikalisch. Das gelingt auch teilweise mit den wundervollen Schweden von Golden Kanine. Mit einer Posaune auf der Bühne kann man schon beeindrucken. Die Schweden sind sichtlich angetan und legen ein tolles Set hin. Nachhaltigster Song ist "A World To Save", welcher zum Mitwippen und Tanzen verführt. Nachdem man am Vorabend nur vor 4 Gästen spielte und jetzt 1.500 vor der Nase hat, ist es auch kein Wunder, dass die Stimmung umschlägt. "Hier ist es einfach wunderschön und wir fühlen uns sehr gut aufgenommen", verrät mir nach der Show Drummer Micke Sahlin. "Eigentlich sind wir ja total kaputt von der Tour, aber dann kommen wir hierher und werden so liebevoll aufgenommen, dass man einfach auch Lust hat was zurückzugeben", ergänzt Bassist Dante Ekfeldt. Auch das Publikum dankt artig und vergreift sich förmlich am Merchandisingstand an Golden Kanine-CDs. Währenddessen macht sich die Engländerin Gemma Ray schon auf der Bühne fertig. Im eleganten 50s Style gekleidet entpuppt auch sie sich als absolut passender Act auf der OBS Bühne. Mit ihrem Surfsound, gepaart mit Motown und 60s Elementen, dazu immer mal wieder ein schwermütiger Gitarrensound, findet die zarte Londonerin mit ihrer Band großen Anklang. "Michael Sheehy hat mir vom OBS berichtet und dass es hier immer toll ist, da musste ich doch mal gucken ob das auch so stimmt. Im Gegensatz zu englischen Festivals kann man hier ganz gut relaxen, alle sind so unglaublich freundlich." Das spiegelt sich auch in der Musik wieder, als wenn auch hier jemand was zurückgeben wollte. "Was ich hier besonders gut finde ist, dass den Bands praktisch eine fast volle Clubshow geboten wird – also vom Timeslot her. Du kannst hier ein ganzes Set spielen. Das ist für ein Festival großartig", ergänzt dann Adam Turla, der mit Murder By Death als nächster an der Reihe ist und der sich freut, dass die Murder By Death Tour in Deutschland im Glitterhouse-Firmengarten startet. Wie der Bandname schon erahnen lässt, handeln die Murder By Death-Songs nicht immer von heiteren Themen. Etwas skurril, dass bei schönstem Wetter von Verlust und Tod die Rede ist. Ihre Coverversion vom Sonny Bono Song "Bang Bang (My Baby Shot Me Down)" ist mehr als nur bittersüß und erzeugt den wohlbekannten kalten Schauer, der einem den Rücken runter läuft. Selten wurde ein Cello zudem so hartnäckig auf der Bühne bearbeitet. Zu den Altrockern von The Godfathers schmeisst sich vor allem Veranstalter Rembert Stiewe noch mal in Schale. Mit Krawatte und Hemd übersieht man kaum den Stolz, der zu spüren ist, dass die alten Helden die OBS Bühne betreten. War doch erst vor kurzem die Wiedervereinigung der 80er Rockheroen. Ein mehr als gelungener Auftritt, der beweist, dass es so manche älteren Herrschaften doch noch drauf haben. Savoy Grand beenden dann letztendlich das vierzehnte Orange Blossom Special. Für viele etwas zu ruhig und besonnen, für andere wiederum genau richtig. Atmosphärische Songs legen sich wie ein Schleier über die Festivalgäste. Sanft wird man nach Hause geschickt. Mit einer kleinen Depression und dem Gedanken, dass jetzt erstmal wieder ein kleines Loch entstehen wird, schleicht man zum Schlafplatz oder begibt sich abermals in den Stadtkrug, um noch eine letzte Runde zu drehen.
Das Orange Blossom Special Festival Nummer 14 war mal wieder ein voller Erfolg. Musikalisch gab es wohl noch nie so krasse Unterschiede und somit wurde das Publikum auf eine harte Probe gestellt. Ein bunt durcheinander gewürfeltes Line Up aus allen Sparten und Richtungen. Das Wetter schlug pünktlich zu Festivalbeginn um und die Sonne strahlte drei Tage und drei Nächte. Die sonst auf Festivals oft gesehene Konsumenteneinstellung wurde hier wieder einmal nicht gefunden. Für viele Menschen hat dieses Festival einen bestimmten Wert und eine große Bedeutung, ein emotionales Highlight. Der bewusste Prozess im Booking, offener und gewagter zu sein, um ein breiteres Spektrum an Zuhörern anzusprechen, ist nicht ganz ohne Risiko. Doch anscheinend ist auf die treuen OBS-Freunde und -Fans Verlass. Den Organisatoren des Festivals ist einfach nur mit Respekt zu begegnen. Wieder einmal konnten sich die Besucher auf angemessene Preise bei diversen Getränke- und Imbissständen verlassen. Hier schmeckt der Backfisch noch saftig, die Schupfnudeln dampfen frisch und der Kuchen schmeckt noch wie bei Oma. Die Duschen sind zwar manchmal kalt, aber das bekommt einem nach einer durchgemachten Nacht auch mal gut. Von Groß bis Klein und von Jung bis Alt treffen sich auf dem OBS mal wieder die unterschiedlichsten Generationen. Hier bewegen sich Musikexperten und -amateure, Fans, Veranstalter, Familien, Helfer und die Interpreten selber alle auf einem Terrain. Jeder betritt denselben Rasen und alle sind willkommen. Hoffentlich macht ihr die Wiese wieder saftig grün für die fünfzehnte Auflage des Orange Blossom Special. Und vielleicht kommt dann ja auch Archie Bronson Outfit im nächsten Jahr!