Porcupine Tree

The Incident Tour 2009 - Support: Stick Man

02.12.2009 Palladium / Köln

Von: Thomas Welsch

Porcupine Tree Köln

Im Visions-Interview stellte Steven Wilson unlängst fest, dass progressive Musik mittlerweile so populär ist, wie sie es seit den 70er Jahren nicht mehr war. Und als würden seine Fans dies untermauern wollen, ist das Palladium zum Gastspiel von Porcupine Tree ausverkauft. Vor ziemlich genau zwei Jahren an exakt dieser Stelle war die Halle nicht mal zur Hälfte gefüllt. Ich möchte bezweifeln, dass der Grund dieses beachtlichen Interesses an der vermeintlich herausragenden Qualität ihres aktuellen Albums "The Incident" liegt. Vielmehr profitiert die Band, wie von Wilson diagnostiziert, vom Progressive-Revival.

Schon um 19:45 Uhr heißt Gavin Harrison persönlich den Support Act Stick Man herzlich willkommen. Mit Tony Levin steht einer der angesehensten und gefragtesten Bassisten überhaupt auf der Bühne. Heute hat er sich wieder seinen Chapman Stick an den Gürtel geschnallt, mit dem er dank der mindestens zehn Saiten eine unglaubliche Klangbreite erreicht. Die mit Funk-, Klassik-, Jazz- und Rockelementen angereicherte Musik, welche durch das Tapping eine ganz eigene Klangnote erhält, wird mit großem Wohlgefallen aufgenommen. Peter Gabriel weiß, warum er seit Jahren auf das Können Levins zählt. Ein Schwall der Begeisterung geht durch den Raum, als Harrison während eines Songs den Platz an den Drums einnimmt. Ein weiteres Indiz dafür, dass heute nicht wenige im Palladium sind, die vor allem wegen ihm die z.T. weite Anreise nach Köln in Kauf genommen haben.

Es ist kein Geheimnis, dass Porcupine Tree auf dieser Tour die erste Hälfte ihres Sets ausschließlich und am Stück dem ersten Teil ihres neuen Albums "The Incident" widmen. Überzogene Lobhudeleien auf dieses Werk konnte ich bisher nicht nachvollziehen. In dem Bewusstsein seiner schweren Zugänglichkeit, habe ich Stunden um Stunden damit verbracht, es mir zu eigen zu machen. Es ist mir nicht gelungen. Aber heute bin ich guter Dinge, denn vielleicht erschließt sich mir das komplexe Werk live. Eine Männerstimme vom Band, die eindringlich davor warnt, Audioaufnahmen oder Fotos zu machen, dämpft die eigentlich gute Stimmung. Ein bisschen fühlen wir uns wie auf dem Schulhof. Keiner traut sich, sein Handy herauszunehmen und sei es nur, um die Uhrzeit zu erfahren. Schließlich droht der Rausschmiss! Nach dem mehrere Minuten dauernden Intro hat man dann die leise Vermutung, der Heiland selbst könnte die Bühne betreten, womit sich ja auch das restriktive Aufnahmeverbot hätte erklären lassen. Aber es sind dann doch wie angekündigt Wilson und Porcupine Tree.

Nach "The Blind House" schmeichelt der Frontmann den Einheimischen, indem er Köln als die spirituelle Heimat der Band bezeichnet. Der Kölner an sich hört so etwas gerne. Ein besonderes Konzert sei das heutige auch, weil es das letzte auf kontinental-europäischem Boden in einer enorm langen Tour ist. So, nun will er aber nicht viel mehr an Worten verlieren, da der Incident-Songzyklus zu fragmentiert würde. Meine Hoffnung auf Versöhnung mit diesem Konzeptalbum verfliegt schon früh. Die düster-monotone Grundstimmung wird durch verstörende Videoprojektionen verstärkt. "Time Flies" bietet zwar so etwas wie melodische Abwechslung, ist aber zu klischeebeladen, um zu überzeugen. So bleibt also nur das Warten auf Teil zwei des Abends, dem eine exakt 10-minütige Pause vorausgeht. Der Beamer projiziert die auf die Hundertstel genaue Restzeit bis Porcupine Tree wieder auf die Bühne kommen. Wir haben es eben nicht nur in musikalischer Hinsicht mit wahren Präzisionsmonstern zu tun.

Präzise bis an der Rand der Perfektion ist vor allem Harrisons Spiel an den Drums. Dieser Mann spielt in einer eigenen Liga. Hierfür steht "Anesthetize", welches zwar nur ab dem zweiten Part gespielt wird, aber trotz dieser Beschneidung  wunderbar funktioniert, wie kein anderer Song. Der zuvor zu basslastige, aber ordentliche Sound wird spätestens beim intensiven "Lazarus" durch einen vermeintlichen Schaden an einer der Boxen auf der rechten Seite beeinträchtigt. Immerhin bekommen die Fans nun die einzigartigen Melodien geliefert, auf die sie vor der Pause verzichten mussten. Wilson stellt Colin Edwin, der bei seinem Bassspiel wie immer aussieht, als würde er gerade einen Schmusesong von Lionel Richie begleiten und Richard Barbieri als die "Double-Kinskis" vor. Sie tragen T-Shirts des legendären Schauspielers, der von allen Bandmitgliedern als großer Künstler verehrt wird. Das im Zuge des Albums "Fear Of A Blank Planet" aufgenommene, aber nicht in dessen Konzept passende "Normal" hätte den zweiten Part des Konzertes besser beenden sollen. Nun wird "Bonnie The Cat" diese Ehre zuteil. Ich höre einfach weg und freue mich auf die Zugabe, die aus zwei Songs des großartigen, aber im bisherigen Konzertverlaufs komplett vernachlässigten "In Absentia" besteht. Nach "The Sound Of Muzak" und "Trains" sind die meisten Fans entweder restlos begeistert oder zumindest versöhnt. Wilson dankt allen, die ihn auf dieser langen Tour begleitet haben. Neben Fans und Band werden auch die Menschen hinter den Kulissen mit warmen Worten bedacht. So auch der Mann am Soundboard, der sein Geburtstagsständchen direkt aus Barbieris Macbook präsentiert bekommt.

Hält man "The Incident" für ein rundum gelungenes Werk, so war dieser Abend wohl ein gelungener, wenn auch kein herausragender. Den anderen, und ich denke wir sind in der Minderheit, erging es möglicherweise wie mir. So ist das nun mal in der Kunst. Selbst in der eines von vielen so verehrten Steven Wilson.

Setlist:

Occam's Razor
The Blind House
Great Expectations
Kneel And Disconnect
Drawing The Line
The Incident
Your Unpleasant Family
The Yellow Windows Of The Evening Train
Time Flies
Degree Zero Of Liberty
Octane Twisted
The Séance
Circle Of Manias
I Drive The Hearse
---------------
The Start Of Something Beautiful
Russia On Ice
Anesthetize
Lazarus
Way Out Of Here
Normal
Bonnie The Cat
---------------
The Sound Of Muzak
Trains

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