6. Reeperbahn Festival - 22.-24.09.2011
Das sechste Reeperbahn Festival mit Musik von Indie, Rock, Folk, über Singer‐Songwriter, Pop, Elektro, bis hin zu Jazz, Soul, Hip‐Hop, findet wie jedes Jahr Ende September in Hamburg statt und avanciert auf internationaler Ebene inzwischen nicht nur auf dem musikalischen Sektor zu einem einzigartigen Club-Festival seiner Art. Vorbild war von Beginn an das weltberühmte South By Southwest-Festival (SXSW) in Texas/USA, welches erstmals schon 1987 in Austin stattfand. Das Konzept des Festivals basiert auf drei Säulen: Music, Campus und Arts, und bietet jungen, noch relativ unbekannten Musikern, als auch Künstlern der Bildenden Kunst, Street Art, Literatur und des Films, die perfekte Möglichkeit sich in der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Hierbei stellt Europas größte Poster-Convention, die Flatstock Europe, nach wie vor die Basis aller Kunstaktivitäten dar. Mit dem Reeperbahn Campus öffnet sich den Fachvertretern des Musikbusiness (Musik- und Live Entertainment Branche) eine innovative und interaktive Kommunikationsplattform mit Vorträgen, Workshops, Meetings, Konferenzen, Showcases etc., die sich zunehmend an internationaler Resonanz erfreut und in diesem Jahr mit rund 1.900 Fach- und Medienvertretern einen wahren Rekord zu verzeichnen hat.
Dass das Reeperbahn Festival für neue, internationale Musik steht, dürfte inzwischen jedem Musikinteressiertem bekannt sein. Mit 210 Bands und Solokünstlern aus 25 Ländern, die rund 40 Venues rund um die Reeperbahn bespielen, hat es in diesem Jahr insgesamt 17.500 internationale Besucher angelockt. Vor allem die geschichtsträchtige Kulisse der Hansestadt mit ihren besonderen Locations rund um den Hafen (Clubs, Bars, Theater, der St. Pauli Kirche, der Bankfiliale, der Table-Dance-Bar, der Barkasse MS Hedi etc.) und natürlich die weltbekannte Amüsiermeile Reeperbahn selbst dürften die örtliche Besonderheit jedoch deutlich von ähnlichen Club-Festivals abheben. Diese nahezu perfekten Rahmenbedingungen machen den Musikstandort Hamburg offensichtlich auch für die Medien wieder deutlich attraktiver, so bringen neben dem NDR und dem WDR Rockpalast auch internationale TV-Sender und Radiostationen viele Mitschnitte und Live-/ Stream- Übertragungen vom diesjährigen Reeperbahn Festival.
Tag 1 mit The Tellers, French Films, Martin and James, Miss Li, Team Me, Fuck Art Let´s Dance u.v.a.
Der erste Festivaltag war erstaunlicherweise bereits in der laufenden Woche im Vorwege ausverkauft, so dass am Donnerstag nur noch wenige Restkarten direkt an den Ticketcountern zum Verkauf standen. Auch für Samstag und Sonntag waren die Karten bereits knapp. Nach einem Arbeitstag voller Vorfreude beginnt für mich der erste Festivaltag zunächst auf dem Spielbudenplatz, da ich es leider nicht rechtzeitig zu Ray´s Reeperbahn Revue schaffen konnte, die sich mittlerweile ja zu einem der Highlights des Festivals entwickelt hat.
Während es hier bei herrlichstem Sonnenschein gegen 18:00 Uhr noch etwas "verschlafen" zugeht, sich die Bands ganz sichtlich noch selbst rund um den Spielbudenplatz orientieren und ihre Venues aufsuchen, werden hier und da schon Vans mit Equipment entladen. Ich erkunde zu Beginn schon einmal die Campus Lounge, wo Fachbesucher und Journalisten der Musikbranche nicht nur die Möglichkeit haben, in etwas eingegrenztem Rahmen fachliche Kontakte zu pflegen, sondern auch den Internetanschluss und die Blogger Lounge nutzen können, um die Berichterstattung zu vereinfachen. Ein abgetrennter Außenbereich und eine Bar im Innenbereich gestalten das Umfeld sehr angenehm für alle Reeperbahn Campus Teilnehmer. Ich ziehe es aber vor, bei dem herrlichen Wetter lieber draußen Festivalatmosphäre zu schnuppern, wo man unter anderem auch interessante Leute wie den Hamburger Audiolith Labelgründer Lars Lewerenz, dessen Bands am Samstag in der Großen Freiheit zu sehen sein werden oder den sympathischen Betreiber des Hamburger Labels DevilDuck Records Jörg Tresp antreffen kann, der am Freitag in der Prinzenbar seine Bands präsentieren wird.
An der Bühne Spielbudenplatz Ost gibt es täglich spontane Akustik-Sessions im eher gemütlichen Rahmen, hier macht gerade die sonnenbebrillte kanadische Band Ian Kelly ihren Soundcheck, die im Rahmen des Canada House ihr reguläres Konzert jedoch erst am Freitag im Kukuun spielen wird. Da das Reeperbahnfestival von N-Joy präsentiert wird gibt es dieses Jahr den Reeper-Bus, ein ausgebauter Doppeldeckerbus, an dem täglich verschiedene Künstler mit einem Song Appetit auf ihren am selben Tag bevorstehenden Auftritt machen und im Anschluss auf der Rückbank auch noch Kurzinterviews geben, die hier angesehen werden können. Glücklicherweise erwische ich den Akustik-Gig der schwedischen Newcomerin Miss Li (DevilDuck Records), die mich mit einer wundervollen unplugged Version von "Bourgeois Shangri-La" hervorragend auf den kommenden Festivaltag einstimmt und auch gleich im offiziellen Reeperbahn Festival Trailer 2011 mit aufgenommen wird.
Mein erstes Konzert schaue ich mir in der sich rasch füllenden kultigen Prinzenbar an, wo The Tellers (20:00 Uhr Prinzenbar) den ersten Festivaltag eröffnen. Heute war es extrem schwer sich zu entscheiden, denn um diese Uhrzeit hätte ich mir gerne noch vier andere Konzerte angesehen (Dog Is Dead, Josh Ottum, Sean Riley & The Slowriders und Brasstronaut). Wer hier ein Konzert sehen möchte, muss wirklich rechtzeitig da sein, denn schon oft stand ich in vergangenen Jahren wegen Überfüllung der Location vor verschlossenen Türen. Die junge Band aus Belgien hat letztes Jahr ihr zweites Album "Close The Evil Eye" auf dem Markt gebracht und bietet frischen, wenn auch live noch etwas ungeschliffen wirkenden Indie-Rock der durchaus auch Einflüsse von Folk aufweist. Mit ihren fröhlichen Rock-Pop Rhythmen und der surfstyle Stimme von Sänger Ben Bailleux-Beynon verleiten sie das Publikum von Beginn an zum Mitwippen, kein Wunder also, dass ihre Songs es schon in diverse Werbefilme wie z.B. von Canon geschafft haben.
Gerne hätte ich mir das ganze Konzert angehört, jedoch will ich auf jeden Fall zu Martin and James (20:00 Uhr Schmidts Tivoli), um pünktlich zu dem wohl bekanntesten Song der Schotten aus Glasgow "Wrong Directions" im Schmidts Tivoli zu sein. Das Quartett um die Frontmänner Martin Kelly und James O’Neill verzückt mit seiner zweistimmigen Akustik-Performance das Publikum im vollbesetzten Theater und scheint davon selbst ganz beeindruckt zu sein. Ihre kleinen Ansprachen mit dem typisch schottischen Akzent unterstreichen die Intimität dieses Konzerts und ziehen die Sympathien der Zuschauer sofort auf ihre Seite. Ihre sanften Pop-Melodien überzeugen vor allem durch die Gesamtharmonie und die hervorragend zweistimmig gesungenen Songs. Sie erkennen hier sogar Leute wieder, die sie in ihren anderen Shows in Hamburg schon gesehen hatten, insofern freuen wir uns, dass sie mit ihren "Songs zum Träumen" bestimmt bald wieder in Hamburg zu hören sein werden.
Im Anschluss führt mich der Weg in den allseits beliebten Musikclub Molotow, der stets die Bühne für innovative Newcomerbands öffnet, und wo schon die ein oder andere steile Karriere von Musikern in Deutschland begann, wie z.B. die von Billy Talent 2003. Im jetzt proppenvollen Kellerclub sind die Finnen von French Films (21:15 Uhr Molotow) dran, die nach ihrer Gründung im letzten Jahr erst einen Tag vor dem Festival ihr Debütalbum "Golden Sea" herausgebracht haben. Heute spielt die frischgebackene fünfköpfige Band zum allerersten Mal in Hamburg. Ihr Bandname verweist nur nebenbei auf die Melancholie französischer Filme, die auch in ihrer Musik zum Ausdruck gebracht wird. Sie greifen den unverkennbaren Sound von Bands wie The Cure, The Smiths und Joy Division auf, die Songs sind dabei aber nicht immer unbedingt nur trauriger Natur. Die tanzbaren, teils sogar treibenden Rhythmen lassen den Funken zum Publikum von Song zu Song immer mehr überspringen. Leider geht meines Erachtens der Gesang, vor allem die Stimme des Frontmanns Johannes, etwas unter, jedoch gleicht die stimmliche Unterstützung von Antti, Mikael und Joni dies wiederum ein wenig aus. Nur selten haben die Bands auf Festivals eben Zeit für einen ausgiebigen Soundcheck, so kann man folglich auch keine Studioalbumqualität erwarten. Drummer Antti gibt jedenfalls alles, seine Drumsounds prägen im Wesentlichen den flotten Stil ihrer Songs, und auch Keyboarder Santtu haut so in die Tasten, dass sein Keyboard gegen Ende des Konzerts auf dem Bühnenboden landet. Komplett durchgeschwitzt beenden die fünf erschöpft ihr Konzert, das vom Tanzen ebenfalls aufgeheizte Publikum verabschiedet sie schließlich mit begeistertem Applaus.
Weiter geht es ins Docks zu der bezaubernden Schwedin Linda Carlsson, die in ihrem Heimatland unter dem Namen Miss Li (21:30 Uhr Docks) schon seit längerem sehr erfolgreich ist und auf dem Hamburger Label DevilDuck Records gesigned ist. Erst kürzlich trat sie bei einem kurzen aber großartigen Instore-Gig im Rahmen der Veröffentlichung ihres aktuellen Albums "Beats & Bruises" in der Hanseplatte mit Gitarrist und Lebensgefährte Sonny Boy Gustafsson auf und zog damit viele neue Fans in ihren Bann. Das Docks ist heute tatsächlich fast voll, wer hätte das gedacht! Die hierzulande noch als Geheimtipp geltende Newcomerin mit der Powerstimme spielt mit ihrer sechsköpfigen Band ein kraftvolles Konzert mit einem Popmix aus Elementen verschiedenster Musikstile wie Rag Time, Chanson, Jazz, Blues etc., welches das gesamte Publikum in wahre Begeisterung versetzt. Wer die schwedische Band bis jetzt noch nicht kannte, ist förmlich überwältigt von dem ausgefeilten Sound ihrer fein aufeinander abgestimmten Instrumente in Form von prägenden Pianomelodien, Akustikbass, Saxophon, Xylophon, Schellen u.a. in Verbindung mit ihrer außergewöhnlich klingenden, voluminösen Stimme. Natürlich präsentiert uns Miss Li Ohrwürmer wie "Oh Boy" oder "Hit It", aber auch ernste und denkwürdige Titel wie den Opener ihres aktuellen Albums "Devil´s Taken Her Man", sowie richtige Powersongs wie "You Could Have It", bei dem hier im Docks keiner mehr still stehen kann. Die Bühnenpräsenz der Band ist einfach fantastisch und mitreißend, Miss Li gelingt es auf diese Weise ausgesprochen gut, Musik "die Spaß macht" zu vermitteln, was man dem bestens gelaunten Publikum wirklich auch ansieht, auch wenn es in ihren Texten teilweise um recht kritische Themen geht. Überraschenderweise kommen sie tatsächlich noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne zurück und beenden schließlich mit dem Mitsingtitel "Ba Ba Ba" ihr wirklich atemberaubendes Set, welches bei den Zuschauern wiederholt enthusiastischen Applaus und nicht enden wollende Jubelrufe auslöst. Mit dem heutigen Konzert dürfte sie sich wohl endgültig in das Herz der Hamburger Musikszene gespielt haben!
Nach diesem wundervollen Konzert hat man schon ein wenig den Eindruck, dass der Festivaltag aus musikalischer Sicht nicht mehr getoppt werden kann. Um dies herauszufinden, mache ich mich direkt auf Weg zu den weiteren Konzerten meines persönlichen Timetables und lege auf dem Weg ins Molotow noch kurz oben in der Molotow Bar, die bei den vielen Zuschauern schon wieder aus allen Nähten zu platzen droht, bei der französischen Punk-Pop Band Plus Guest (23:00 Uhr Molotow Bar) einen Stopp ein. Das Quartett aus Strasbourg heizt sich von Anfang an selbst schon einmal ganz ordentlich ein, denn zu ihrem punkig-rockigen Sound gehören eben auch entsprechende Rockerallüren, die Sänger Julien Louis Paul schon das ein oder andere Mal von der kleinen Podestbühne herunterstolpern lässt. Drummer Jules drischt auf sein Schlagzeug ein, die Snare knallt und die Becken scheppern, mitunter wirkt der Sound wesentlich punkiger und krachiger als ich es im Vorwege erwartet hatte.
Insofern entscheide ich mich schon nach kurzem Zuhören dazu, rechtzeitig runter ins Molotow zu gehen, wo ich das für heute fahrplanmäßig letzte Konzert der norwegischen Indie-Pop Band Team Me (23:45 Uhr Molotow) ansehen möchte. Während noch der Soundcheck läuft, nutze ich die Pause für ein erfrischendes Ratsherren Bier, welches hier im Molotow zum sympathischen Festivalpreis von 2,60€ zu bekommen ist. Auf der Bühne ist bereits eine breite Wand von drei Keyboards aufgebaut, die mich durchaus etwas neugierig auf den live Sound machen. Meine Erwartungen sollen nicht enttäuscht werden, denn das skandinavische Sextett aus Oslo stellt sein musikalisches Können mit warmen Indie-Pop-Klängen außer Frage. Intelligent arrangierte feine Melodien mit mehrstimmigen Gesangseinlagen, ausgewählten Instrumenten (z.B. mit Geigenbogen auf E-Gitarre, zusätzliche Floortom) und ausgewogenen Kompositionen erinnern mich als Arcade Fire Fan sehr an deren leidenschaftliche Musik und haben mich im Nu geradezu verzaubert. Die Kombination aus teils sphärischen Klängen mit bis zu sechsstimmigem Gesang und zusätzlichen Floortom-Drumfiguren, die in den ruhigeren Parts einen starken Kontrast erzeugen, sorgt dafür, dass ihre Melodien nie langweilig werden. Die Mimik und Gestik der Musiker verdeutlicht ihre ausgeprägte Leidenschaft zur Musik, was sich auch in der Begeisterung des Publikums widerspiegelt. Team Me liefert hier ein außergewöhnlich schönes Konzert ab und nimmt mit Sicherheit wieder einige Hundert neue Fans im Gepäck mit nach Hause. Bedauerlicherweise ist ihr Debütalbum noch immer nicht veröffentlicht, also hoffen wir mal darauf, dass es schon bald in den deutschen Plattenläden erhältlich sein wird.
Nach dem superschönen Konzert hätte ich eigentlich auch den Festivaltag ausklingen lassen können, jedoch spielt oben in der Bar noch Fuck Art Let´s Dance (00:15 Uhr Molotow Bar) die ganz kurzfristig wegen des Ausfalls von The Echo Vamper ins Line Up aufgenommen worden sind, obwohl sie gerade erst letztes Jahr auf dem Reeperbahnfestival mit dabei waren. Das junge Hamburger Trio bestehend aus Nico Cham (Gesang/Gitarre), Romeo Sfendules (Gitarre) und Tim Hansen (Schlagzeug) überzeugten schon auf dem diesjährigen Dockville Festival mit ihren extrem tanzbaren und treibenden Indie-Rock-Rhythmen im Stil von Two Door Cinema Club. Ihre Musik wirkt wie ein Herzschrittmacher, die pulsierende Rhythmik der Drums geht durch den Körper und regt jeden in der völlig überfüllten Molotow Bar zum Mittanzen an. Die Mischung aus elektronischen Beats, atmosphärischen Gitarren und melancholischen Gesangslinien schlägt beim Zuhörer wie ein Blitz ein, ob "Encore" oder auch "Déjà-Vu", sie hauen einen tanzbaren Song nach dem anderen raus und begeistern durchweg das gesamte Publikum. Die sympathischen Jungs weisen noch auf die Veröffentlichung ihres Debütalbum "The Conquerer" hin, welches Anfang Oktober bei dem Hamburger Label Audiolith erscheinen wird und beenden ihren Auftritt (nach einer Zugabe) als letztes Konzert dieses ersten Festivaltages um 01:15 Uhr mit heftigem Applaus.
Gerne hätte ich mir auch noch Friska Viljor, Gabby Young oder auch Tim Bendzko angeschaut, aber entweder muss man sich bei der Vielzahl der tollen Konzertangebote auf dem Reeperbahn Festival physisch teilen oder eben einfach entscheiden. Hinter mir lasse ich einen hervorragenden Konzerttag mit vielen neuen Eindrücken und Anregungen, so dass ich den zweiten Festivaltag eigentlich kaum erwarten kann.
Tag 2 mit Eastern Conference Champions, Moon Duo, Bazzookas, Scams, The Rifles u.v.a.
Der Freitag startet wie vorhergesagt mit herrlichem Sonnenschein, so steht einem weiteren traumhaften Festivaltag nichts mehr im Wege. Für alle Frühaufsteher oder Musik- und Kunsthungrige gibt es in diesem Jahr schon ab 14:00 Uhr einige Showcases im Kukuun sowie diverse Unplugged Sessions ab 16:00 Uhr auf der Bühne Spielbudenplatz Ost. Auch das Arts Programm bietet tagsüber unzählige Möglichkeiten, wie z.B. ein Besuch beim Comicfestival, der Millerntor Gallery inszeniert von Viva con Agua, einer Lesung oder bei Kurzfilmvorführungen über Musik im Projektor. Für die Reeperbahn Campus Besucher gibt es auch heute wieder ein umfangreiches Programm mit Veranstaltungen rund um das Musikbusiness. Auf dem Spielbudenplatz bilden sich an den Ticketcountern bereits lange Schlangen, nach dem ausverkauften Donnerstag und bei diesem großartigen Wetter ist das allerdings kein Wunder.
Mein Highlight des heutigen Tages ist definitiv das Konzert des amerikanischen Trios Eastern Conference Champions – kurz ECC (19:30 Uhr Molotow). Schon seit der Veröffentlichung ihres neuen Albums "Speak-Ahh" (wir berichteten hier) kann ich es kaum erwarten, sie endlich einmal live zu erleben. Die sympathische Band um Frontmann Joshua Ostrander ist in Amerika schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr, hier in Hamburg spielen sie allerdings heute ihr erstes Konzert. Ihre Musik beschreibt man am besten als melodischen Indie-Rock, der in seiner melancholischen Ausrichtung auch manchmal auch etwas schwermütig wirken kann. Sie eröffnen ihr Set mit einem ihrer rockigeren Songs "Bull In The Wild", und ich muss sagen, dass ihr Sound live noch wesentlich frischer und knackiger wirkt als in der Studioaufnahme. Die äußerst prägnante Stimme Ostranders verbunden mit dem breiten Gitarrensound und den stets präsenten Drums in ihrer Gesamtheit wirken herrlich "rund" auf mich. Natürlich spielen ECC den Ohrwurm "Hurricane", "Attika" und "A Million Miles An Hour" von dem Soundtrack des Vampir-Films "Twilight". Das Publikum im überfüllten Molotow ist durchweg begeistert, und sie verkünden uns stolz, dass dies ihre erste ausverkaufte Show überhaupt ist. Ein tolles Konzert, was nicht unter meinen hohen Erwartungen geblieben ist!
Die äußerst sympathische Band nimmt sich sogar noch Zeit für einen kleinen Klönschnack im Anschluss und so bleibe ich direkt noch zu dem kalifornischen Duo Ripley Johnson (Wooden Shjips) und Sanae Yamada, die als Moon Duo (20:45 Uhr Molotow) heute live ihre minimalistisch düsteren Trashmelodien zum Besten geben. Leicht monoton verzerrte Synthiemelodien werden mit eigenwillig scheddernden Gitarrenriffs und Drums aus dem Computer zusammengesteuert und wirken auf mich zu psychedelisch und auch ein wenig belanglos.
Weiter geht´s also zu The Get Up Kids (21:15 Uhr Docks) ins Docks. Unweigerlich kommt man vorher an dem Ska Bus der verrückten Holländer Bazzookas (20:00 Uhr Spielbudenplatz) vorbei, welcher schon von weitem aus hörbar ist. Die lustige achtköpfige Kapelle bringt mit Bläsern, Gitarren und einem Schlagzeug den ganzen Bus zum Schwanken und die Menge zum Jubeln und Tanzen. Gute Laune wird hier groß geschrieben und der Spaß an der Musik wird sozusagen garantiert. Die Musik der fünfköpfigen US-Band The Get Up Kids brachte schon Anfang der 90-er Jahre verstärkt Emotionen in ihre rockigen Pop-Punk Sounds ein, ähnlich wie man es von Blink 182 kennt. Sie blicken immerhin schon auf 15 Jahre Bandgeschichte zurück. Ihr frech-punkiger Sound – mal mehr und mal weniger mit einer leichten Indienote - aus knackigen Drums, charakteristischen Gitarrenriffs und ihren allseits beliebten emotional herausbrechenden Refrains, wirkt nach wie vor topaktuell, wobei das Publikum verwunderlicherweise einen eher verhaltenen Eindruck macht.
Ich habe jedoch nicht den Eindruck hier etwas Großartiges zu verpassen und ziehe es vor, rechtzeitig bei Scams (21:45 Uhr Prinzenbar) zu erscheinen, die im Rahmen der heutigen Label Nacht von DevilDuck Records spielen. Das 2008 gegründete junge Quartett aus Leeds hat schon vor zwei Jahren unter anderem Namen in Austin/Texas beim legendären SXSW Festival auf sich aufmerksam gemacht und inzwischen ihr Debütalbum "Rewrite Fiction" herausgebracht. Ihre unterschiedlichen musikalischen Wurzeln zeigen sich sehr deutlich in ihrem abwechslungsreichen Songrepertoire. Statt abgenutztem Standard-Indie bringen sie mit jeden Song andere Einflüsse zu Tage, auch wenn man manchmal meint, ein wenig Ähnlichkeit mit Vampire Weekend oder auch Bloc Party herauszuhören, wird im nächsten Moment der Song dann doch wieder rockiger oder auch poppiger und schlägt eine andere Richtung ein. Erfrischend variationsreicher Indierock, der sich in keine Schublade pressen lässt, fasziniert das gesamte Publikum, es tanzt, klatscht fleißig mit und ist durchweg hingerissen von der energiegeladenen Musik der vier Engländer, von denen wir sicher noch eine Menge hören werden.
Anschließend hören wir bei dem finnischen Sextett von Rubik (23:15 Uhr Angie´s Nightclub) eine Mixtur aus Folk- und Pop-Melodien, die mit allerhand Akustikinstrumenten (Schelle, Sax, Glockenspiel etc.) rund um den basisbildenden Gitarrensound, Schlagzeug und mehreren Keyboards zu einer besonderen Art von Indie-Rock verschmelzen. Ihre Songs wirken durch die unterschiedliche Instrumentierung und die mehrstimmigen Parts zum Teil etwas experimentell, es sind aber wirklich gut arrangierte Kompositionen, die mal ruhiger und dann wieder treibend-rockig sind. Erneut bestätigt uns auch diese Band eindrucksvoll, dass uns die Skandinavier in Sachen Musiktrends manchmal ein wenig voraus sind.
Auf dem Spielbudenplatz lohnt sich zwischendurch auf jeden Fall eine Tanzeinlage an der frischen Luft bei der Converse "Stille Nacht", wo sich heute die DJ´s vom Bodi Bill DJ-Team und Torsun (Audiolith/Egotronic) ein nach außen hin stilles Battle liefern. Mit Kopfhörern wird an einem Regler der favorisierte DJ ausgewählt und abgetanzt. Ein wirklich witziges Erlebnis, aber nur, wenn man selber die Kopfhörer auf hat und nicht ohne Musik die ganzen zappelnden Gestalten von außen betrachtet.
Der zweite Festivaltag neigt sich langsam dem Ende zu, doch bevor die eigentlichen Headliner des Abends spielen, möchte ich noch bei Singer-Songwriter John Vanderslice (23:40 Uhr Imperial Theater) vorbeischauen. Das vollbesetzte Theater zeigt, dass das amerikanische Duo (Gitarre/Gesang und Drums/Keyboard) ganz offensichtlich auch in Hamburg schon eine richtige Fanbase hat. Wer glaubt, dass die beiden ausschließlich ruhige Singer-Songwriter Melodien spielen, wird heute eines Besseren belehrt. Zu zweit sind sie in der Lage, eine ganze Bandbreite an Musikrichtungen abzudecken, als stünde eine vierköpfige Band auf der Bühne. Etwas Indie-Rock mit elektronischen Einflüssen, dann eigentlich eher Pop, oder war es jetzt doch Singer-Songwriter? Dass es in den Texten auch ernst zugeht, nimmt man als Zuhörer erstmal nicht wahr, denn der 42-jährige Frontmann ist schließlich Profi und dabei auch noch musikalisch unglaublich begabt, ein echter Künstler eben!
Der Tag ist so wahnsinnig schnell vergangen, jetzt freue ich mich aber noch auf den krönenden Abschluss des Abends mit The Rifles (01:00 Uhr Docks). Das aktuelle Album der stylischen vier Briten aus der Musikmetropole London "Freedom Run" ist gerade erst Mitte September erschienen und schon jetzt füllen sie bei uns Locations wie das Hamburger Docks. Ihr typisch britischer Sound lässt Einflüsse der örtlichen Musikszene wie von The Clash und The Smith o.ä. durchscheinen, man hat schon fast den Eindruck, dass sie dem klassischen Britpop der 90-er Jahre nacheifern und in die Fußstapfen von Oasis & Co treten wollen. Songs wie "The Great Escape" vom gleichnamigen Erfolgsalbum oder "Peace & Quiet" von ihrer ersten EP sind den Fans hier natürlich geläufig und gehen direkt in die Tanzbeine. Sogar bei dem B-Seiten Song "Rock The Boat" geben sich die Fans textsicher und nach ein wenig Aufforderung klappt´s schließlich auch mit dem Mitklatschen, bis das Publikum dann endgültig auftaut und zu "Romeo & Julie" richtig abrockt. Insgesamt ist ihr Auftritt heute eine runde Sache und bildet so tatsächlich einen wundervollen Abschluss des heutigen Festivaltages. Zufrieden und mit allerhand neuen musikalischen Inspirationen im Ohr mache ich mich auf den Nachhauseweg, während auf dem Kiez noch immer der Bär tobt.
Und wer für den heutigen Tag noch immer noch nicht genug Musik gehört hat, der tanzt auf einer der unzähligen Aftershow-Parties, wie z.B. im Molotow, der Hasenschaukel, dem Grünen Jäger oder dem Knust, weiter durch die Festivalnacht.
Tag 3 mit Ray´s Reeperbahn Revue, Francis International Airport, Airship, Gypsy & The Cat, Flashguns, Brooke Fraser u.v.a.
Sogar am letzten Festivaltag gibt es noch einmal milde Temperaturen und sommerlichen Sonnenschein, dies dürfte den Veranstaltern auch heute wieder gute Besucherzahlen bescheren.
Voller Energie und gut gelaunt mache ich mich diesmal rechtzeitig auf den Weg, um die im dritten Jahr stattfindende Kultvorstellung von Ray´s Reeperbahn Revue mit MTV-Koryphäe Ray Cokes (17:00 Uhr Schmidt Theater) miterleben zu dürfen. Täglich stellt Ray Cokes mit seiner äußerst kessen Art und seinem britischen Humor Künstler des Festivals vor, die eine kurze Live-Session spielen und zu einem kurzen Interview auf seiner Couch eingeladen sind. Zum heutigen Singer-Songwriter Tag auf dem Reeperbahn Festival hat er darüber hinaus die berühmten Songwriter/Producer Rob Davis (für Kylie Minogue, Mika etc.) & Martin Gallop (für Annett Louisan, Musiker bei Udo Lindenberg Unplugged) zu Gast, die extra zum Songwriter Camp nach Hamburg gekommen sind. Sie zeigen uns im Laufe der Show eindrucksvoll, wenn auch im Schweiße des Angesichts seitens Ray Cokes, wie man innerhalb einer Stunde mit Publikumsphrasen einen Song schreiben kann. Weitere Gäste sind die isländische Indie-Rock Combo Dikta, der in Südafrika aufgewachsene Solokünstler Yoav sowie die Indie-Pop Experten Francis International Airport aus Österreich, die hier eine kleine akustische Kostprobe aus ihrem Repertoire spielen und deren aktuelle Alben er sogar im Anschluss im Publikum verteilt. Selten habe ich mich in einer Show so großartig unterhalten gefühlt, das Publikum hatte eine Menge Spaß und auch Ray Cokes war als Entertainer der Superlative ganz in seinem Element. Ich ärgere mich jetzt direkt ein wenig, dass ich seine Show bisher verpasst habe, aber das hole ich nächstes Jahr auf jeden Fall nach! Wer sich seine amüsante Samstags-Show noch einmal bei N-Joy ansehen möchte, kann dies hier tun.
Noch völlig überwältigt von Ray´s Reeperbahn Revue führt mein Weg direkt nebenan ins Kukuun, um mir das Showcase der kanadischen Band Hot Panda (19:00 Uhr, Kukuun) im Rahmen der diesjährigen Canadian Blast Veranstaltungen anzusehen. Seit ihrer ersten EP 2008 hat die Band zahlreiche Festivals und Konzerte vor allem in Nordamerika und Europa gespielt, nach eigenen Angaben wollen sie einfach nur Rock´n Roll spielen, der die Menschen glücklich macht und zum Tanzen bringt. "Unkonventionell" ist das erste Wort, welches mir zum Thema dieses gemischten Newcomerquartetts in den Sinn kommt. Ihre Musik wirkt teils befremdlich, aber dann wieder total toll, weil sie einfach keinen Regeln folgt. Sie bewegt sich zwischen traumhaftem Lärm, herzzerreißenden Melodien mit Country-Einflüssen, psychedelisch-entrückten Parts, lieblichen Harmonien und endet in konkreten Punk-Rock Songs. Das Publikum im mittlerweile proppenvollen kleinen Club ist sichtlich begeistert und freut sich über so viel musikalische Abwechslung. Anders eben, und vor allem tanzbar!
Mein Konzertfahrplan gibt mir nun den bisher längsten Weg zwischen zwei Konzerten vor, ich mache mich auf den Weg zum Grünen Jäger, damit ich in der doch recht kleinen Location frühzeitig eintreffe, um nicht vor der Tür stehen bleiben zu müssen, so wie im letzten Jahr geschehen. Das Quintett aus Wien um Frontmann Markus Zahradnicek Francis International Airport (20:20 Uhr Grüner Jäger) hat nach ihrem homerecording Lo-Fi Debütalbum seit letztem Herbst sein zweites Album "In The Woods" auf dem Markt und spielte schon im April bei uns in der Astrastube. Sie beglücken die zahlreich erschienenen Zuhörer mit harmonischem Indie-Rock mit Pop Einflüssen, melodisch rund und schön anzuhören. Einige Songs haben tatsächlich ein wenig was von Arcade Fire, vor allem die satten Arrangements aus einer Vielzahl von Instrumenten mit pochenden Drums, E-Gitarren, Synthieklängen und stimmlich abhebenden Refrains in "Amnesiacs" und "Monsters", darüber freue ich mich persönlich ja immer besonders, weil ich deren Sound einfach fantastisch finde, wirklich toll! Natürlich klingt nicht alles danach, das ist eben das schöne bei FIA, sie spielen ein abwechslungsreiches Set, in welchem sie dem Publikum eine gute Songauswahl präsentieren, die Reaktionen im Publikum sind ausschließlich positiv und werden mit viel Applaus honoriert.
Mittlerweile sind im Jäger jedoch gefühlte hundert Grad und Null Prozent Sauerstoff, so dass ich mich nach frischer Luft sehne und mir im Anschluss den Beginn des Konzertes von Airship (21:15 Uhr Knust) im Knust ansehe, bevor ich mich dann zurück in Richtung Spielbudenplatz begebe. Die Alternative Rocker aus Manchester konnten ihre Live Qualitäten schon im letzten Jahr beim Support der Editors unter Beweis stellen, Anfang September ist schließlich auch ihr Debütalbum "Stuck In This Ocean" released worden. Das Knust ist zwar gut besucht, aber ich hatte durchaus mit mehr Andrang gerechnet. Die fünf Briten spielen zu Beginn ihres Konzerts ein vorwiegend rockiges Set mit scheppernden Becken, krachenden Drums und verzerrten E-Gitarrensounds, die sich auch mal zu breiten Lärmwänden aufbäumen. Im Kontrast hierzu steht die doch recht weiche und auch manchmal hohe Stimme des Frontmanns Elliot Willliams, welche in Verbindung mit einprägsamen Hooklines und Refrains den Songs eine gewisse Pop-Note verleiht. Wer schon den Alternative-Rock Sound der schottischen Inselkollegen von Biffy Clyro mochte, der kommt hier jedenfalls voll auf seine Kosten.
Auf dem Rückweg werfe ich noch einen kurzen Blick bei der Berlinerin Ella Vendetta (21:15 Uhr Hanseplatte) rein. Der kleine Plattenladen ist so voll, dass man wirklich nur am Rande etwas von dem Konzert mitbekommen kann. Hier wird zu vorrangig deutschsprachigem Pop/Soul und Funk gegrooved, während draußen zwischen Knust und Hanseplatte frische Graffitis an die Wände oberhalb der Sitzstufen gesprüht werden.
Langsam wird es Zeit das Docks aufzusuchen, um die Newcomer und Radiostürmer Gypsy & The Cat (22:30 Uhr Docks) aus Australien anzusehen. Mit ihrem absoluten Ohrwurm "Jona Vark" haben sie nicht nur die Mädchenherzen im Sturm erobert, sondern auch die der Radiohörer. Ich bin gespannt auf den Live Auftritt des jungen Duos, das sind die 21-jährigen gut aussehenden Jungs Xavier Bacash und Lionel Towers, und darauf, ob sie nur ein "One Hit Wonder" bleiben oder noch mehr zu bieten haben. Im Docks herrscht schon mächtiges Gedränge, hauptsächlich Mädchen belagern die Reihen direkt vor der Bühne. Ihre süßen Pop-Melodien, mit deutlich hörbarem Bee Gees-Einfluss, wirken auf mich live nicht aussagekräftig genug, schon dass sie meterweit voneinander auf der Bühne entfernt stehen, lässt die Band irgendwie "auseinander fallen". So richtig will auch im Publikum zunächst nicht so recht Begeisterung aufkommen, obwohl die extrem jungen Musiker in Australien mit dem Support von Kylie Minogue schon sehr erfolgreich waren. Zur Aufnahme ihres Debütalbums "Gilgamesh" mit den namhaften Produzenten von MGMT und Muse ist die Band eigens nach London gereist, hoffen wir mal, dass sie diese "Qualität" in Zukunft auch in ihre Live-Auftritte transferieren können.
Um nicht zu spät bei den Flashguns zu sein, und weil das Konzert in seiner Gesamtheit nicht überzeugt, gehe ich lieber noch auf einen kurzen Sprung bei dem Züricher Indie-Trio My Heart Belongs To Cecilia Winter (22:45 Uhr Prinzenbar) vorbei. Obwohl man kaum noch in den Club reinpasst, versuchen alle über die Köpfe hinweg einen Blick auf die Band zu erhaschen. Die Maskerade von Frontmann Thom Luz wirkt ein wenig von The Empire Of The Sun abgekupfert, dies kann aber auch in seinen Theaterwurzeln begründet liegen, melodisch liegt ein Hauch von Arcade Fire und The Raveonettes in der Luft. Es ist eine angenehm ausgelassene Stimmung, die das Musikertrio hier erzeugt. Alle wippen zu den Folk-/Popmelodien mit und sind von der musikalischen Darbietung mit den lieblichen zweistimmigen Gesängen von Sängerin Betty Fischer und Thom Luz entzückt, die auch mal mit rockigen Parts kombiniert werden.
Gerne wäre ich noch länger geblieben, doch das Molotow wartet schon mit den britischen Youngsters der Flashguns (23:20 Uhr Molotow) auf mich. Erst im November letzten Jahres waren sie bei uns auf Tour und jetzt ist es schon fast da, ihr lang ersehntes Debütalbum "Passions Of A Different Kind" (VÖ: 14.10.), von dem sie uns heute einiges live präsentieren. Der Musikstil des seit der Kindheit befreundeten Londoner Trios um Sänger Sam Felix Johnston orientiert sich ganz offensichtlich an Vorbildern wie The Smiths und The Cure. Ihre Songs sind simpel arrangiert, ohne viel Schnickschnack, dafür aber richtig rockig und auch tanzbar, so dass das Publikum schon direkt nach Beginn zu Tanzen anfängt. Ihr vorwiegend flotter Indie-Rock, mit teils düsterem Klang, ist vor allem für Drummer Giles Robinson richtig Arbeit, aber dafür kommt auch ein klasse Drumsound zustande, der nach ruhigeren Parts E-Gitarre und Bass wieder zusammenführt , um schließlich gemeinsam wieder "auszubrechen". Die jetzt schon bei mir als Ohrwurm deklarierte zweite Singleauskopplung "Passions Of A Different Kind" spielen sie auch live mit voller Leidenschaft. Ihre Musik macht neugierig auf mehr, insofern freuen wir uns auf ihr bevorstehendes Albumrelease. Die Zeit vergeht so schnell, dass es nun tatsächlich schon Viertel nach Zwölf ist und ich geschwind zum letzten Konzert dieses Abends flitze.
Den Abschluss des Reeperbahnfestivals bildet für mich der Auftritt der neuseeländischen Singer-Songwriterin Brooke Fraser (00:00 Uhr Docks), deren Name irgendwie jeder schon mal gehört haben sollte. Das Docks ist zur letzten Headlineshow des diesjährigen Reeperbahn Festivals brechend voll, glücklicherweise schaffe ich es noch, mich bis ganz nach vorne durchzukämpfen. Die 27-jährige Vollblutmusikerin verzaubert mit ihrem himmlisch anmutenden Gesang und ihrer hervorragenden Band jeden einzelnen hier im Publikum. Ihre Musik basiert auf ernsthaftem Songwriting verbunden mit hochklassigem künstlerischem Ausdruck, die träumerischen Pop-Melodien ziehen uns alle uneingeschränkt in ihren Bann. Die Darbietung der fünfköpfigen Band liegt musikalisch auf höchstem Niveau, zu Recht erhalten sie während des gesamten Konzerts stets tosenden Beifall und anerkennende Jubelrufe, und natürlich wird auch fleißig mitgeklatscht und mitgesungen. Selbstverständlich performt Brooke Fraser ihren Erfolgssong "Something In The Water" von ihrem aktuellen dritten Album "Flags", welches bei uns im Juli sogar auf Platz 6 der Albumcharts eingestiegen ist. Nachdem sie uns noch eine eindrucksvolle und wunderschöne Coverversion des Coldplay Klassikers "Violet Hill" präsentiert haben, verlässt Brooke Fraser mit ihrer Band schließlich um 01:00 Uhr die Bühne und kommt trotz unaufhörlichem Applaus bedauerlicherweise auch nicht mehr zurück.
Und schon wieder geht ein großartiges Reeperbahn Festival zu Ende. Moderate Ticketpreise, die Präsentation von Newcomern statt Headlinern, der weit gefächerte musikalische Mix, die Intimität der Konzerte mit der Möglichkeit die Künstler noch hautnah zu erleben, das kostenlose Rahmenprogramm rund um die Reeperbahn - all diese Faktoren machen dieses atmosphärische und urbane Club-Festival mit seinen außergewöhnlichen Veranstaltungsorten zu einer echten Rarität in Deutschland. Auf allen drei Veranstaltungsebenen "Music, Campus & Arts" löst das Konzept des Reeperbahn Festivals auch dieses Jahr wieder höchste Begeisterung und stetig wachsende Besucherzahlen aus. Wo andere Festivals große Kritik einstecken mussten, kann man den Veranstaltern und allen Mitwirkenden hier nur Respekt zollen, der zunehmende Erfolg spricht definitiv für sich. Mir fällt tatsächlich kein einziger Kritikpunkt ein, außer dass das Programm schon so vielfältig geworden ist, dass man in der Kürze der Zeit gar nicht mehr alles schaffen kann, was man sich vorgenommen hat. Vielleicht sollte man sich für das kommende Jahr dann klonen lassen, damit man ein breiteres Spektrum der Veranstaltungen abdecken kann. Wer ebenfalls nicht alle Wunsch-Bands hören konnte, dem lege ich noch einmal die Reeperbahn Festival Compilation 2011 nahe, auf der ganze 38 Songs (plus 2 Songs als Free i-Tunes Download vom Festivalticket) für zehn Euro erhältlich sind.
Für Musikliebhaber und vor allem für "Entdecker" wie mich ist es DIE Veranstaltung des Jahres in Deutschland! Wer sich schon jetzt auf das Reeperbahn Festival 2012 freuen will, sollte sich hier unbedingt noch einmal den offiziellen Trailer 2011 anschauen. Eine Fotoauswahl aller drei Festivaltage findet ihr unter diesem Link! Viel Spaß dabei und bis zum nächsten Jahr auf dem wundervollen Reeperbahn Festival 2012 in Hamburg! Termin Reeperbahn Festival 2012: 20.-22. September 2012!