Tour 2010
Pure Reason Revolution haben nicht nur einen der besten Bandnamen der Welt (dieser ist an Kants "Kritik der reinen Vernunft" angelehnt), sie warten auch mit einem musikalischen Konzept auf, das sie in der Prog-Szene einzigartig macht. Während eine Flut von Bands momentan versucht, Dream Theater und Porcupine Tree zu kopieren (und daran elendig scheitert), gehen PRR mit ihrem bombastischen Elektropoprock eigene experimentelle Wege, die ihnen einen hohen Wiedererkennungswert verschaffen – aber auch oft zu gehobenen Augenbrauen und Unverständnis führen. Zwei Studioalben haben die Briten bereits veröffentlicht ("The Dark Third" und "Amor Vincit Omnia"), das dritte Album "Hammer And Anvil" erscheint Mitte Oktober diesen Jahres und wird bereits sehnsüchtig erwartet.
Obwohl PRR nun schon einige Jahre auf dem Buckel und bereits bei Szenegrößen wie Porcupine Tree und Riverside im Vorprogramm gespielt haben, ist das Gebäude 9 an diesem regnerischen Dienstagabend nicht so gut gefüllt, wie man es sich gewünscht hätte. Allerdings finden sich im Publikum Leute, die lange Wege auf sich genommen haben, um die Band zu sehen, darunter auch ein paar eigens aus Polen angereiste Superfans. Es fällt außerdem positiv auf, dass sich viele junge Leute im Publikum befinden – wo man ja von den üblichen Prog-Events eher ältere Semester gewöhnt ist (nichts gegen die älteren Semester, aber Nachwuchs ist eben sehr wichtig...).
Um halb neun betreten PRR die Bühne und eröffnen den Abend mit den stampfenden Elektrobeats von "Les Malheurs", dem Opener ihres zweiten Albums (für mich allerdings einer ihrer schwächeren Songs). Von Anfang an ist die charismatische (und wunderschöne) Chloё Alper, Mitsängerin, Bassistin und zweite Keyboarderin der Band, der Mittelpunkt der Show. Und während Sänger und Keyboarder Jon hinten in der Ecke ein wenig untergeht, dreht Gitarrist Jamie Willcox heute Abend so richtig auf und zieht alle Register, um das anfangs etwas lahme Publikum zu animieren. Dieses kann sein Glück auch bald nicht mehr fassen, denn mit "Black Mourning" präsentiert die Band einen Song aus dem kommenden Album. Ein sehr rockiges, für PRR-Verhältnisse schnörkelloses Stück, das aber die typischen Chorgesänge und stampfenden Beats enthält. Darauf folgt sofort noch ein neues Stück namens "Valour", das relativ heavy daherkommt und in die Beine geht.
Ein weiteres Highlight an diesem Abend ist das dritte neue Stück "Fight Fire With Fire" (nein, kein Metallica-Cover!), das fast schon in die Industrial-Gefilde abdriftet und sogar ein wenig an Ministry und Co. erinnert. Verzerrte Gitarren und aggressiver Gesang von Chloё, kaum Melodie, dafür kraftvolle Drums und viel Krach. Ein sehr genialer Song, der Lust auf das neue Album macht! Auch ansonsten ist die Songauswahl an diesem Abend sehr gelungen. Neben zwei weiteren neuen Nummern ("Last Man, Last Stand" und "Patriarch") gibt es den elegischen Song "The Twyncyn" mit den gespenstisch-einlullenden Chören, das rockig-erfrischende "AVO" und zum Schluss zwei ziemlich abgefahrene Versionen von "Ambassadors" und "Arrival/The Intention Craft".
Alles in allem ein sehr schönes Konzert mit PRR, eine leider etwas zu kurze, aber coole Show mit einem erfreulichen Ausblick auf das kommende Album der Band. Wem das letzte Album der Band etwas zu einfallslos war (mir zum Beispiel...) wird sich darüber freuen können, dass PRR wieder da sind: mit der Wucht, die sie schon auf ihrem Erstling spüren ließen – vielleicht ein wenig düsterer. Aber das passt ja zur Jahreszeit...
Setlist:
Les Malheurs
Black Mourning
Valour
Twyncyn
Last Man, Last Stand
Deus
Patriarch
Fight Fire
AVO
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Ambassadors
Arrival/The Intention Craft