Bis nach Toulouse Tour 2011 - Support: Tim Bendzko, Johannes Falk
Gleich drei deutsche Songwriter hatten in die Trierer Europahalle geladen. Alle männlich, Ende 20 oder Anfang 30 und mit einem im akustischen Gitarrenrock verhafteten Stil. Johannes Falk, Tim Bendzko und Philipp Poisel – das war die illustre Riege, die sich auf der Bühne die Klinke in die Hand gab. Die ersten beiden allerdings nur als Support für Poisel, der hier mit seiner "Bis nach Toulouse"-Tour gastierte. Zumindest in einem Punkt eine eigentümliche Konstellation, da Bendzko durch seinen SWR 3-Hit inzwischen chartmäßig erfolgreicher ist als Philipp Poisel. Doch eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – das sollte der Konzertverlauf dann zeigen.
Den Anfang machte Johannes Falk. Früher mit dem Projekt Falk unterwegs, firmiert der Darmstädter heute unter vollem Namen. Das Album, das er promotet, trägt den Namen "Pilgerreise" und ist ein Konzeptwerk, das von einem Buch John Bunyans inspiriert ist. Ein sehr religiöses Werk, doch das ließ Falk in dem kurzen Gig nicht raushängen. Die musikalische Suche nach dem ewigen Leben interpretierte er sehr atmosphärisch am Piano und mit sehr weichem, emotionalem Gesang. Leider wurden ihm nur 15 Minuten Zeit eingeräumt. Das reichte gerade mal für einen kurzen Einblick. Ich habe aber viele Besucher gesehen, die am Merchandise-Stand seine CD erwarben. Also doch ein erfolgreiches Unterfangen.
Tim Bendzko rief erste Begeisterungsstürme hervor. Das Publikum war gut durchmischt, aber doch recht fest in weiblicher Hand. Und die bisweilen lauten Schrei-Sequenzen aus den ersten Reihen ließen auf viele Schülerinnen schließen. Kürzlich legte der Shooting Star der jungen deutschen Songwriter-Szene sein Debütalbum vor und man kann noch mehr von ihm hören als das kurzweilige "Nur noch kurz die Welt retten", das hier im Südwesten schon lange die SWR 3-Hörercharts beherrscht. Der ehemalige Theologie-Student wuchs in Berlin auf und schrieb schon mit 16 seine ersten Songs. Der Weltretter-Song hat die nötige Frische und Unangepasstheit, um den großen Durchbruch zu ermöglichen. Im Konzertverlauf wurde er schon überraschend früh gespielt. Ein Hinweis darauf, dass Bendzko hier keineswegs im Mittelpunkt stehen sollte. Sein emotionaler und eindringlicher Auftritt dauerte nur 20 Minuten. Dem gegenwärtigen Bekanntheitsstatus wurde also nicht Rechnung getragen. Mir gefielen vor allem die Begleitung am Cello und die frische, unverbrauchte Art, mit der Bendzko seine Songs interpretierte. Seine Performance hätte gerne länger dauern dürfen – aber die erste eigene Tour startet im Herbst. Dann dürfen wir uns auf das volle Programm freuen.
Schließlich war die Bühne bereit für Philipp Poisel – und die unplugged-Ausstattung der Supports wich einer ordentlich aufgestellten Band. Der Stuttgarter hat schon viel erreicht in jungen Jahren: Sein Debütalbum "Wo fängt dein Himmel an?" stieg vor zwei Jahren senkrecht in die deutschen Top 40 ein und konnte sich einige Wochen dort halten. Was braucht man dazu? Eine ungewöhnliche Stimme, viel Talent an der Gitarre, ein Händchen für stimmungsvolle Texte und Melodien sowie (nicht zu vergessen) einen Mentor wie Herbert Grönemeyer, der Poisel für sein Label Grönland Records entdeckte und unter Vertrag nahm. Fünf Single-Veröffentlichungen sprechen für sich – und auch vom neuen Album wurden schon einige Songs ausgekoppelt.
Zunächst fielen die nachdenklichen, melancholischen Texte auf. Es ging um Sehnsucht, um schmerzliche Wünsche – schöne Gefühle und hässliche. Poisel stand sehr in sich gekehrt auf der Bühne und zeigte bei jeder Gelegenheit seine emotionale Seite. Er ist schon ein sehr skurriler Typ: klein, mit Ringel-T-Shirt und einer oft weinerlichen Stimme. Man hatte gleich das Gefühl, dass Poisel eine sehr persönliche Beziehung zu den Zuschauern aufbaute. Das gelang ihm mit Einblicken in sein Seelenleben: Er erzählte, dass er sich oft fremd fühlt auf der Bühne und deshalb immer den gleichen, 2 qm großen Teppich unter seinen Füßen hat, der ihm ein Stück Vertrautheit vermittelt. Oder er erzählte die Geschichte einer verunglückten Liebschaft zum Song "Im Garten von Gettis" – eins von vielen biographischen Elementen. Und ja, man nimmt ihm ab, dass er auf eine Fähre gelaufen ist, um sich von der Urlaubsbekanntschaft zu verabschieden, das Schiff dann abgelegt hat und er die Nacht unter Obdachlosen am Strand verbringen musste.
Poisel ist ein unverbrauchter Typ und es sind vor allem seine Texte, die die Fans gefangen nehmen. Man hört darauf, was der Künstler erzählen will. Und das konnte man auch beim Konzert in Trier beobachten: Die Textsicherheit ist – vor allem bei der weiblichen Anhängerschaft – enorm. Ich vermute, dass seine Musik auf Klassenparties, Schulausflügen und Abifeten zum Standardrepertoire gehört und sich so fest in die Herzen verankert. Und es wurde deutlich, dass er in jungen Jahren über eine treue Anhängerschaft verfügt, die sich ein Bendzko erst noch erarbeiten muss.
Vor allem im großen Bandgefüge war die Wirkung der Stücke enorm. Da hatte er schon eine gute Truppe um sich versammelt und die Rhythmus-Fraktion zeigte großes Talent. Wenn dann noch der Kontrabass ins Geschehen eingriff, waren die Gänsehautmomente gesetzt. Poisel ließ es sich aber auch nicht nehmen, die Bühne zeitweise allein in zu erobern. Nur mit Gitarre bewaffnet erzeugte er schöne Momente voller Schwermut und Melancholie.
Ein gelungener Abend mit drei hervorragenden Sängern / Songwritern. Einziger Wermutstropfen war die kurze Auftrittszeit der Supports. Die dürfen gerne nochmal für Full-time-Konzerte nach Trier kommen. Definitiv! Im Anschluss sah man glückliche Gesichter allerorten – und das ist es doch, was die neue deutsche Songwriter-Riege mit ihren Konzerten erreichen will.