Progressive Promotion Records Festival, Teil 2 - LAZULI / Moongarden / Nemo
Als Kunde von PPR der ersten Stunde – sowohl was Konzerte als auch was CDs betrifft, war es natürlich eine Selbstverständlichkeit für mich, das Festival zum 5-jährigen Bestehen der Firma zu beehren – und zwar an allen drei Tagen. Zu den beiden Randtagen haben sich die Kollegen bereits geäußert; mir fiel es zu, den mittleren Tag des Festivals intensiv zu beobachten.
Im Gegensatz zu den beiden anderen Tagen war das Rind an diesem Abend nicht ausverkauft, allerdings dennoch gut gefüllt.
Los ging es mit Nemo (19:40-20:48). Ich hatte die Band an gleicher Stelle bereits im Vorjahr gesehen - als Support der deutschen Neoprog-Formation Martigan. Insofern wusste ich was mich erwartet – gitarrenlastiger, gerne auch mal rockiger Neoprog mit französischen Lyrics. An diesem Abend spielte die Band jedoch fast ausschließlich Material von ihrem neuesten Album, welches ich noch nicht kannte. Gelegentliche Ethno-Tupfer (z.B. ein Dudelsack, vom Keyboarder gespielt) bereicherten den Sound der Band. Das Publikum, das zu Beginn aus lediglich 80 früh eingetroffenen Festivalbesuchern bestand, sich im Laufe des Auftritts von Nemo aber verdoppelt hatte – war beigeistert und feierte die sympathischen Franzosen ab.
Moongarden (21:18-22:28) kannte ich bis zu diesem Abend noch nicht. Die Band erschien zu einem – mir unbekannten Filmmusik-Intro – komplett mit Wüsten-Tarnhosen bekleidet auf der Bühne, doch dies war wohl eher dem Umstand geschuldet, dass diese Art Kleidung für eine Band auf Tour sehr praktisch ist, denn einem eventuellen militaristischen Hintergrund der Männer aus Italien. Aggressiv war eigentlich nur der Gesang des Frontmanns Simone Baldini Tosi, der bisweilen sehr theatralisch und extrovertiert dargeboten wurde. Der Sänger selbst erinnerte mich optisch dabei an den jungen Tom Jones. Auch diese Band lockerte ihren Sound auf mit einem im Prog eher selten verwendeten Instrument – der Sänger spielte gelegentlich eine Geige. Ich fühlte mich bei diesem Auftritt gut unterhalten; nachhaltig beeindruckt haben mich Moongarden jedoch nicht.
Wäre dies mein erster Kontakt mit Lazuli (23:03-01:13) gewesen, so wäre ich hinterher sicherlich völlig begeistert nach Hause gefahren, so wie einige der anwesenden Festivalbesucher. Ich kannte die Band aus Frankreich allerdings schon etwa seit dem Erscheinen ihres zweiten Albums En Avant Doute von 2006 und hatte sie auch schon einige Male vorher gesehen. Ursprünglich bestanden Lazuli aus 6 Musikern, die ich bisweilen als am skurrilsten behaarte Band meines Konzertlebens beschrieben habe. Einen weiteren Superlativ könnte man allerdings auch für das Instrumentarium der Musiker benutzen. Neben zwei Gitarristen (akustisch und elektrisch) fanden sich dort ebenfalls zwei (sehr variabel ausgestattete) Perkussionisten, ein Warr-Gitarrist sowie ein Léode-Spieler. Dabei handelt es sich um ein einzigartiges Instrument, das für Claude Léonetti angefertigt wurde, nachdem er bei einem Motorradunfall teilweise in einem Arm gelähmt war. Für Kenner sei gesagt, dass es sich quasi um eine Kreuzung aus Chapman-Stick und Midi-Controller handelt, mit der alle möglichen Töne erzeugt und mittels eines elektronischen Griffbrettes verändert werden können. Der aus diesem Lineup resultierende Gesamtsound war definitiv einmalig und eben dieser ließ mich nach meinem ersten Konzertbesuch auch nahezu sprachlos zurück.
Ende 2009 verließen drei der Musiker die Band. Anstatt der beiden Percussion-Spieler und des Warr-Gitarristen stießen ein "normaler" Drummer sowie ein Keyboard-Spieler zur Band. Man muss nicht Musik studiert haben, um (zutreffend) zu vermuten, dass durch diese Veränderungen der Sound der Band sich deutlich dem einer normalen Rockband angenähert hat. (Auch behaarungstechnisch sind die beiden Neulinge eindeutig näher am Mainstream als der Rest der Band und die Musiker, die sie ersetzt haben, aber dies nur nebenbei.)
Allerdings wird immer noch einiges an Abwechslung geboten, wenn Lazuli auf der Bühne stehen. So blies der Keyboarder gleich beim zweiten Stück in ein Waldhorn, oder aber er übernahm bei einem Lied das Schlagzeug, während der Schlagzeuger zum Vibraphon wechselte oder auch mal zur Akustikgitarre griff, während die E-Gitarre bisweilen mit einem Schraubenzieher gespielt wurde. All dies trug zur Unterhaltung des Publikums bei, ebenso wie die traditionell mit starkem Akzent abgelesenen deutschen Ansagen von Dominique Léonetti. Überhaupt merkt man den 5 Männern an, dass es ihnen unheimlichen Spaß macht, genau das zu tun was sie dort tun – und das überträgt sich auch auf das Publikum.
So weit so gut. Vielen der neueren Kompositionen der Band fehlt allerdings meines Erachtens dieses gewisse Etwas, das das Gros der beiden ersten Alben ausgezeichnet hat. Diese älteren Stücke bekommen auch jeweils Szenenapplaus, sobald sie von den ebenfalls anwesenden Fans erkannt wurden.
Der offizielle Set endete nach 90 Minuten. Der Zugabenteil begann mit einem (für die Band eher untypischen) Pianosolo des Keyboarders, das in den Klassiker Cassiopée von En Avant Doute überleitete. Doch damit war noch längst nicht Schluss. Insgesamt drei Zugabenblöcke spielte die Band für das völlig begeisterte Publikum; erst um Viertel nach 1 Uhr morgens war der Set beendet.
Und ja, auch ich war angetan von diesem Auftritt von Lazuli, vielleicht sogar mehr als ich mir selbst eingestehen wollte, aber dennoch bleibt die Erinnerung, dass die gleiche Band in anderer Besetzung mich auch schon völlig begeistert hatte. Eigentlich unfair – vielleicht hätte ein "Neuling" diesen Bericht schreiben sollen.