Raumarock Festival 2005
Finnland – Land der Tausend Seen. Der Name lässt es erahnen, Seen gibt’s dort wie Sand am Meer, und jede Menge Bäume auch. Aber nicht nur das: auch die Mehrheit meiner Lieblingsbands kommt von dort, also ist es wenig verwunderlich, dass es mich immer wieder zu Konzerten dorthin zieht. Diesmal unter anderem zu einem kleinen Abstecher in die westfinnische Kleinstadt Rauma, wo wie jedes Jahr seit nunmehr 7 Jahren das Raumanmeren Juhannus Festival lockte. Mit 99.000 verkauften Tickets ist es das größte Sommerfestival in Finnland, und diese Zahl ist ganz schön beachtlich, wenn man mal einen Blick auf die eigentliche Einwohnerzahl Finnlands wirft (5,2 Mio), und dann noch davon ausgeht, dass internationales Publikum doch eher nur spärlich vertreten ist. Das Festival wird von heimischen Künstlern geprägt und von Top Band über Nachwuchskünstler, Alternative Band und DJ ist eigentlich für jeden Finnland-Musikfreund etwas dabei. Leider hat es für uns diesmal nur zu einem Tag dieses dreitägigen Festivals gereicht, und da haben wir uns mal eben den Samstag rausgepickt, dessen Highlight zumindest für mich und meine Begleitung Negative sein sollten. Aber der Reihe nach…
Wir kamen am Samstag Nachmittag in Rauma an und hingen erstmal in einer enormen, unbeweglichen Blechlawine fest, um unser Auto irgendwie loszuwerden. Nach einigem vor und zurück ergatterten wir doch noch einen zugegebenermaßen recht zweifelhaften Platz in der Nähe des Festivalgeländes, um dann schon wieder auf die nächste Schlange an den Main Gates zu treffen. Wir schafften es gerade noch so zur Main Stage, bevor KWAN die Bühne betraten. Die Rapper aus der Dynasty-Fraktion, die von The Rasmus-Gitarristen Pauli Rantasalmi produziert werden, legten dann mit Black Lotus aus ihrem neuen Album Love Beyond This World auch gleich richtig los. Die Stücke des neuesten Kwan-Werkes bewegen sich scheinbar doch langsam fort vom bislang dominierendem Hip-Hop-Einfluss und sind eher geprägt von starken Melodien. Es folgten weitere Songs vom neuen Album, wie Twang, Decadence Of The Heart, und die Nr.1-Single Unconditional Love durfte da natürlich nicht fehlen. Altes Material kam auch nicht zu kurz, mit unter anderem Shine und Padam – den Klassikern der ersten beiden Alben. Trotz Auftritt in den eher frühen Festivalstunden gelang es der Band problemlos, die Zuschauer mitzureißen und auch ich selbst war recht begeistert von meinem ersten Live-Encounter mit Kwan.
Nach dem Auftritt ging’s dann erst mal zur obligatorischen Inspektion des Festivalgeländes. Das Gelände selbst ist riesig und idyllisch gelegen am Otanlahti Strand in der Nähe des Stadtzentrums. Beach Party Style in etwas größerer Ausführung halt. Die Main Stage im hinteren Bereich bietet theoretisch jede Menge Platz; desweiteren gibt es auf dem Gelände noch eine kleinere Bühne, sowie eine Karaokebühne, verschiedene Clubs, wie z.B. die Ibiza-Style Disco Macarena Beach, die Dance Factory oder das R’n’B Café. Dazu noch eine Bluesbühne und nicht zu vergessen auch einen Stripclub. Dies, und der doch etwas übermäßige Alkoholkonsum der meisten Festivalbesucher erklärt dann wohl auch die Notwendigkeit der Altersgrenze von 18 Jahren. Speis und Trank gibt es zu für finnische Verhältnisse recht moderaten Preisen und in großer Auswahl, und wem das noch nicht reicht kann sich auch mit anderen Aktivitäten, z.B. Bungeejumping vergnügen. Bei sonnigen 23 Grad konnte man natürlich auch baden, obwohl ich sagen muss, das der an sich sehr schöne Strand “verziert” mit zahlreichen Alkoholleichen und Papptellern dann doch nicht so zum Baden einlud (Mülltonnen waren leider sehr schwer auffindbar).
Da die folgenden Bands nicht so ganz so unseren Geschmack trafen, wurde dann erst einmal das Auto aus dem vermeintlichen Parkverbot gerettet, ins Hotel eingecheckt und etwas festivaltaugliches angezogen, bevor es zu Fuß zurück zum Festivalgelände ging, da uns der Sinn nicht mehr nach Schlange und Parkplatzsuche stand. Erst nochmal schnell zur Sue Stage gehüpft, um einen kurzen Blick auf ELÄKELÄISET zu werfen, die zu recht seltsam dargebotenen Klängen im Humppa Style so ziemlich jeden Finnen am Rande der Alkoholvergiftung wieder für eine Weile zum Leben erwecken konnten.
Dann wurde es auch schon Zeit für APULANTA, die mittlerweile ihren zehnten Silberling draußen haben (Live, Best Of und Single Collections mal nicht mit gerechnet). Zu diesem Zeitpunkt war eine Bewegung weder nach vorn noch nach hinten im Bereich der Main Stage kaum möglich. Recht verwunderlich, dachten wir doch noch am Nachmittag, dass es eigentlich genügend Platz gab, aber der Zustand der meisten Festivalbesucher machte es nicht unbedingt einfach, sich fortzubewegen. Die meisten boten mittlerweile doch schon eine recht gute Impression vom Schiefen Turm von Pisa und als wahrscheinlich einzigem Besucher mit Cola (pur) im Getränkebecher kam es einem eher so vor, als würde man durch ein Feld voller Zombies laufen – mal den Bewegungsabläufen und Gesichtsausdrucken nach zu urteilen. Also hieß es dann Apulanta vom Mischpult aus verfolgen, was jetzt auch nicht so schlimm war, denn mithüpfen kann man ja schließlich überall. Die Punkrocker aus Heinola sind ja dafür bekannt, bei jeder Tour ein anderes Bühnenthema inklusive Verkleidung zu haben, und nach den Ritterburgen von 2003 und dem eher gruftigen Style im letzten Jahr war es eher eine Freude, die Jungs mal wieder als sich selbst auf der Bühne zu sehen. Der Opener Mitä Kuuluu ging dann auch erstmal runter wie Öl. Apulanta sind eine Liveband wie aus dem Bilderbuch und Klassiker wie Viivakoodit, 0010, Teit Meistä Kauniin und Anna Mulle Piiskaa brachten dann auch jeden noch so besoffenen Finnen zum Springen, genau wie Songs der neuesten Scheibe Kiila, allem voran die Hitsingle Pahempi Toistaan und das bislang nur auf EP erschienene Vasten Mun Kasvojani. Die Band um Sänger Toni Wirtanen sind ja bei fast jedem finnischen Festival dabei – wer also die Gelegenheit hat sollte sie sich definitive anschauen. Es lohnt sich auf jedem Fall, ganz egal ob man nun finnisch kann oder nicht…
Da selbst die randvollsten Finnen ja nicht ohne Nachfüll leben können, wurde es nach Apulanta dann auch relativ leer vor der Main Stage. Sehr zu unserer Freude, da wir deshalb ohne Probleme bereits einen Top Spot in der ersten Reihe ergattert hatten, als die Rockveteranen von DINGO die Bühne betraten. Deren erstes Album Nimeni On Dingo ist auch schon etwas über 20 Jährchen her, aber trotzdem sind sie beim Publikum aller Altersklassen extrem populär. Speziell am Ende des Sets, als die frühen Hits wie Levoton Tuhkimo und Autiotalo gespielt wurden, gings dann richtig zur Sache und das Publikum sang die kompletten Songs so laut, dass Sänger Neuman sich schon mal eine kleine Gesangspause gönnen konnte.
Eigentlich hätte ich dann ja gerne die finnische Alternative Band DIVE gesehen (nicht zu verwechseln mit den belgischen Industrial-Projekt der 90er), aber leider war der Alternative Club nicht auf dem Festivalgelände, sondern im Hotel Raumanlinna, und somit etwas zu weit entfernt. Also musste die Entscheidung getroffen werden: Dive oder erste Reihe bei Negative. So ist das halt bei Festivals, irgendwas überschneidet sich immer. Aber da Negative ja ganz oben auf unserer Wunschliste standen, war die Entscheidung dann auch nicht ganz so schwer und so blieben wir auf unseren “Logenplätzen”, während das traditionelle Mittsommerfeuer gezündet wurde.
Danach ging’s dann erstmal weiter mit den ebenso betagten Herren von YÖ, die ironischerweise in einer “nachtlosen” Nacht spielten (yö ist finnisch für Nacht, nur sowas gibt es ja zu Mittsommer oben im Norden gar nicht so richtig). Auch sie zogen Musikfreunde jeden Alters in den Bann und es wurde wieder kräftig mitgesungen.
Um 2.15 (Guten Morgen auch!) wurde es dann endlich Zeit für NEGATIVE. Und diese Jungs wissen trotz ihrer jungen Jahre ganz einfach wie man eine gutes Show macht. Speziell Sänger Jonne, anfangs noch bekleidet mit Stringtop und Jacke, und Gitarrist Christus, in leuchtendem Pink, sind die geborenen Poser und lassen selbst das Herz eines jeden Hobbyfotografen höher schlagen. Die Rockformation aus Tampere eröffnete mit L.A. Feeding Fire, und mit In My Heaven, Frozen To Lose It All und Until You’re Mine folgten weitere Highlights ihres zweiten Albums Sweet & Deceitful, welches in Finnland fast schon wieder “alt” ist, wogegen es in Deutschland erst letzten Monat veröffentlicht wurde. Auch der erste Longplayer War Of Love kam nicht zu kurz und die Fans konnten zu den etwas rockigeren Tracks wie Naive, Misery und Bleeding mitrocken, und mit Still Alive gab es dann auch etwas zum verschnaufen und Jonne-anhimmeln. Den krönenden Abschluss bildete Goodbye, jedoch nicht von der Band selbst gesungen sondern mit weiblicher Stimme vom Tape. Dazu präsentierten sich die Jungs allerdings wie gewohnt den Fans zur Verbeugung, diesmal jedoch nicht nur von vorne, sondern auch von hinten… Auf Kommando ließen alle 6 ihre Beinbekleidung nach unten und präsentierten uns ihre nackten Hinterteile, auf denen in großen, schwarzen Buchstaben NEGATIVE zu lesen war! Wie schon gesagt, diese Jungs lieben es zu posen *grins* Ein paar mehr Songs hätten es dann allerdings doch schon sein können; eine Stunde war einfach viiiel zu kurz.
Erschöpft und mit einigen blauen Flecken, aber dennoch voll im Gig-High, ging’s dann ab ins bequeme Hotelbett. Gott sei Dank, denn Zelten ist doch nicht ganz so mein Ding. An Taxi war nicht zu denken, also machte man sich wieder zu Fuß auf den etwa halbstündigen Weg, hier und da begleitet von singenden und gröhlenden Finnen.
Alles in allem ist das Mittsommer-Festival in Rauma ein super Event für alle, die von finnischer Musik nicht genug bekommen können. Es war nur etwas schade das für die Mehrzahl der Besucher das Trinken anscheinend vor der Musik stand. Mitgefeiert haben sie zwar alle ohne Ende; ich bezweifle aber, dass sich die meisten noch genau an einzelne Gigs erinnern können. Und dann noch ein kleiner Tipp: vielleicht doch lieber das Auto stehen lassen und den Zug nehmen. Auf nüchterne Personen können Massen von stockbesoffenen Finnen schon ziemlich irritierend wirken, aber mit ein paar dezent dosierten Bierchen klappt das bestimmt auch besser mit den Finnen…