I´m Not Dead - Tour 2006 Support: Lili
Pink ist der Abend nicht. Na ja, hier und da schon. Er ist bunt, äußerst bunt. Dafür sorgt allein schon das Publikum, das zeigt was sich mit Haaren so alles machen lässt. Die frechen Kurzhaarfrisuren werden an diesem Abend nicht nur von pubertierenden Mädchen, sondern auch von Müttern und junggebliebenen Damen mittleren Alters präsentiert. Sie alle und noch viel mehr sind gekommen, um P!nk zu erleben.
Vorband Lili schließt ihr freundlich aufgenommenes Heimspiel mit einer Punkrock-Coverversion von OutKasts „Hey Ya“ ab, das mit zuvielen „1,2,3,4“ Rufen der Sängerin Ylva die Halle in die Werbepause entlässt. Werbepause? Ja, Werbepause. Die auf die Großleinwand projizierten Spots können bedenkenlos als Zumutung definiert werden, denen man ohne Fernsteuerung auch noch hilflos ausgeliefert ist. Mal sehen, ob ich bei meinem nächsten Supermarktbesuch zu Multicolorsträhnchen oder doch zum Titanlook greife.
P!ink erlöst ihr Publikum gegen 21:15 Uhr mit „Cuz I Can“. Im Lederoutfit gibt sie darin mehr als selbstbewusst das Motto des Abends vor: „Tonight I´ll do what I want cuz I can“. Das Heft in die Hand zu nehmen braucht sie nicht, denn das hat sie bereits. Die aufwändige und voll auf sie zugeschnittene Choreographie unterstreicht das nur. Spätestens beim Mitgröl-Hit „Just Like A Pill“ ist auch der letzte Gast des Abends elektrisiert. Diesem Refrain kann man sich nicht entziehen. Und mit „Who Knew“ schiebt sie noch ein ähnliches Kaliber, diesmal vom aktuellen Album „I´m Not Dead“ hinterher. Bei dessen zentralem und gleichnamigem Track lässt sich P!nk von ihren textsicheren Fans in beeindruckender Lautstärke unterstützen.
Dieser überzeugende Anfang weicht anschließend einem Part, dem viele der heute Anwesenden einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie der Musik zuweisen: It´s Showtime! Ob „Stupid Girl“, bei dem die Tänzerinnen mit Atombusen aus der Requisite eines C-Pornos ausgestattet werden oder „Fingers“, das von wilder Akrobatik im herabgelassenen Netz begleitet wird: Das Ohr unterliegt dem Auge hoffnungslos. P!nk scheint jedenfalls kein Problem damit zu haben, vom vulgären Strip im einen zur intimen Offenbarung im nächsten Song zu springen. „Family Portrait“ läutet nämlich die Phase der tiefgründigen Lieder ein, in der sie die ganze Bandbreite ihres stimmlichen Vermögens darbietet. Wohltuend spartanisch macht es sich die Protagonistin neben ihrem hervorragenden Gitarristen und ihren beiden nicht minder begabten Background-Sängerinnen auf Barhockern am Ende des in die Hallenmitte reichenden Stegs bequem. P!nk, die sich mehrfach während der Show umzieht, erstrahlt nun im weißen Kleid und gibt ihre Version von Bob Marley´s „Redemption Song“ preis. Es wird also politisch, was seinen Höhepunkt im überzeugenden „Dear Mr. President“ erreicht. Ein seltener Beweis dafür, dass ein Song voller Wut und Trauer ins Gewand leiser Akustik und gesanglicher Brillanz passen kann. „What´s Up“, ein Cover des One-Hit-Wonders 4 Non Blondes eignet sich für die Fans anschließend sehr gut, um die Melancholie weg zu singen.
Die ist spätestens bei „U + Ur Hand“ (Räkeln auf der Harley) und „18 Wheeler“ (wie der Name schon sagt) komplett verflogen. Ein ausgelassenes „Leave Me Alone“ schließt das Hauptset ab. Auf der besagten Leinwand wird nun die Zeit rückwärts gezählt, was den charmanten Effekt hat, dass die Fans ihre Musiker (und sonstigen Akrobaten) mit einem lautstarken „10,9,8,...“ punktgenau auf die Bühne zurück holen. Die Zugabe stellt verdichtet und auch überhöht den gesamten Abend dar: „Nobody Knows“ als Beispiel für die ruhigen und sentimentalen Momente und eine akrobatische Einlage zum Schluss, bei der P!nk in zehn Metern Höhe an herabgelassenen Tüchern Fabian Hambüchen Konkurrenz macht, wobei die dazu gespielte Musik zur Makulatur wird.
Ein Abend mit P!nk gleicht einer Achterbahnfahrt. Zirkus Krone meets Janis Joplin. Bunt war´s, wie das Publikum eben auch.