Pain of Salvation

Road Salt One Tour 2010 - Support: Beardfish

16.10.2010 Zeche / Bochum

Von: Thomas Reuter

Pain of Salvation Bochum

Früh geht’s los – halb sieben, damit ab zehn das Bochumer Jungvolk Rockparty feiern kann. Hum hom, je nun. Der Saal ist angenehm gefüllt, nicht zu voll. Es beginnt eine junge schwedische Band mit dem Namen Bartfisch – Beardfish. Sie singen auf Englisch, spielen auf alten Instrumenten (wie z.B. einer sehr alten Gibson SG) und stellen ihre Musik in den Vordergrund. Will sagen, die Kleidung wäre in ihrer Auswahl nur dann als besonders zu bezeichnen, wenn man sie aus drei Altkleidersäcken gezogen hätte. Aber die Achtziger und Neunziger sind vorbei, welcher Schelm achtet also auf solch Nebensächlichlkeiten. Vielmehr geht es musikalisch stark in Richtung Krautrock – Seventies Progressive Rock. Und das ist in diesem Fall ein Gütesiegel. Die vier Herren sind hervorragend aufeinander eingespielt, sehr routiniert, die Mischung ist gut, die Instrumentierung Keyboard, Gitarre, Bariton-Gitarre, Bass und Schlagzeug fällt ein wenig aus dem Rahmen. Dies nutzen die Vier auch, um einige Klangteppiche zu produzieren, die Gewohntes mit individuellen Noten versehen. Der Sänger/Keyboarder/Gitarrist erinnert an einen jungen Jack Black. Er singt gut, bewegt sich passend zur Musik und füllt in Anbetracht des geringen Platzes der Aufwärmer die Bühne mit Leben. Sehr empfehlenswert und auch sehenswert.

-> Achtkommaneun von zehn Punkten vergibt ein gut unterhaltener Online-Redakteur für die Jungs. Leider konnte ich weder ein Foto noch ein Blatt der Setlist ergattern und selbst kannte ich keins der Stücke.

Kurzer Umbau, die nagelneuen vier Gitarrenverstärker der "Schmerzhaft Erlösten" werden vom schwarzen Tuch freigelegt (für die Musiker unter den Lesern hier in Klammern: zwei LaBoga Combos, darauf zwei LaBoga Topteile), eingerahmt von zwei 4 x 12 Gitarren-Boxen, so ergeben die Gerätschaften einen kleinen erhöhten Laufsteg zur Rechten, dahinter das Keyboard erhöht gestellt, zur Linken steht das Schlagzeug (d&w Set, zwei offene Bass-Drums 20“ & 26“, drei Hängetoms, zwei Standtoms, spannend ist, dass beide Bass-Drums am rechten Fuß stehen und per Doppelfussmaschinen gleichzeitig angesteuert werden), davor wohnt der Bassist (EBS-Amp, Mayones Bass). Der Techniker stimmt die Gitarren (Parker für Daniel, Mayones für Johan), es kann losgehen. Als Intro spielen Pain Of Salvation ein schwedisches Volkslied, klingt jedenfalls so, handelt von Lumpenpack, Verbrechern und Gesindel und ähnlichem, mein Schwedisch ist nicht so gut, dass ich alles verstanden hätte. Wer das kennt möge mich gern aufklären.

Die ersten beiden Songs kommen vom eingängigsten Album der Schweden, "Remedy Lane" (nur schade, dass nicht "Rope Ends" oder "Undertow" darunter war). Die Jungs sind spielfreudig, bewegen sich deutlich mehr als beim letzten Bochum-Besuch anlässlich der Scarsick-Tour. Herr Gildenlöw trägt heute keine Schuhe, statt langen Haupthaars halb links ein neckisches Zöpfchen, das zusammen mit seiner madonnaesquen Zahnlücke vielleicht der einen oder anderen Dame niedlich erscheinen mag, die beiden mich begleitenden winken ab.

Daniel ist gut drauf, erzählt viel und macht ein Publikumsspiel. Das geht so: laut brüllen (Finnisch) und noch lauter (Dänisch) und gar nicht (Schwedisch). Danach kündigen sie das Orchestra Of Eternity an, das aber wegen der Enge im Tourbus (18 Plätze, 15 Leute, 3 bunks are full of bags and Â… you knowÂ… [bibles?]) nicht mitkommen konnte. Das Publikum ist bei "Ashes" sehr textsicher, hinter mir singt einer die Hauptstimme mit, sehr passabel. Später, zu "Kingdom Of Loss" wird eine Kanzel hereingetragen – danach fast passend – äußert Herr Gildenlöw die Bitte, doch den Merch aufzukaufen, bis die Band aus der Dusche hervorgekommen sei.

Dann spielen sie "Falling". Ich schreibe gerade "Pink Floydesque" auf meinen Block als der Sänger hinter mir raunt "David Gilmore wäre stolz", Grinsen, weise auf meinen Block, ja es ähnelt "Shine On You Crazy Diamond". Vor dem letzten Song anempfiehlt Herr Gildenlöw das "Black Shirt", das eigentlich Braun ist – als Zeichen gegen die schwarz-uniformierte Metal-Kultur. Da grimmt es in mir: "Was wollen Sie eigentlich, junger Mann, wissen Sie nicht, wer Ihre Platten kauft? Vor was haben Sie denn bloß Angst? Vor dem Teufel im Nietengewand? Wenn Sie sich selbst poppiger verstehen als die bösen Metaller, die wiederum Ihre Musik besser verstehen als die üblichen Pop-Fans, versuchen Sie mit Ihrer Abkehr von den vor Ihnen stehenden Musikinteressierten die Quadratur des Kreises. Grunf!" Es folgt das letzte Lied.

Am Ende von "The Perfect Element" trommeln die Saiteninstrumentalisten, als Fan der norwegischen Band Kaizers Orchestra denke ich mir "Von Kaizers lernen heißt siegen lernen" (wer Kaizers nicht kennt, sei informiert: die Norweger trommeln auf Schrott, Ölfässern, Autofelgen, choreografisch recht fein anzusehen). Der Saal der überwiegend schwarz gekleideten Zuschauer tobt so lange, bis die Fünf noch für eine Zugabe kommen. ’Luja vom Leonhard statt Disco Queen, verzückte Musikergesichter, die ich zuletzt in einer katholischen Dorfkirche bei ältlichen Jungfern gesehen habe statt des Feierns eigener Kunst. Nun, de gustibusÂ… Apropos katholische Dorfkirche, da wurde letzte Woche doch hier um die Ecke der "Märtyrer-Tag" gefeiert. Könnte man doch gleich am 11.09. feiernÂ… okay, okay ich geb ja Ruhe, solange mir keiner das Erdalter auf maximal zehntausend Jahre datiert und mich zu überzeugen sucht.

Es war ein gelungenes Konzert, zwei tolle Bands, Künstler, die an ihren Instrumenten Großes leisten, Kompositionen, die kurzweilig sind und zum Teil dennoch Ohrwurmformat besitzen. Neunkommazwo von zehn von einem überzeugten ungläubigen Dennoch-Wiederkommer.

Setlist:

Of Two Beginnings
Ending Theme
People Passing By
Linoleum
Ashes
Diffidentia (Breaching The Core)
Welcome To Entropia
Winning A War
No Way
Road Salt
Of Dust
Kingdom Of Loss
Falling
The Perfect Element
---------------
Hallelujah

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