Tour 2009 - Special Guest: Exodus
Wenn man ein Quiz daraus machen würde, die musikalische Stilrichtung eines Konzertes nur anhand der Besucher vor der Halle zu erraten, wäre dieser Abend eine leichte Aufgabe: Langhaarige Männer um die vierzig, Aufnäher auf ausgewaschenen Jeanswesten, „Fuck You!!!“-Aufdrucke auf T-ShirtsÂ… Dabei kann es sich nur um Thrash-Urgesteine handeln. An diesem Abend sind es Exodus und Overkill, die sich in der Zeche Bochum angesagt haben. Beide Bands prägen den Thrash schon seit den frühen 80er Jahren und haben nicht nur unzählige Alben, sondern auch Kirk Hammett hervorgebracht, der vor seinem Engagement bei Metallica an der Gründung von Exodus beteiligt war.
Es gibt zwei Vorbands, doch Torture Squad und Gama Bomb rauschen belanglos am Publikum vorbei. Ein paar ausgestreckte Arme, ein kleiner Mosh-Pit, ein wenig warmer Applaus – das wars. Die Leute warten ganz eindeutig auf ihre alten Helden. Schade nur, dass die Umbaupausen in der Zeche ziemlich lange dauern. Nach einer guten halben Stunde erklimmen die „Jungs“ von Exodus um 21.06 Uhr dann endlich die Bühne. Sänger Rob Dukes, der erst seit 2005 dabei ist, ist eine imposante Erscheinung – weniger wegen seiner Körperlänge, sondern eher der Fülle. Seinem Engagement tut das keinen Abbruch: Dukes animiert das Publikum mit anstachelnden Grimassen und schreit die Texte mit Inbrunst ins Mikro (das im Verlauf des Konzerts leider ab und an seinen Dienst verweigert). Doch obwohl er furchteinflößend aussieht und öfters auf die Bühne rotzt, scheint Dukes ein netter Kerl zu sein: So reicht er Gitarrist Gary Holt ein Bier und schrammelt für ihn auf den Saiten, damit er in Ruhe trinken kann.
Die Musik von Exodus überzeugt: Die Setlist ist eine Mischung aus alten Songs wie „The Toxic Waltz“ oder „Piranha“ und neuen Stücke wie „Children Af A Worthless God“ vom letzten „echten“ Album der Band „The Atrocity Exhibition“. Der Thrash, den die Jungs spielen, ist in erster Linie hart und schnell, langsame Passagen und eingängige Melodien eher die Ausnahme. Der Höhepunkt in fast jedem Song ist das Gitarrensolo von Gary Holt, der sich nicht vor Ex-Exodusser Kirk Hammett verstecken muss. Ein Gewinn für die Band ist auch, dass seit 2007 wieder Gründungsmitglied Tom Hunting am Schlagzeug sitzt. Der Drummer spielt in der Zeche eine souveräne wie energiegeladene Show. All dem kommt an diesem Abend zugute, dass der Sound (abgesehen von temporären Aussetzern) insgesamt sehr gut ist: Jedes Instrument ist klar und deutlich in einheitlicher Lautstärke zu hören. Obwohl der Auftritt von Exodus gefällt, ist es kein großer Verlust, dass nach einer Stunde alles schon wieder vorbei ist – dafür fehlt die musikalische Abwechslung. Den Leuten vor der Bühne dürfte das egal sein. Sie schütteln und schubsen sich, was das Zeug hält. Dank der einmal mehr extrem langen Umbaupause gibt es jedoch für alle genug Zeit zum Abkühlen.
In der Zeche wird schon seit fast 50 Jahren keine Kohle mehr abgebaut. An diesem Abend tut sich jedoch eine neue Energiequelle auf: Um exakt 22.41 Uhr schlägt der Blitz in Bochum ein – Bobby Blitz, um es genau zu sagen. Der Sänger von Overkill trägt seinen Spitznamen mit Recht. Alles an diesem Mann wirkt elektrisierend: Der leicht kreischige Gesang, die zuckenden Bewegungen, das schnelle Flitzen über die Bühne. Sobald die Band einen rein instrumentalen Part spielt, verschwindet Bobby von der Bildfläche, um urplötzlich wieder aufzutauchen, wenn sein Text weitergeht. Neben ihrem Sänger haben Overkill noch ein weiteres Unikum zu bieten: Den Bass-Sound von Carlo Verni. Leider schnarrt das gute Stück an diesem Abend nicht so charakteristisch, wie man es von den großartigen Alben der Band gewohnt ist. Überhaupt ist die Kluft zwischen Studioalbum und Live-Auftritt bei kaum einer Band so groß wie bei Overkill. Das liegt jedoch nicht daran wie sie spielen, sondern was sie spielen: Songs wie „In Union We Stand“, „Rotten To The Core“ oder das unvermeidliche „Fuck You!!!“ lassen sich zwar hervorragend mitgrölen, spiegeln aber in keiner Weise das breite musikalische Repertoire wider, das sich die Band in den knapp 30 Jahren ihrer Existenz erspielt hat. Umso schöner, dass kurz vor Ende des Auftritts das eher langsame „Horroscope“ gespielt wird – definitiv der beste Song des Abend. Zum Abschluss springt der Blitz dann endgültig auf das Publikum über: Bobby hechtet von der Bühne und lässt sich auf Händen zurücktragen. Trotz lauter „Overkill“-Sprechchöre macht auch die zweite große Band des Abends nach genau einer Stunde Schluss. Im Gegensatz zu Exodus hätten wir diese Band jedoch gerne etwas länger und mit einer abwechslungsreicheren Songpalette gesehen.