I Feel Cream-Tour 2009 - Support: Sweet Machine
Es ist schon relativ spät, als ich gegen zwanzig vor zehn das Stollwerck erreiche. Einlass war laut Veranstalter bereits um 20 Uhr, der Konzertbeginn mit 21 Uhr angegeben. Doch die Anwesenheit von etwa 15-20 Personen, die in eisiger Kälte vor dem altehrwürdigen Backsteingebäude in der Kölner Südstadt ihrer Nikotinsucht fröhnen, sich unterhalten oder noch hastig Kurzmitteilungen in ihr Mobiltelefon tippen, beruhigt mich schnell. Offensichtlich noch nix verpasst. Und als wenige Sekunden später nach Betreten des Kulturzentrums auch noch keinerlei Livemusik zu vernehmen ist, bestätigt sich die Vermutung, dass das Berliner Trio Sweet Machine wohl tatsächlich einzig und allein als Backing Band für die 41-jährige Kanadierin Peaches gebucht wurde.
Ein jeweils kurzer Blick auf die geschätzt zwanzig Meter lange Schlange vor der Garderobe und die praktisch nicht vorhandene an der Getränketheke im Foyer genügt, um Prioritäten zu setzen und mit einem kühlen Becks umgehend einen der beiden Balkone anzusteuern. Wie im September 2006, als Peaches an gleicher Stelle gastierte, ist dieser obere Bereich zwar auch ordentlich frequentiert, aber man kann guten Gewissens hier seine Jacke ablegen und verfügt über eine angenehme Bewegungsfreiheit - vom besseren Überblick, wenn auch in zweiter Reihe, ganz zu schweigen.
Um viertel nach zehn betreten dann endlich drei seltsam kostümierte Gestalten unter vorfreudigem Jubel zum Opener "Mud" die Bühne, die mich zunächst an den Auftritt von Fever Ray während des Electronic Beats Festivals im vergangenen Mai erinnern: Überdimensionaler schwarzer Kopfschmuck, langer schwarzer Umhang, Gesichtsschleier - alles irgendwie unheimlich, geradezu mystisch. Die kleine Künstlerin wird auf die Bass Drum gehoben, intoniert wenig später die ersten Vocals von "(Why Don't You) Talk To Me" vom aktuellen Album "I Feel Cream" und die Menge ist sofort elektrisiert. Unterstützt wird sie hierbei von zwei gesichtslosen Go-Go-Tänzern in Badehosen und riesigen blonden Rasta-Perücken, die flankierend zu beiden Seiten der Bühne rhythmische Bewegungen ausführen.
Was im weiteren Verlauf des Abends nun folgt, ist der erwartete Mix aus extrem tanzbarem Elektropunk, provokativer Sexualmetaphorik und bizarrer Modenschau. Merrill Nisker, so ihr bürgerlicher Name, entblättert sich während ihrer frechen Songs peu à peu, vom pinkfarbenen spacigen Overall mit Schwimmflügeln, der eher einer menschgewordenen Gummipuppe ähnelt bis hin zum Badeanzug mit eng geschnürten Schaftstiefeln - dem visuellen Extremismus ist wie gewohnt keine Grenze gesetzt. Ihre Glam-Frisur (an den Seiten ausrasiert, nach oben toupiert) und Haarfarbe (fleckig, strassenköterblond) wurde allerdings im Vergleich zum letzten gesehenen Auftritt einer geringfügigen Veränderung unterzogen. Daneben einschlägige Requisiten wie Lichtschwert respektive Doppeldildo und umgeschnallte Plastikbrüste - der aufblasbare Riesenpenis und die Peitsche von früheren Shows bleiben aber diesmal im Schrank.
Bereits nach etwa zehn Minuten sucht das exzessive Riot Girl den intensiven Kontakt mit dem Publikum - zunächst per crowd surfing, dann per (allerdings vorsichtigem) jesusähnlichem "head walking" ("Packt mal die Kameras weg und hebt die Arme. Ich möchte auf euren Händen laufen"). Dank ihrer folgsamen und euphorisierten Fans im bis zum Anschlag gefüllten Innenraum gelingt dies mühelos.
Songtechnisch wird auch alles Altbewährte abgerufen - neben den obligatorischen "Fuck The Pain Away" und "Shake Yer Dix" auch meine beiden persönlichen Lieblingsstücke "Boys Wanna Be Her" sowie "You Love It" vom 2006er-Longplayer "Impeach My Bush". Und natürlich aktueller Stuff wie "Billionaire" oder "Serpentine".
Gegen Ende der anderthalbstündigen Show dann noch ein kleiner (gespielter) Aufreger, als die Diva während der Zugabe "Rock'n'Roll", dem sicherlich punkigsten Track ihres Repertoires, einen Sturz vortäuscht, einige Sekunden reglos liegen bleibt und es infolge dessen zu einem kurzen Handgemenge auf der Bühne kommt. Anschliessend rappelt sich die 41-jährige wieder auf und entledigt sich oral von einigem Kunstblut, selbstverständlich direkt ins Publikum. Danach wird munter weitergepogt. Alles nur Simulation und Provokation, mehr Schein als Sein, vielleicht sogar ein Stück Medienkritik.
Dennoch bleibt das Fazit: Ohne Frau Nisker würde es die Gagas oder Dittos dieser Welt nicht geben - daher sollte man als Anhänger der roughen, ursprünglichen Art des Electroclashs zumindest EINE Show seiner Ikone auf der "to do"-Liste abgehakt haben, denn eins sind deren Darbietungen auf alle Fälle: Sex Rock at it's best!