König Der Straßen Tour Part II - Support: Cäthe
Ingo Pohlmann heißt der junge Mann mit der Gitarre, welcher im Sommer 2004 in einer Bar im Schanzenviertel den singenden Barmann gibt und von sich reden macht, mit den gefühlvollen authentischen Songs, die das Leben atmen und in die Dämmrigkeit der Bar-Ästhetik hineinplatzen wie grelle Blitze. Zwei Jahre später sehnt sich dieser Pohlmann den Sommer mit jenem entsprechend aussagekräftigen Lied zurück und landet damit auch prompt einen veritablen Hit.
Der Titel des ersten Albums, welches diesen Gassenhauer beinhaltet, lautet dann auch schon pragmatisch "Zwischen Heimweh Und Fernsucht". Der lyrische Songwriter-Pop dieser Scheibe findet dann auch berechtigte Beachtung hierzulande. Schon bald stoßen auf dieser musikalischen Wanderung an jeder Weggabelung bekannte Gesichter der jüngeren deutschen Musikhistorie hinzu: Henning Wehland von den H-Blockx zeichnet sich für das Management verantwortlich und die elektrisierten Gitarrensaiten bearbeitet teilweise kein geringerer als Christian Neander, der bekanntlich mit Selig derzeit ein sehr erfolgreiches Comeback genießt. Auf der aktuellen Tour ist Neander allerdings, ebenso wie Christian Kretschmar, nicht mit "on the road". An der Gitarre fungiert jetzt Lars Cölln, unterstützt von der Rhythmusfraktion Reiner Kallas am Schlagwerk und Alex Grube am Bass. Selbstverständlich darf nicht nur zur Unterstreichung der melancholischen Momente der omnipräsente Hagen Kuhr am Cello nicht fehlen. Dieser Hüne trägt nämlich mit seinem Streichinstrument maßgeblich dazu bei, dass die poppigen Arrangements von Pohlmann live ordentlich rocken.
Nach dem 2007er "Fliegende Fische", das nicht mehr so sehr im öffentlichen Fokus stand, ließ sich Pohlmann dann drei Jahre Zeit, um den Dingen des Alltags Raum zu geben um zu Textzeilen zu reifen, Platz zu finden für das Selbsterlebte. Ohnehin ist er kein Mann für die Studioarbeit, sondern musste raus auf die Straße, die Intensität eines Liveauftritts spüren. Er ist ein Vagabund, der sein Herz unterwegs auftankt, Selbstzweifel abwirft und sich an Veränderungen abarbeitet. Im vergangenen Jahr stellte Pohlmann die Songs seiner dritten Langspielplatte auf einer kostenfreien Kneipentour vor und die aktuelle Scheibe ist dann auch passenderweise auf den Namen "König Der Straßen" getauft, welche im Herbst 2010 schließlich das Licht der weiten Welt erblickte. Die Entstehungsgeschichte ist eine Geschichte von räumlicher und zeitlicher Zäsur, von Abstand gewinnen und neuen Anfängen. Ingo Pohlmann sagt selbst: "...Man will mit jeder neuen Platte einen Steinwurf wagen. Man weiß aber vorher weder wie schwer der Stein ist, noch wie tief die Wasserstelle ist, in die er fällt. Man sollte sich Zeit lassen bis er aufkommt!...".
Wie tief dieser Stein, vollgesogen mit Songs über Selbstreflektionen, ein Zurücknehmen in unserer schnelllebigen Zeit und auch über lange Freundschaften und verflossene Lieben, in die Herzen des Darmstädter Publikums sinkt, zeigt sich am heutigen Abend. Zunächst aber muß dieses junge Publikum, aus einem Großteil weiblicher Natur bestehend, mit Jule Neigel in Gestalt einer übertrieben zappeligen Cäthe Vorlieb nehmen. Anschließend lässt der Hamburger Jung leider eine geschlagene halbe Stunde auf sich warten, obgleich kein Bühnenumbau stattfinden muß.
Dann legt die fünfköpfige Band druckvoll los. Gleich beim dritten Stück wird es im Publikum lauter, denn es handelt sich um "König Der Strassen". Fast das gesamte Konzert sitzt Pohlmann mit seiner Gitarre auf einem Stuhl direkt vorne am Bühnenrand, doch dies ist seiner rockigen Attitüde in keinem Moment abträglich. Er versteht es seine Zuschauer mitzunehmen auf seine musikalische und gedankliche Reise und hält zwischen den Songs immer wieder inne, um die Geschichten hinter den Liedern zu erzählen. Das ist dann auch mal eine mehrminütige Ausführung über einen Tauchurlaub auf Bali und einen sehr entspannten "Tauchlehrer". Immer wieder werden die Songs in sich ausgeweitet und improvisiert. Meist gekonnt professionell, an diesem Abend allerdings auch öfters in Folge von vergessenen, falschen Textzeilen, verpatzten Einsätzen und Verspielern des Frontmanns (so auch z.B. bei "Mädchen & Rabauken", dem zweiten Hit). Störend sind diese Missgeschicke indes nicht, denn Pohlmann nimmt es locker und das Publikum auch.
Überhaupt ist dieser Ingo Pohlmann ein grundsympathischer authentischer Kerl. "Fliegende Fische" ist auch so ein Lied, welches begeistert goutiert wird und in einen fröhlichen Sing-A-Long mündet, wie des Öfteren während dieses Konzertes. Die Darmstädter sind da erstaunlich textsicher. "Zurück zu Dir" entfacht im letzten Drittel nochmals melancholische Momente und beschwört alte Hamburger Kneipenabende. "An Mina" und ein fulminantes "Der Junge ist verliebt" sind vor der Zugabe die letzten beiden Stücke. Pohlmann kommt zunächst alleine zurück, setzt sich auf seinen Stuhl, nimmt die Gitarre und nachdem er kurz über ein frisches Darmstädter Bier sinniert, erzählt er uns die Geschichte von einer Oma, einem Banker, einem Kind, einem Punk und einer Biene an einer Ampel. Was es damit auf sich hat, das soll er euch schön selbst erzählen. Das Ergebnis jedenfalls wurde im Sommer 2006 durch sämtliche Radiostationen des Landes gejagt. Nach dem unterhaltsamen Storytelling-Part kehren auch die anderen Musiker wieder zurück auf die Bühne.
Als letztes Lied spielt die Band dann das Titelstück des Debüts, welches früher stets der Opener der Konzerte war, und damit schließt sich der Kreis für Ingo Pohlmann zwischen dem Heimweh nach den ruhigeren Anfangstagen und der Sehnsucht nach neuen Wegen. Den Kopf zwischen zwei Wolken gespannt.