Porcupine Tree

Tour 2007

22.06.2007 E-Werk / Köln

Von: Shirin K

Porcupine Tree Köln

Stachelschweinbäume sind eine unheimlich selten anzutreffende Baumart, und sollte man das Glück haben, einen davon zu sehen, sollte man unbedingt ein wenig bei ihm verweilen. Es kann sich nur lohnen, denn hat man sich einmal der Schönheit eines Stachelschweinbaums hingegeben, so kommt man nur sehr schwer von seiner magischen Schönheit los. Es lässt sich nämlich furchtbar gut träumen unter seinem Schatten Â…

Jetzt aber genug der Lobhudeleien, auch wenn es schwer ist, die Objektivität zu bewahren, wenn man in den letzten Wochen nur die letzten drei Alben von Porcupine Tree in der Anlage rauf- und runter laufen hatte. Außerdem war das Konzert der Stachelschweine im Kölner E-Werk keine ausschließlich positive Erfahrung, was aber auch teilweise am Publikum gelegen haben mag. Eigentlich war am Publikum nichts zu bemängeln, erleichternd wenige kreischende Mädchen, ein erwachsenes, musikinteressiertes Publikum und dessen Nachwuchs: was will man mehr. Es schien mir nur, als hätte sich gerade dort, wo ich stand – an einer der Säulen vorne links, wo ich meine Notizen in Ruhe zu machen gedachte – eine Gruppe an sozial unfähigen Menschen versammelt.

Zuerst ließ jemand einen vollen Bierbecher auf meinen Fuß fallen und verschwand ohne ein einziges Wort der Entschuldigung, dann stellte sich eine Dame eine Minute vor Konzertbeginn so dreist vor mich hin, dass ich ihre Haare flugs in meiner Nase hatte. Erst nach einer zuckersüß formulierten Ansprache mit der einfachen Botschaft „verpiss dich“ bewegte sie sich wieder zu ihrem vorherigen Platz. Danach tauchten drei etwas ältere, apokalyptische Schweinchen auf, die erstmal einen Joint, dann eine Zigarette nach der anderen rauchten (trotz der nicht übersehbaren Plakate mit „No smoking please“ – wäre auf Deutsch vielleicht besser gewesenÂ…). Außerdem schienen sie zum Quatschen und nicht zum Musikhören gekommen zu sein, denn andauernd übertönten ihre schwachsinnigen Kommentare die Musik. Mein Appell an diese Leute: Bleibt bitte das nächste Mal zu Hause oder lernt, euch zu benehmen, sonst piekse ich euch das nächste Mal mit meinem Kugelschreiber! So!

Wollen wir nun zum wichtigen Teil dieses Berichtes kommen: der Musik! Nach gut einer Stunde Weichspülmusik aus den Boxen betritt die Vorgruppe Absynthe Minded die Bühne. Die jungen Belgier haben eine wilde Mischung aus Jazz, Folk, Punk und Singer-Songwriter-Musik in petto, unterstützt von Violine- und Kontrabass-Klängen. Noch hat die Band zu wenig Bühnenpräsenz und manche der Songs klingen unreif, wenn nicht langweilig, aber es kann sein, dass sie sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln und viele Menschen für sich begeistern können. Dort, wo sie ordentlich rocken, sind sie am stärksten, und das Konzept mit der Vermischung der verschiedenen Genres können sie ruhig beibehalten. Ein bisschen mehr Bühnenerfahrung und Mut bei der Songsauswahl wird ihnen wie gesagt gut tun. Alles in Allem eine durchaus viel versprechende Band also.

Nachdem Absynthe Minded die Bühne verlassen haben, beginnen direkt die Umbauarbeiten für Porcupine Tree und die einlullende Meditationsmusik setzt wieder ein, die dem Ganzen einen Hauch von Yoga-Kurs für Schwangere vereihtÂ… Zum Glück lassen Porcupine Tree nicht lange auf sich warten und werden vom Publikum mit großer Begeisterung empfangen. Ich muss sagen, dass ich ein wenig verwundert war, als der schlanke, bebrillte Steven Wilson die Bühne betrat, weil ich aus unerfindlichen Gründen einen zwei Meter großen Riesen erwartet hatte (mag daran liegen, dass ich die Musik riesig finde). Auch egalÂ…

Ohne großes Tamtam geht es auch schon los mit dem Titelsong des aktuellen, gleichnamigen Albums „Fear of a Blank Planet“, eine sehr rockige Nummer mit bedrohlich klingenden Gitarrenriffs, in der Wilson sich textlich in den geistigen Zustand eines der X-Box und MTV-Generation angehörenden Kindes versetzt. Passend dazu läuft auf der Leinwand ein Film ab, der sich genau mit diesem Thema auseinandersetzt. Wir sehen verstörte Kinder in einer Hochhaussiedlung, die sich unentwegt Pillen in den Mund schieben, einander Pistolen an den Kopf halten und sich prügeln. Kleine Zombies außer Rand und Band also. Vielleicht ist das Filmchen ein wenig zu plakativ, aber durch den schnellen Schnitt, die wacklige Kameraführung und die düster in die Kamera schauenden Kinder unterstreicht es doch sehr die bedrohliche Atmosphäre, die der Song „Fear of a Blank Planet“ verbreitet.

Nach dem Lied begrüßt Wilson das Publikum mit einem zärtlichen „good evening“ und schon geht es weiter mit dem älteren, gleichnamigen Stück aus dem Album „Lightbulb Sun“. Während die Videoshow uns mit flashig gelben Figuren beglückt, spielt sich die Band durch die sehr Stonerrock-artige Nummer mit einem Gitarrensolo von John Wesley, das die Herzen der Musiker im Publikum höher schlagen lässt. Das Stück ist abwechslungsreich und verbindet geschickt eher melancholische Töne mit rockig derben Passagen. Hiernach begrüßt Wilson zum zweiten Mal das Publikum und verkündet, dass während der Show das gesamte neue Album gespielt werden soll (Beifall in der Menge), außerdem Stücke, die bis dato eher selten live zu hören waren (Jubel, Trubel und Heiterkeit im Publikum). Zunächst aber wird das zweite Stück aus dem neuen Album gespielt: „My Ashes“. Passend zu den tranceartigen Melodien des Songs präsentiert uns die Videoshow einen wunderschönen Sternenhimmel samt vorbeiziehenden Wolken und Polarlichtern. Wilson haucht sich genüsslich durch den Song.

Und schon ist es Zeit für das Herzstück auf „„Fear of a Blank Planet“, nämlich für den siebzehn Minuten langen Song „Anesthetize“. Drummer Gavin Harrison fängt an mit dem etwas gehetzt-dynamischen Beat, dazu kommen leichte, mystisch angehauchte Streicherarrangements, Wilson klagt wieder die Welt an und der Song bewegt sich unaufhaltsam seinem ersten Höhepunkt zu, begleitet von einem Bildersturm auf der Leinwand. Nach einem eher funkigem Mittelstück, tritt der Song in eine rockige Phase ein, in der es textlich wieder um MTV und Pillen geht. Der eingängige Refrain geht mir seit Wochen nicht aus dem Kopf, und so scheint es auch vielen Anderen im Publikum zu gehen, die entzückt mitsingen. Gavin, bei diesem Song überdeutlich zu hören, treibt mit seinem Trommelspiel den Song immer weiter seinem dritten Teil entgegen, in dem es dann wieder etwas sachter zugeht. Wilsons hypnotisierende Stimme lullt uns alle ein und lässt uns gemütlich werden. Auch die geometrischen, sich langsam drehenden Figuren auf der Leinwand haben eine beruhigende Wirkung. Ich bin von der Präsentation des Stückes sehr begeistert und hätte es sicherlich noch viel mehr genießen können, wenn die apokalyptischen Schweinchen vor mir ihre nervtötende Unterhaltung unterlassen hätten.

Um das Publikum aus seiner Narkose herauszuholen, spielt die Band nun „Open Car“ mit seinen ruppigen Anfangsriffs und amerikanisch klingenden, frischen Melodien. Der Song befindet sich auf dem „Deadwing“ Album und hat ausgesprochene Ohrwurmqualitäten. Es wird gefolgt von einem Stück der sphärischen Sparte: „Gravity Eyelids“ aus dem Album „In Absentia“. Ein sehr ruhiges, zerbrechliches Stück, das meine Begleitung an Martin L. Gore erinnert, und leider ein wenig sehr vor sich hindümpelt, bevor es in ein heftiges Gitarrengewitter ausbricht. Und doch versumpft das Stück gegen Ende in endlos dahin gesäuseltes „gravity eyelidsÂ…“. Ich kann mich nicht gegen eine heraufziehende Müdigkeit wehren. Das Gequalme der Schweinchen vor mir brennt mir in den Augen, ich kann mich auch leider nirgendwo anders hinstellen.

Es hilft auch nicht, dass die Band jetzt „Drown With Me“ spielt, einen Song, der es damals nicht auf das „In Absentia“ Album geschafft hat. Der Grund dafür kann sein, dass er doch recht langweilig und monoton daherkommt und – für mich zumindest - keine nennenswerten musikalischen Höhepunkte aufweist. Das gleiche gilt leider für „Sentimental“, das meiner Meinung nach am wenigsten spannende Lied auf dem aktuellen Album. Auf der Leinwand stecken sich wieder reihenweise Kids Pillen in den Mund, ein einsames Mädchen steht auf den Straßen Londons dumm herum und schaut furchtbar traurig aus. Gut, ich glaube, die Botschaft wurde jetzt zur Genüge „heimgehämmert“. Die Kids sind nicht alright.

Meine Gebete werden erhört und „Blackest Eyes“ wird zum Besten gegeben. Knackige, straighte Gitarrenriffs wechseln sich mit schönen Britpop-behauchten Melodien ab. Verschließt man die Ohren vor Textzeilen wie „A few minutes with me inside my van, Should be so beautiful if we can“ (Wilson kann auch andersÂ…), so kann man schön mitwippen und für einen Moment vergessen, dass die Schweinchen nun den Gipfel ihrer Bekifftheit erreicht haben und nicht mehr wissen, wo sie hintreten. Juche! Allerdings, hat man sich kaum warmgewippt, schon kommt das nächste Stück mit sphärischer Planetenmusik und bremst die gute Stimmung. „Half Light“ ist wieder so ein selten gespielter B-Side-Song aus der Deadwing-Ära. Hier muss Live-Gitarrist Wesley sich mit hoch gesungenen Parts zufrieden geben, während Wilson das Publikum mit seiner todtraurigen Stimme in den Schlaf singt (nichts gegen seine Stimme übrigens, normalerweise liebe ich sie!).

Und so rockt sich das recht betagte Stück „Sever“ geschickt an mir vorbei. Wilson hätte gerne gewusst, wie viel aus dem Publikum das Stück gekannt haben, fragt auch den Drummer Gavin, ob er das Stück überhaupt schon mal gehört hat (hehehe) und dann kündigt er den Sprung von einem der ältesten Songs zu einem der neusten an, will heißen, das nächste Stück aus „Fear of a Blank Planet“ wird gespielt: „Way Out of Here“, ein sehr atmosphärischer Titel, mit einer sehr gelungenen Mischung aus herzzerreißenden Melodien und rockigen Einlagen, nach „Anesthetize“ mein zweitliebster Song auf dem Album. Die Videoshow zeigt mal wieder ein etwas verstörtes Kind, diesmal ein Gothic-Mädchen mit verschmiertem Make-up, das einsam Bahnschienen entlangläuft. Das erinnert mich daran, dass ich mich bald auf den Nachhauseweg begeben muss, um noch einen Zug nach Bonn zu erreichen. Außerdem ist die Luft um mich herum unerträglich geworden, eines der apokalyptischen Schweinchen liegt fast auf mir, es ist also höchste Zeit sich zu verabschieden.

Ich verlasse das E-Werk mit gemischten Gefühlen. Endlich habe ich die Band gesehen, die meine Gehörgänge in den letzten Monaten ohne jegliche Gnade okkupiert hat und im Grunde bin ich auch sehr zufrieden mit dem Erlebnis. Ich war aber nicht darauf vorbereitet, dass der Anteil der psychedelischen Songs auf dem Konzert überwiegen wird, außerdem haben – wie man vielleicht aus meinem Bericht herauslesen konnte – ein paar Wenige es geschafft, das reine Konzerterlebnis zu trüben, indem sie sich allein schon mit ihrer physischen Präsenz für Ärgernis gesorgt haben. Na ja, auf meinem nächsten Porcupine Tree Konzert werde ich vorne in der ersten Reihe stehen und auch keine Notizen machen, sondern das Konzert in Schatten des Stachelschweinbaumes – hoffentlich ungetrübt - genießen.

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