Reeperbahn Festival

Reeperbahn Festival 2010 - 23.-25.09.2010

23.09.2010 Reeperbahn / Hamburg

Von: Jessica Franke

Reeperbahn Festival Hamburg

Zum fünften Mal versammeln sich in diesen Tagen Musikbegeisterte, um auf dem Reeperbahn Festival gemeinsam Musik zu entdecken und zu erleben. Dass in diesem Jahr genau wie 2009 rund 17.000 Besucher an diesem Ereignis teilnehmen und sogar viele aus dem Ausland anreisen, beweist eindeutig, dass sich das Festival stets wachsender Beliebtheit und vor allem auch Internationalität erfreuen kann. Und das völlig zu Recht. Mittlerweile zählt das Festival zu einem qualitätsorientierten Entdeckerfestival, auf dem in diesem Jahr zum ersten Mal vollständig auf Headliner verzichtet wird, um 190 Newcomern aus aller Welt die Chance zu bieten, entdeckt zu werden. Schon das Reinhören im Vorwege in das überwiegend unbekannte Lineup steigert dabei die Vorfreude noch mehr auf drei Tage mit toller Musik.

Den Auftakt machen für mich am ersten Tag The Popopopops (20:00-20:45, Prinzenbar) aus Frankreich, die mit ihrem Sound stark an Friendly Fires oder Foals erinnern. Das ist ja generell nicht schlecht, geht allerdings ein wenig auf Kosten der Individualität. Sympathisch sind die jungen Franzosen dennoch und sie schaffen es immerhin, die proppevolle Prinzenbar zum kollektiven Tanzen und Mitklatschen zu animieren.

Aus dem kalten Schweden, wie sie es selbst anmerken, kommen Turpedo (21:15-22:00, Molotow Bar) angereist, um die kleine Molotow Bar mit ihrem spirituellen Sound auf eine Zeitreise in die 70er Jahre mitzunehmen. Genau darauf scheinen die Zuschauer hier gewartet zu haben, die kleine Bar ist brechend voll, und selbst vor dem Schaufenster versucht man einen Blick oder Schnappschuss zu ergattern. Bleibt also nur noch zu hoffen, dass die sympathischen Skandinavier mit ihrem Psychedelic-Rock schnell wieder die Reise nach Hamburg antreten.

Der nächste Weg ist nicht weit, einmal die Treppen runter und schon ist man beim Auftritt von Kurran & The Wolfnotes (22:30-23:15, Molotow), dem sympathischen Quintett aus London. Von der ersten Minute an lassen es die Jungs ordentlich krachen und regen das Publikum mit ihrem äußerst tanzbaren und abwechslungsreichen Indierock regelrecht an, das Tanzbein zu schwingen. Dafür werden sie schließlich auch von diesem mit tosendem Applaus belohnt. Mit ihrer leidenschaftlichen Hingabe und regen Kommunikation zum Publikum beweisen sie, dass sie es genießen auf der Bühne zu stehen, das macht dann sichtlich nicht nur den freundlichen Briten Spaß.

Ebenfalls aus London kommt das Quartett von Life In Film (23:45-00:30, Molotow), das sich dem Indierockpop verschrieben hat. Bei den melodiösen Songs kann man die Füße nicht still halten, kollektiv wird sich in der Menge mitbewegt, enthusiastisch werden die charmanten Briten bejubelt. Dafür richtet Sänger und Gitarrist Samuel Fry immer wieder das Wort an die Zuschauer und zeigt sich sichtlich gerührt von der durchweg positiven Resonanz aus dem Publikum.

Und wer es sich jetzt im Molotow schon mal gemütlich gemacht hat, der bleibt auch gleich da und lässt sich von Mis-Shapes mit tollem Indierock beschallen. Zahlreiche Besucher kommen der Gelegenheit jedenfalls nach und lassen einen wundervollen ersten Festivaltag auf diese Weise ausklingen. So auch die Autorin, die sich an der Stelle für das Spielen von Joy Division bedanken möchte!

Der zweite Tag des Reeperbahn Festivals 2010 verspricht nicht weniger spannend zu werden. Im Vergleich zum ersten Festivaltag sind heute noch einmal mehr Clubs und somit noch einmal mehr Acts dazu gekommen. Das macht die Entscheidung eindeutig nicht leichter und so lässt man sich auch am heutigen Tag von der Menge treiben, um neuen Bands auf die Spur zu kommen. Das britische Quintett Goldhawks (19:45-20:30, Molotow), das sich nach seiner Heimat, der Goldhawkstreet im Westen Londons benannt hat, eröffnet für mich nun also den zweiten Festivaltag. Der Club ist bereits jetzt proppevoll, der Einlass muss schließlich gestoppt werden. Schon zu Beginn ist es so heiß, dass einem beim bloßen Stehen der Schweiß aus den Poren getrieben wird. Dennoch lässt es sich niemand hier nehmen, sich zu den melodiösen Songs der Briten mit zu bewegen. Nicht nur bei den tanzbaren Nummern schaffen sie es, das Publikum in Begeisterung zu versetzen, gerade bei den ruhigeren Stücken kann Sänger Bobby Cook seine eindrucksvolle Stimme präsentieren, wofür die Goldhawks von den Zuschauern ebenfalls euphorischen Applaus ernten.

Dass in England mit Hypes nicht gegeizt wird, ist ja mittlerweile bekannt. Warum das junge Quartett um Egyptian Hip Hop (21:15-22:00, Molotow) momentan allerdings aus keinem NME mehr wegzudenken ist, bleibt mir nach diesem Auftritt ein echtes Rätsel. Eher gelangweilt wirken die jungen Herren aus Manchester und auch wenn mir der letzte Song ganz gut gefallen hat, kann mich ihr experimenteller Sound insgesamt nicht überzeugen. Der Besucherandrang ist eindeutig geringer als zuvor, dennoch zeigen einige Zuschauer durch fleißiges Mittanzen und Jubeln, dass ihnen dieser Auftritt gut gefallen hat, ich kann ihnen jedoch leider nichts abgewinnen.

Einen Sympathieträger durch und durch trifft man dafür schließlich mit James Yuill (22:30-23:30, Moondoo), der eine Mischung aus elektronischen Beats und seiner melancholischen, wohlklingenden Stimme präsentiert und damit für einen gut gefüllten Club mit ausgelassener Feierstimmung sorgt. Neben der beeindruckenden Kombination aus Akkustikgitarre, Elektro und Gesang, wird das Gesamtbild noch mit hübsch anzusehenden Visuals unterstützt. Ein durchweg gelungener Auftritt des charmanten britischen Singer und Songwriters, der sich hoffentlich nicht lange bitten lässt, das Hamburger Publikum bald wieder zu begeistern.

Niemand sonst mischt Rock, Reggae, Folk und Pop so gekonnt und erfrischend spannend zusammen wie der 21-jährige Cosmo Jarvis (22:45-23:45, Beatlemania), der heute ebenfalls aus England angereist ist, um das Publikum zusätzlich zu seinem musikalischen Talent noch mit seiner munteren und fröhlichen Art zu begeistern. Hat man die vielen Stufen zur Beatlemania erstmal auf sich genommen, wird man schließlich mit einer energiegeladenen Show über den Dächern der Reeperbahn belohnt. Obwohl sich scheinbar nicht allzu viele Besucher die Mühe des Treppensteigens gemacht haben, ist der kleine Raum gut genug gefüllt, um eine herausragende Stimmung aufkommen zu lassen. Ausgelassen wird zu den abwechslungsreichen Songs des jungen Singer und Songwriters getanzt, enthusiastisch wird er für diesen tollen Auftritt mit Jubel belohnt.

Wieder zurück im geliebten Kellerclub erwarten bereits zahlreiche Besucher den Auftritt von Lyrebirds (00:00-00:40, Molotow) aus dem wunderschönen Brighton, England. Kaum dröhnt ihr Sound aus den Lautsprecherboxen, ist der Einlass an der Tür auch schon gestoppt, vor der Bühne tummeln sich die Zuschauer und es bedarf nicht viel Zeit, bis eine Bullenhitze herrscht. Das liegt wohl auch eindeutig daran, dass es die jungen Briten von der ersten Minute an auf der Bühne ordentlich krachen lassen und richtig gute Rockmusik präsentieren. Dabei erinnern sie mich sowohl musikalisch als auch von Klamotte und Gestik durch und durch an The Strokes, lediglich die Kommunikation mit dem Publikum klappt bei Sänger Adam Day eindeutig besser im Vergleich zu Julian Casablancas’ Versuchen auf dem Hurricane 2010. Ein bisschen mehr Individualität hätte ich mir von dem Quintett zwar gewünscht, aber das kann ja auch noch werden und dass der ein oder andere Zuschauer nach dem Auftritt verschwitzt und sichtlich glücklich ist, spricht eindeutig für einen gelungenen Auftritt.

Wer sich im Molotow schon warm getanzt hat, bleibt gleich zur Club NME Party mit den DJ’s Mikey Four und Jeff Automatic aus London. Alternativ wird jedoch noch so einiges mehr geboten in der heutigen Nacht. Wer die Hitzemauer in der Prinzenbar durchbrechen kann, landet direkt beim DJ Set von Friska Viljor, die ordentlich Gas geben und es bestens verstehen, dem Publikum ordentlich einzuheizen. Das macht sogar schon beim Zusehen Spaß und eignet sich hervorragend, um den zweiten Tag gebührend ausklingen zu lassen.

Auf, auf in einen letzten Festivaltag, auch heute soll es wieder viel zu entdecken geben. Die sympathischen Dänen von The Broken Beats (19:45-20:25, Docks) spielen sich gleich zu Beginn des Abends sowohl mit einem Gespür für Melodien als auch mit einer charmanten Art direkt in die Herzen der Zuschauer. Nicht nur für ihre melodischen Songs wird das nette Quintett vom zahlreich erschienenen Publikum mit enthusiastischem Applaus belohnt, auch für die rege Kommunikation, wohl bemerkt auf Deutsch!

Pünktlich zum Auftritt von The Crookes (20:45-21:30, Molotow) aus Shefflield, England, müssen die Türen des Clubs auch schon wieder dicht gemacht werden. Zu viele Menschen versuchen an dem ersten Auftritt der vier smarten Briten teilzuhaben. Adrett gekleidet in Streifenhemd und Stoffhose macht das Quartett sogar äußerlich einiges her. Mit ihrem Sound, der eine gekonnte Mischung aus 50’s Rock n’ Roll und Indierock darstellt, und zudem einer äußerst charmanten Art spielen sie sich direkt in die Herzen der Zuschauer und animieren diese durchweg gekonnt zum kollektiven Tanzen und Mitklatschen. Sowohl die leidenschaftliche Performance als auch die rege Kommunikation zum Publikum, bei der sich Sänger und Gitarrist George Waite immer wieder in Deutsch versucht, sorgen bei den Zuschauern für pure Begeisterung. Da verwundert es auch nicht, dass nach dem gelungenen Auftritt nach einer Zugabe verlangt wird, leider haben die Jungs jedoch sowohl keine Zeit als auch keine weiteren Songs mehr mit im Gepäck. Sicherlich kann man sich aber jetzt schon auf ein baldiges Wiedersehen freuen.

Nun aber mal raus aus dem Keller und auf in die Prinzenbar, denn dort hat es sich bereits das Duo um Toy Horses (21:45-22:30, Prinzenbar) auf der Bühne bequem gemacht, um die Zuschauer mit ihrem fröhlichen Indiepop zu begeistern. Und das machen sie wirklich gekonnt. Während die melodiösen Songs regelrecht zum Tanzen einladen, werden ebenfalls die ruhigeren Songs sowie die rege Kommunikation mit dem Publikum schließlich mit enthusiastischem Applaus belohnt und sorgen durchweg für eine ausgelassene Stimmung in der kleinen hübschen Bar.

Frühzeitig zieht es mich aber dann doch schon weiter, um mich von dem wilden Treiben von Young Rebel Set (22:20-31:10, Terrace Hill) anstecken zu lassen. Mit Akustik- und E-Gitarren, Schlagzeug, Bass und Mundharmonika erzeugen Young Rebel Set einen rhythmisch krachenden Folklore-Klangwall mit erdigem Rocksound, dem sich hier keiner entziehen kann. Eine musikalische Aufforderung zum Grölen und Schunkeln – roher und trotziger, als man es von den Genre-Kollegen The Pogues oder Mumford & Sons kennt. Und genau das ist es wahrscheinlich, wofür sie vom Publikum ganz offensichtlich geliebt werden. Grandioser Auftritt, der eindeutig eine schönere Location verdient hätte.

Viel Zeit bleibt nicht, denn der Auftritt von Fuck Art, Let´s Dance (Molotow Bar) wartet schon auf mich. Und als hätte ich es nicht schon geahnt, muss der Einlass pünktlich zu Beginn gestoppt werden, die kleine Molotow Bar ist brechend voll. Ein Blick durch das vollkommen beschlagene Schaufenster eröffnet jedoch Vielversprechendes und lässt lediglich die Hoffnung übrig, dass das Hamburger Trio sein Set bald wieder zum Besten gibt, dann hoffentlich auch in einer größeren Location.

Dann bleibt schließlich kurz Zeit, um ein wenig zu verschnaufen, ein Bierchen zu genießen und dem Auftritt von The Black Angles (Molotow) entgegen zu fiebern. Auch hier lohnt sich frühes Erscheinen, dem ich leider wieder nicht nachkomme. Und so bleibt mir leider der Blick auf das amerikanische Quintett zwar verwehrt, mit ihrem psychedelischen Sound können sie mich dennoch überzeugen, und ganz eindeutig auch die übrigen, zahlreich erschienenen Besucher. Bereits im Jahre 2004 gründete sich das sympathische Quintett, das heute schon mit seinem dritten Album anreist und die Zuschauer in Begeisterung versetzt. Herausragende Stimmung, grandioser Auftritt.

Und das war es nun, drei Tage mit wundervoller Musik und fantastischen Neuentdeckungen. Zum Abschluss präsentieren die Blood Red Shoes noch ein legendäres DJ Set und beschallen die zahlreich erschienenen Besucher mit Nirvana, Biffy Clyro, Queens Of The Stone Age und Co. Bis tief in die Morgenstunden wird hier ausgelassen gefeiert, das lasse natürlich auch ich mir nicht nehmen!

Was für ein fantastisches Reeperbahn Festival 2010. Vom Lineup bis zur Organisation kann ich über dieses Festival nur positiv berichten. Scheinbar hat die Erweiterung um sechs neue Spielstätten sowie der Verzicht auf große Headliner dafür gesorgt, dass lange Schlangen vor den Clubs vermieden werden konnten, zumindest hatte ich den Eindruck. Selbst wenn es zum Einlassstopp kam, hat sich die Menge daraufhin gut verteilt. Zudem konnte man unter den Festivalbesuchern immer wieder hören, dass sowohl die ungewöhnlichen Etablissements wie die altehrwürdige St. Pauli Kirche oder das Partyschiff Frau Hedi als auch das umfangreiche Kunstprogramm mit etlichen musikbezogenen Ausstellungen und der Reeperbahn Campus zusätzlich zu einem unvergesslichen Erlebnis beitrugen. Was bleibt mir also noch mehr zu sagen als: Wir sehen uns auch 2011 ganz gewiss wieder oder wie es Ray Cokes in einer kleinen Liebeserklärung ausdrückte: HH steht für Hamburg in my heart!

Twitter

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload

Mehr zum Thema:

Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Rhingtön
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
Sebastian Black